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»Der kommt nicht weit«, sagte der Polizist. »Barfuß und in einem weißen Nachthemd kann er nicht weit kommen.«

»Aber Sie haben ihn noch nicht geschnappt, und er ist schon zwölf Stunden weg.«

Der Polizeibeamte stand auf und ging zur Tür. »Wie wahr!« Er öffnete sie, trat hinaus und wandte sich dann noch einmal um. »Einer der Burschen da drin sagte, Bowers sei nicht allein gewesen. Er sagte, seine eigene tote Mutter habe Bowers begleitet.«

Der Arzt lächelte etwas schief. »Kinder und Verrückte sehen alles mögliche«, sagte er.

Der Polizeibeamte entfernte sich, und der Arzt schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Dem Beamten gegenüber hatte er sehr kaltschnäuzig getan, weil man ja schließlich sein Gesicht nicht verlieren durfte. Doch obwohl er das nicht einmal seiner Frau eingestehen würde, war es in Wirklichkeit so, daß er noch niemals in seinem ganzen Leben auf irgendeinem menschlichen Gesicht, ob lebendig oder tot, einen solchen Ausdruck des Entsetzens gesehen hatte wie auf dem des Wärters Koontz. Als man ihn gefunden hatte, lag er auf dem Rücken und starrte mit weit aufgerissenen gebrochenen Augen zur Decke der Blauen Abteilung empor, den Mund zu einem Todesschrei geöffnet.

Derry: Drittes Zwischenspiel

>A bird came down the walk -He did not know - I saw -He bit an angle-worm in naives -And ate the fellow - raw -

Emily Dickinson >A Bird Came Down The Walk<

17. März 1985

Der Brand im >Black Spot< ereignete sich im Spätherbst 1930, und niemand hier in Derry spricht gern darüber, ebenso wie niemand gern über das häufige Verschwinden von Kindern in Derry oder die hohe Mordrate oder die Explosion in der Kitchner-Eisenhütte im Jahre 1903 spricht, für die es auch heute, nach immerhin fast 82 Jahren, keine Erklärung gibt.

Soweit ich feststellen konnte, beendete das Feuer im >Black Spot< den Zyklus von Morden und Vermißtenmeldungen der Jahre 1929/30 ebenso wie die Explosion der Eisenhütte den entsprechenden Zyklus der Jahre 1902/03 abschloß. Was hier auch etwa alle 27 Jahre geschehen mag, was für eine schreckliche Kraft hier auch immer am Werk sein mag, es sieht jedenfalls ganz so aus, als sei am Ende eines jeden Zyklus ein riesiges Menschenopfer notwendig, um ES für ungefähr ein Vierteljahrhundert in Schlaf zu versetzen.

Es sieht aber auch so aus, als sei nicht nur zum Abschluß eines jeden Zyklus solch ein Opfer notwendig, sondern als sei ein ähnliches Geschehnis auch Voraussetzung dafür, die Dinge in Gang zu setzen... und den Zyklus auszulösen.

Wenn das Feuer im >Black Spot< das Omega jenes Zyklus war, der dem, in den wir uns einmischten, voranging - was war dann das Alpha? Ich wünschte, ich könnte diese Frage nicht beantworten. Aber unglückseligerweise kann ich es.

Es begann im Oktober des Jahres 1929 - dreizehn Monate vor dem Brand im >Black Spot< - mit der Exekution der Brady-Bande an der Kreuzung Canal-, Main- und Kansas Street -, unweit jener Stelle, die auf dem Foto zu sehen war, das an einem Junitag 1958 vor Bills und Richies Augen zum Leben erwachte.

Viele Einwohner Derry s behaupten - wie auch beim Thema Brand im >Black Spot< -, sich an die Ereignisse jenes Tages nicht erinnern zu können. Oder sie behaupten, an jenem Tag gar nicht in der Stadt gewesen zu sein, Freunde außerhalb Derry s besucht zu haben. Oder sie haben ein Nachmittagsschläfchen gehalten und erst am Abend in den Nachrichten im Radio gehört, was vorgefallen war. Oder aber sie lügen einem einfach frech ins Gesicht: »Das war ausschließlich Sache des FBI und nicht unsere«, sagen sie. »Sullivan war damals Sheriff. Das war kurz bevor er infolge eines Herzinfarkts starb. Ein verdammt guter Mann. Aber er wußte auch von nichts. Alles hat das FBI gemacht. Das FBI hat damals in den 3oer Jahren ganz schön mit dem Banditentum aufgeräumt.«

Aber in >Bloodletters and Badmen< steht, die ganze Brady-Bande sei bei einem >heftigen Feuergefecht unter Leitung des mutigen Sheriffs von Derry< ums Leben gekommen.

