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High School. Sie kann damals nicht viel älter als zehn oder zwölf gewesen sein, aber sie erinnert sich an sehr vieles. Carl Snow... Aubrey Stacey - aber der hat gerade einen Herzinfarkt erlitten -... Eben Stampnell... und der komische alte Mummelgreis, der diese komischen Bilder malt und die ganze Nacht in Wally's säuft - Pickman heißt er, glaube ich. Sie würden sich alle noch an die Sache erinnern. Sie waren alle dabei...«

Er verstummte und betrachtete die Lakritzstange in seiner Hand. Ich überlegte, ob ich ihn durch Fragen zum Weiterreden bringen sollte, unterließ es jedoch lieber.

»Die meisten anderen aber würden lügen«, fuhr er schließlich ganz von allein fort, »ebenso wie jene Leute, die behaupten, im Giants-Stadion gewesen zu sein, als Thompson sich selbst übertraf. In jenem Fall logen sie, weil sie wünschten, sie wären dabei anwesend gewesen. Was aber den Tag angeht, als die Brady-Bande zum zweitenmal nach Derry kam, so würden die Leute dich anlügen, weil sie vergessen wollen, daß sie dabei gewesen sind. Verstehst du mich, mein Junge?«

Ich nickte und fühlte, wie jene kalte Stelle in meinem Herzen wieder etwas größer wurde. Sie wächst jetzt jeden Tag, so daß ich manchmal schon glaube, daß ich bis zum Sommer nur noch ein einziger Eisklotz sein werde. In diesem Zusammenhang fällt mir oft ein Rock-and-Roll-Lied ein, das Ende der 6oer oder Anfang der 70er Jahre populär war, und in dem es hieß: >I've seen so many things I ain't never seen before / Turn out the lights, mamma, I don't want to see no more. < (>Ich habe so viele Dinge gesehen, die ich nie zuvor sah / Lösche die Lichter, Mama, ich will jetzt nichts mehr se-hen<)

»Bist du wirklich sicher, daß du diese Geschichte hören willst?« fragte Mr. Keene. »Du siehst ein bißchen blaß aus.«

»Ich will sie nicht hören«, sagte ich, »aber trotzdem sollte ich sie mir anhören, glaube ich.«

»Der Sheriff war an jenem Tag in der Stadt. Er hatte vorgehabt, auf die Vogeljagd zu gehen, aber er änderte seine Meinung verdammt rasch, als Lal Dakin ihm erzählte, daß er für den Nachmittag AI Brady in Derry erwartete.«

»Woher wußte Dakin das?« fragte ich.

»Nun, das ist ebenfalls eine sehr lehrreiche Geschichte«, sagte Mr. Keene mit jenem zynischen Lächeln. »Iß deine Lakritzstange, mein Sohn. Das ist gut für die Verdauung.«

Ich aß noch ein Stückchen.

»Brady war auf der Hitparadenliste des FBI nie der Volksfeind Nr. 1; aber seit 1928 stand er auf allen Fahndungslisten. AI Brady und sein Bruder George überfielen sechs oder sieben Banken im Mittelwesten, und schließlich entführten sie dann einen Bankier und verlangten Lösegeld - ich komme im Moment nicht auf seinen Namen, obwohl er damals Schlagzeilen machte. Na ja, das Lösegeld wurde gezahlt - 30000 Dollar, eine hohe Summe für jene Zeit -, aber sie brachten den Bankier trotzdem um, weil sie ihn eines Tages dabei ertappt hatten, wie er sie über seine Augenbinde hinweg beobachtete, während sie in ihrem Versteck Karten spielten.

Nun, der Mittelwesten wurde um diese Zeit für die dort agierenden Banden ein ziemlich heißes Pflaster. Die Brady-Bande begab sich nach Maine und bezog Quartier in einem großen alten Bauernhaus dicht an der Stadtgrenze von Newport... nicht weit von der Stelle, wo heute die Rhulin-Farm ist.

Na ja, das war im Sommer 1929, im Juli oder August, vielleicht auch Anfang September, so genau weiß ich's nicht mehr. Als die Bande in jenes Haus in Newport zog, waren sie zu acht - AI Brady, sein Bruder George, Joe Donlin mit seinem Bruder Cal, ein Ire namens Arnold Malloy, der den Spitznamen >Creeping Jesus< Malloy hatte, weil er kurzsichtig war, seine Brille aber nur aufsetzte, wenn es unbedingt notwendig war, da sie sein gutes Aussehen beeinträchtigte; außerdem noch Patrick Caudy, ein junger Bursche aus Chicago, der schön wie Adonis war, aber überaus mordlustig gewesen sein soll. Sie hatten auch zwei Frauen bei sich, Kitty Donahue, die mit George Brady richtig verheiratet war, und Marie Hauser, die zu Caudy gehörte, manchmal aber auch herumgereicht wurde.

