>Rader<, sagte Brady. »Richard D. Rader .< Er streckte seine Hand aus, und Lal schüttelte sie grinsend. »Sehr erfreut, Mr. Rader. <
»Um wieviel Uhr sollen wir vorbeikommen und das Zeug abholen?< fragte Brady.
»Wie war's mit zwei Uhr?< sagte Lal, und sie waren damit einverstanden. Sie gingen, und Lal blickte ihnen nach, und draußen auf dem Gehweg trafen sie die beiden Frauen und Caudy. Lal erkannte auch Caudy sofort.
Nun, und was glaubst du, was Lal dann getan hat?« fragte Mr. Keene mich. »Glaubst du, er hat die Polizei verständigt?«
»Vermutlich nicht«, antwortete ich, »nach dem zu schließen, was dann passierte. Aber ich hätte jedenfalls geschaut, daß ich zum Telefon gekommen wäre.«
»Nun, vielleicht hättest du's getan, vielleicht aber auch nicht«, sagte Mr. Keene mit jenem stets gleichen zynischen Lächeln, und mich überlief ein Schauder, denn ich wußte, was er meinte... und er wußte, daß ich es wußte. Wenn etwas Schweres erst einmal ins Rollen kommt, läßt es sich nicht mehr aufhalten; es rollt immer weiter, bis es auf eine ebene Strecke gerät, die so lang ist, daß die Antriebskraft schließlich gleich Null wird. Man kann sich diesem Etwas in den Weg stellen und sich davon überrollen lassen ... aber auch das wird es nicht aufhalten.
»Vielleicht hättest du's getan, vielleicht aber auch nicht«, wiederholte Mr. Keene. Der Satz schien ihm zu gefallen. »Aber ich werde dir sagen, was Lal Dakin getan hat. Sobald an jenem Tag und am nächsten irgendein Mann in sein Geschäft kam, den er kannte, erzählte er ihm, die Brady-Bande hätte bei ihm Munition gekauft. Er hätte drei von ihnen aufgrund der Steckbriefe erkannt und bei einem vierten genügend Familienähnlichkeit entdeckt, um bei Gott dem Allmächtigen schwören zu können, daß es Als Bruder George sei. Er berichtete allen seinen Kunden, daß Brady und seine Männer wiederkommen würden, um den Rest ihrer Bestellung abzuholen, daß er Brady versprochen hätte, ihm soviel Munition zu besorgen, wie er sich nur wünschen könne, und daß er beabsichtige, dieses Versprechen auch zu halten.«
»Wie vielen...«, setzte ich zum Reden an, aber ich war wie gelähmt, wie hypnotisiert von seinen funkelnden Augen. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment hier im Zimmer ersticken zu müssen... aber ich konnte auch nicht einfach aufstehen und weggehen; es war ebenso unmöglich wie der Versuch, sich durch Anhalten der Luft umzubringen.
»Wie vielen Männern Lal das erzählte?« fragte Mr. Keene.
Ich wollte bejahen, aber meine Kehle war plötzlich zu trocken, so daß ich nur nicken konnte.
»So genau weiß ich das natürlich nicht«, sagte Mr. Keene. »Schließlich habe ich ja nicht neben ihm gestanden und hab' sie gezählt. Ich hatte ja meine eigene Arbeit. Aber ich nehme an, daß er es allen erzählte, denen er vertrauen konnte.«
»Denen er vertrauen konnte«, murmelte ich. Meine Stimme klang etwas heiser.
»O ja«, sagte Mr. Keene, und obwohl er im Plauderton erzählte, ließ er mich doch keinen Augenblick aus den Augen. »Männern, denen er vertrauen konnte. Einheimischen. Männern aus Derry.
Ich kam so gegen zehn Uhr morgens am Tag nach dem ersten Besuch der Brady-Bande in Lals Geschäft, und ich nehme an, daß meine Geschichte ziemlich typisch ist. Lal erzählte mir von der Sache, und dann fragte er mich, womit er mir dienen könne. Ich war ursprünglich nur hergekommen, um zu fragen, ob mein letzter Film schon entwickelt wäre - in jener Zeit hatte Dakin auch die Vertretung für alle Kodakfilme und Kameras -, aber als ich meine Fotos dann bekommen hatte, sagte ich, daß ich auch noch zwanzig oder dreißig Patronen für meine Winchester gebrauchen könnte.
>Hast du vor, auf die Jagd zu gehen, Norbert?< fragte Lal, während er mir die Patronen gab.
>Na ja, vielleicht kann ich einiges an Ungeziefer erledigen< sagte ich, und wir lachten schallend darüber. Ich bezahlte und ging.
