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Auf den ersten Blick sah die Straße verlassen aus, weil nicht viele Autos und kaum Fußgänger unterwegs waren, aber wenn man eine Weile dastand, stellte man fest, daß dieser Eindruck sehr täuschte. Überall waren Männer mit Schußwaffen - sie standen in Torwegen, saßen auf Treppen oder schauten aus den Fenstern. Greg Cole stand ein Stück links von mir die Straße runter; er hatte seine 45 er in der Hand, und neben sich hatte er etwa zwei Dutzend Patronen aufgebaut wie Zinnsoldaten. Bruce Jagermeyer und Olaf Theramenius, der Schwede, standen im Schatten unter dem Vordach des >Bijou<.«

Mr. Keene sah mich an, aber er blickte durch mich hindurch. Jetzt funkelten seine Augen nicht mehr; sie waren verschleiert, wie die Augen eines Mannes es nur werden, wenn er sich an die besten Zeiten seines Lebens erinnert ... an seinen ersten erfolgreichen Lauf beim Baseball, oder an die erste große Forelle an seiner Angel, oder an den ersten Beischlaf mit einer entgegenkommenden Frau.

»Ich erinnere mich, daß ich den Wind hörte, mein Sohn«, sagte er verträumt. »Ich erinnere mich, daß ich den Wind hörte und sah, wie er ein Blatt der >Derry News< die Straße hinauf rieb. Sah ganz so aus wie 'ne große Fledermaus, nur weiß. Ich erinnere mich auch daran, wie die Uhr am Gerichtsgebäude zwei schlug, und wie das hallte. Bob Tanner tauchte plötzlich hinter mir auf, und ich war so aufgeregt, daß ich ihm fast 'nen Kopfschuß verpaßt hätte. Er nickte mir nur zu und ging dann rüber zu Vannock's Dry Goods.

Man hätte meinen können, daß die Leute sich wieder zerstreuten, als es zehn nach zwei wurde und nichts passierte, dann Viertel nach und zwanzig nach zwei. Aber das war nicht der Fall. Alle blieben, wo sie waren. Denn...«

»Denn alle wußten, daß die Bande kommen würde, stimmt's?« sagte ich. »Es stand für euch völlig außer Frage.«

Er strahlte mich an wie ein Lehrer, der entzückt über die Antwort eines Schülers ist. »Stimmt genau«, sagte er. »Wir wußten es. Wir brauchten nicht darüber zu reden, keiner brauchte zu sagen: >Na ja, ich warte bis zwanzig nach, und wenn sie bis dahin nicht aufgetaucht sind, geh' ich wieder an meine Arbeit. < Alles blieb ruhig, und so gegen fünf vor halb drei tauchten die beiden Autos - eines war rot, das andere dunkelblau - auf dem Up-Mile Hill auf und fuhren auf die Kreuzung zu. Ein Chevrolet und ein La-Salle. Die Brüder Donlin, Patrick Caudy und Marie Hauser saßen im Chevrolet, die Bradys, Malloy und Kitty Donahue im LaSalle.

Mitten auf der Kreuzung trat AI Brady dann so plötzlich auf die Bremse, daß Caudy ihm fast hinten drauf gefahren wäre. Die Straße war zu ruhig, und das fiel Brady auf. Er war vielleicht nichts weiter als ein wildes Tier, aber ein Tier hat eine feine Witterung, wenn es jahrelang wie ein Wiesel im Weizenfeld gejagt worden ist.

Er öffnete die Tür des LaSalles, stellte sich aufs Trittbrett und blickte kurz in die Runde. Dann machte er Caudy eine Geste, die >Zurück!< bedeutete.

Caudy rief: >Was ist, Boß?< Ich hörte es ganz deutlich - es war das einzige, was ich sie sagen hörte, nur diese drei Worte von Caudy: >Was ist, Boß?< Und ich erinnere mich an einen Sonnenstrahl, der von einem Spiegel reflektiert wurde - die Hauser puderte sich die Nase.