In den Polizeiakten ist zu lesen, daß Sullivan damals nicht einmal in der Stadt war (»Na klar erinnere ich mich noch daran«, erzählte mir Aloysius Nell auf der Sonnenterrasse der Paulson-Privatklinik in Bangor. »Es war mein erstes Jahr bei der Polizei, deshalb weiß ich's noch so genau. Sullivan war an jenem Tag auf Vogeljagd in West-Maine. Als er zurückkam, waren die Leichen alle schon abtransportiert. Jim Sullivan war ganz schön sauer.«); aber auf einem Foto in >Bloodletters and Badmen< ist ein grinsender Mann zu sehen, der im Leichenschauhaus neben dem von Kugeln durchsiebten AI Brady steht - und dieser grinsende Mann ist Sullivan.

Die einzige unumstößliche Tatsache schien zu sein, daß es an jenem Tag an jener Kreuzung wirklich eine Schießerei gegeben hatte. Und erst von Mr. Keene erfuhr ich schließlich die Wahrheit - zumindest glaube ich, daß er mir die authentische Version der Ereignisse lieferte. Norbert Keene war der

Besitzer des Center Street Drugstores von 1925 bis 1975, als er sich zur Ruhe setzte. Der Fünfundachtzigjährige erzählte mir alles bereitwillig; aber ebenso wie Betty Ripsoms Vater bestand er darauf, daß ich zuvor meinen Kassettenrecorder ausschaltete.

»Warum sollte ich es dir nicht erzählen?« sagte er. »Niemand würde diese Geschichte veröffentlichen, und selbst wenn, so würde sie kein Mensch glauben.« Er hielt mir ein altmodisches Apothekerglas hin. »Magst du eine Lakritzstange? Wenn ich mich recht erinnere, mochtest du die roten immer am liebsten, Mikey.«

Ich nahm mir eine. »War Sheriff Sullivan an jenem Tag in der Stadt?«

Mr. Keene lachte und nahm sich selbst ebenfalls eine Lakritzstange. »Aha, darüber hast du dir wohl den Kopf zerbrochen?«

»Ja«, sagte ich und kaute ein Stück der roten Lakritzstange. Ich hatte keine mehr probiert, seit ich ein Kind war und meine Pennies über die Theke einem wesentlich jüngeren und beweglicheren Mr. Keene hinschob. Die Lakritze schmeckte sehr gut.

»Du bist viel zu jung, um dich an die enorme Leistung von Bobby Thomp-son für die Giants beim Baseball-Endspiel zu erinnern«, sagte Mr. Keene. »Das war 1951, und du warst damals erst vier Jahre alt. Na ja! Ein paar Jahre später stand in der Zeitung ein Artikel über dieses Spiel, und etwa eine Million New Yorker behauptete, an jenem Tag im Stadion gewesen zu sein.«

Ich wartete geduldig. Mr. Keene kaute auf seiner Lakritzstange herum, und dunkler Speichel rann ihm aus dem Mundwinkel. Er wischte ihn mit seinem Taschentuch ab, faltete es wieder sorgfältig und schob es in die Tasche.

»Genau das Gegenteil ist der Fall, wenn es um die Brady-Bande geht«, fuhr Keene fort. Er lächelte, aber es war kein frohes Lächeln - es war zynisch und bitter. »Etwa 20000 Menschen wohnten damals in der Innenstadt von Derry«, sagte er. »Die Main Street und die Canal Street waren schon gepflastert - die Main Street erst seit vier Jahren -, aber die Kansas Street noch nicht. Im Sommer staubte sie furchtbar, und im März und November war sie ein einziges Schlammloch. Jedes Jahr am 4. Juli spuckte der Bürgermeister große Töne, daß demnächst die Kansas Street gepflastert würde, aber erst 1942 kam es dann tatsächlich dazu. Es... aber wovon habe ich eben gesprochen?«

»Sie sagten, in der Innenstadt hätten damals etwa 20000 Leute gewohnt«, sagte ich.

»Ach ja. Nun, von diesen 20000 dürfte inzwischen die Hälfte gestorben sein, vielleicht sogar mehr - 55 Jahre sind eine lange Zeit, und außerdem sterben in Derry komischerweise sehr viele Leute in jungen Jahren. Vielleicht ist die Luft schuld daran. Aber von denen, die noch am Leben sind, würde kaum mehr als ein Dutzend zugeben, in der Stadt gewesen zu sein, als die Brady-Bande zur Hölle fuhr. Metzger Rowden drüben vom Fleischmarkt würde es wahrscheinlich zugeben - er hat immer noch ein Foto von einem der Wagen der Gangster an jener Wand hängen, wo er Fleisch schneidet. Wenn du das Foto sehen würdest, kämst du kaum darauf, daß es sich um ein Auto handelt. Charlotte Littlefield würde dir wohl auch einiges erzählen, wenn du sie richtig behandelst. Sie unterrichtet drüben an der