Sie gingen von einer verhängnisvoll falschen Annahme aus, als sie hierher kamen, Mickey - und das kostete sie schließlich das Leben. Sie hatten die Idee, so weit von Indiana und Ohio entfernt, wo sie ihre Verbrechen begangen hatten, in absoluter Sicherheit zu sein. Vermutlich glaubten sie, daß wir hier oben in Maine keine Zeitungen hätten - keine Zeitungen und keine Steckbriefe in den Postämtern. Aber sie irrten sich gewaltig.

Die erste Zeit nach ihrem Einzug verhielten sie sich sehr ruhig, und dann muß es ihnen langweilig geworden sein, und sie beschlossen, daß es bestimmt Spaß machen würde, auf die Jagd zu gehen. Schußwaffen hatten sie jede Menge, aber sie waren ziemlich knapp an Munition. Deshalb kamen sie alle am 7. Oktober in zwei Autos nach Derry. Patrick Caudy machte mit den beiden Frauen einen Einkaufsbummel, und die anderen fünf Männer begaben sich in Dakins Geschäft für Sport- und Jagdartikel. Kitty Donahue kaufte sich im Freese's ein Kleid, in dem sie zwei Tage später starb.

Die Männer wurden von Lal Dakin höchstpersönlich bedient. Er ist 1959 gestorben. Viel zu fett ist er gewesen, schon seit eh und je. Das menschliche Herz hält ein solches Gewicht auf Dauer nicht aus. Doch seine Augen waren in Ordnung, und er sagte, er hätte AI Brady auf Anhieb erkannt. Er glaubte auch einige der anderen zu erkennen, war sich bei Malloy aber erst sicher, als dieser seine Brille aufsetzte, um sich Messer in einer Glasvitrine anzusehen.

AI Brady erklärte: >Wir möchten Munition kaufen. <

>Da sind Sie bei mir genau richtige sagte Lal Dakin.

Brady gab ihm einen Zettel, und Dakin studierte die lange Liste. Soviel ich weiß, ist der Zettel verlorengegangen, aber Lal sagte, daß einem davon das Blut in den Adern gerinnen konnte. Sie wollten 500 Schuß Munition Kaliber .38, 800 Schuß Kaliber .45, 60 Schuß Kaliber .50, das heute nicht mal mehr hergestellt wird, ferner Schrotflintenpatronen und je 1000 Schuß Munition für kurze und lange Gewehre. Außerdem - paß gut auf! - 16000 Schuß Munition für Maschinenpistolen Kaliber .45.«

»Allmächtiger Himmel!« murmelte ich.

Mr. Keene lächelte wieder zynisch und hielt mir das Apothekerglas hin.

Zuerst schüttelte ich den Kopf, aber dann nahm ich mir doch noch eine Lakritzstange.

»>Das ist ja 'ne ganz schöne Einkaufsliste< meinte Lal.

>Komm, Al<, sagte Creeping Jesus Malloy. »Ich habe dir doch gleich gesagt, daß wir das Zeug in diesem gottverlassenen Nest nicht kriegen werden. Fahren wir lieber nach Bangor. Dort werden sie's zwar auch nicht haben, aber ich habe Lust auf einen kleinen Ausflug. <

»Nicht so eilig, meine Herren<, sagte Lal ganz kaltblütig. »Das hier ist ein verdammt gutes Geschäft, und ich will nicht, daß der Jude drüben in Bangor es macht. Ich kann Ihnen die Munition Kaliber .22 gleich mitgeben, ebenso die Schrotflintenpatronen und jeweils 100 Schuß Kaliber .38 und .45. Den Rest könnte ich Ihnen bis... < - Lal kratzte sich am Kinn und schloß kurz die Augen, so als würde er scharf nachdenken - »bis übermorgen besorgen. Wie wäre das?<

Brady grinste breit, drehte sich nach seinem Bruder George und Malloy um und fragte sie: »Was sagt ihr dazu, Jungs?<

George und Malloy und Joe Donlin waren einverstanden. Cal sagte, er würde trotzdem lieber nach Bangor fahren, aber er wurde überstimmt. »Wenn Sie aber nicht hundertprozentig sicher sind, das Zeug beschaffen zu können, sagen Sie's lieber gleich<, sagte AI Brady zu Lal. »Ich bin zwar ein friedliebender Mensch, aber wenn ich wütend werde, ist mit mir nicht gut Kirschen essen. Verstehen Sie?<

>Vollkommen<, sagte Lal, »ich werde für Sie soviel Munition besorgen, wie Sie sich nur wünschen können, Mr... .?<