An jenem Vormittag erzählte ich die Geschichte drei Leuten - Bob Tan-ner, der damals mein Gehilfe war und später in Castine seinen eigenen Drugstore aufgemacht hat, Jake Devereaux, der zu jener Zeit im >Aladdin< Platzanweiser war, und Kenny Borton, dem Onkel des Mannes, der in deiner Kindheit Polizeichef war, Mike. Mittags erzählte ich's Allan Vincent vom Postamt. Und am Nachmittag wollte ich Nell davon berichten... erinnerst du dich noch an Nell, Mike?«
»O ja«, sagte ich und dachte an die Barrens und an Richie Toziers Stimme-eines-irischen-Bullen.
»Er wußte aber schon bestens Bescheid, von Sheriff Sullivans Eilboten Jimmy Gordon«, sagte Mr. Keene und lachte und schlug sich auf die mageren Schenkel, so als wäre das der beste Witz, den er je gehört hatte. »Und als ich später am Nachmittag in Nan's Luncheonette ging, um ein Stück Apfelkuchen zu essen und 'ne Tasse Kaffee zu trinken, da wollte Linc Vincent, Allans Bruder, der dort bediente, mir die Geschichte erzählen.« Er beugte sich vor und klopfte mir aufs Knie. »Was ich sagen will, mein Junge, ist, daß die Geschichte sehr schnell die Runde gemacht hatte. Kleinstädte sind nun mal so. Wenn man etwas den richtigen Leuten erzählt, verbreitet sich die Nachricht in Windeseile... möchtest du noch eine Lakritzstange?«
Ich holte mir mit tauben Fingern eine weitere aus dem Apothekerglas.
»Die Dinger machen dick«, sagte Mr. Keene und kicherte. Er sah in diesem Moment alt aus... unglaublich alt... seine Brille rutschte ihm den schmalen Nasenrücken hinab, und seine Haut spannte sich so straff und so dünn über die Backenknochen, daß sie keine Falten bilden konnte.
»Na ja, am nächsten Tag brachte ich meine Winchester in den Drugstore mit, und Bob Tanner hatte seine Knallbüchse dabei. Ich erinnere mich noch genau, daß so gegen elf Gregory Cole reinkam, um doppelkohlensaures Natron zu kaufen, und der Bursche hatte doch tatsächlich 'nen Colt im Gürtel stecken.
>Paß nur auf, daß du dir damit nicht die Eier wegschießt, Greg<, sagte ich.
>Ich bin wegen dieser Sache extra aus den Wäldern von Milford hergekommen, und ich hab' 'nen mordsmäßigen Kater<, sagte Greg, >und vor Sonnenuntergang werd' ich ganz bestimmt noch jemandem die Eier wegschießen. <
So gegen halb zwei hängte ich mein Schild komme bald zurück, bitte um etwas geduld an die Tür, nahm mein Gewehr und ging durch die Hintertür hinaus auf die Richard's Alley. Ich fragte Bob Tanner, ob er mitkommen wolle, und er sagte, er wolle erst noch Mrs. Emersons Medizin abfüllen, dann würde er nachkommen. >Lassen Sie mir noch einen lebendig übrig, Mr. Keene<, sagte er, aber ich erwiderte, ich könne nichts versprechen.
Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß die ganze Canal Street Bescheid wußte. Es herrschte kaum Verkehr, und Fußgänger waren auch nicht unterwegs. Ab und zu fuhr ein Lieferwagen vorbei, das war auch schon alles. Ich sah Jake Devereaux die Straße überqueren, in jeder Hand ein Gewehr. Er traf Andy Criss, sie redeten kurz miteinander, und Andy schnorrte von Jake eine Zigarette. Dann gingen sie rüber zu einer der Bänke, die um das Kriegerdenkmal herumstanden - du weißt schon, dort wo der Kanal unter die Erde verschwindet.
Petie Vanness und AI Nell und Jimmy Gordon saßen auf den Stufen vor dem Gerichtsgebäude, wo in jener Zeit, als wir noch keinen Polizeichef hatten, auch das Büro des Sheriffs war. Sie aßen Sandwiches und Obst aus ihren Lunchpaketen und tauschten eifrig miteinander, wie Kinder und Männer das nun mal gern tun, und alle drei waren bewaffnet. Sogar Jimmy Gordon, der eher 'ne ausgestopfte Vogelscheuche als ein Mann war, hatte eine Garand aus dem Ersten Weltkrieg bei sich, die'größer als das ganze Bürschchen aussah.
Ein Junge ging auf den Up-Mile Hill zu - ich glaube, es war Zack Denbrough, der Vater deines Freundes Bill, der jetzt Schriftsteller ist -, und Kenny Borton rief ihm aus dem Fenster des Christian-Science-Leseraums zu: >Mach, daß du hier wegkommst, Junge, hier wird's bald 'ne Schießerei geben!< Und Zack rannte nach einem einzigen Wink von Kenny so, als wäre der Teufel hinter ihm her.