In diesem Moment kamen Lal Dakin und sein Gehilfe Biff Marlow aus Da-kins Geschäft herausgerannt. >Hände hoch, Brady, ihr seid umzingelt !< brüllte Lal, und noch bevor Brady den Kopf wenden konnte, ballerte Lal schon los. Seine ersten beiden Kugeln verfehlten ihr Ziel, aber die dritte traf Brady in die Schulter. Er trug ein weißes Hemd mit Ärmelhaltern, und ich sah, wie die Kugel ihn am Oberarm traf und ein Loch ins Hemd riß. Sofort schoß Blut hervor, und die Wucht des Schusses hätte ihn auf die Straße geschleudert, wenn er sich nicht an der Tür des LaSalles festgehalten hätte und dann ins Auto zurückgesprungen wäre. Er wollte anfahren, und in diesem Moment fingen alle an zu schießen.

In vier oder fünf Minuten war alles vorüber, aber damals kam's uns verdammt viel länger vor. Petie und AI und Jimmy Gordon saßen einfach auf der Treppe des Gerichtsgebäudes, gingen nicht einmal in Deckung und feuerten auf den Chevrolet. Einer der Hinterreifen platzte, dann auch der zweite. Ich sah Bob Tanner unter dem Sonnendach von Vannock's auf einem Bein knien; er drückte wie verrückt auf den Abzug seiner alten Flinte. Jagermeyer und Theramenius schössen vom Kino aus auf die rechte Seite des LaSalles, und Greg Cole stand im Rinnstein, hielt seine 45er mit beiden Händen fest und feuerte, so schnell er nur konnte. Ich sah die Patronenhülsen in der Sonne funkeln.

Der Lärm war unglaublich. So fünfzig oder sechzig Mann müssen gleichzeitig geschossen haben, und später schickte Lal Dakin dann Biff Marlowe und seine Söhne raus, und sie holten 36 Kugeln aus der Vordermauer des Geschäfts. Und das war drei Tage später, nachdem so ziemlich jeder in der Stadt, der ein Souvenir haben wollte, vorbeigekommen war und sich mit dem Taschenmesser eine Kugel aus der Ziegelmauer gebohrt hatte. Lal machte damals ein verdammt gutes Geschäft, denn danach kamen sie alle in den Laden und kauften Filme oder sonst was. Sehr viele kauften auch Schußwaffen, so als glaubten sie, die Sache würde sich wiederholen, und gegen Ende der Woche hatte Lal so gut wie jede vorrätige Pistole verkauft und wer weiß wie viele Gewehre und Schrotflinten.

Auf dem Höhepunkt hörte es sich so an, als fände die Marne-Schlacht plötzlich in Derry statt. In der näheren Umgebung von Dakins Laden gingen zahlreiche Fensterscheiben durch Gewehrfeuer zu Bruch.

Brady wollte den LaSalle wenden, und er war nicht eben langsam, aber als er gerade erst einen Halbkreis beschrieben hatte, fuhr er auf vier Platten. Beide Scheinwerfer waren zerschmettert, und die Windschutzscheibe war total zerstört. Ich sah Brady am Steuer sitzen, mit blutüberströmtem Gesicht. Malloy und George Brady feuerten aus den hinteren Fenstern. Ich sah, wie eine Kugel Malloy oben am Hals traf. Er schoß noch zweimal, dann brach er im Fenster zusammen, und seine Arme baumelten herab.

Caudy versuchte den Chevrolet zu wenden, fuhr dabei aber hinten in Bradys LaSalle hinein. Und damit war ihr Untergang eigentlich endgültig besiegelt, mein Junge. Die vordere Stoßstange des Chevrolets verhedderte sich mit der hinteren Stoßstange des LaSalles, und somit war ihnen die letzte Fluchtmöglichkeit genommen.

Joe Donlin sprang aus dem Wagen, in jeder Hand eine Pistole, stellte sich mitten auf die Kreuzung und begann auf Jake Devereaux und Andy Criss zu schießen. Die beiden ließen sich von ihrer Bank zu Boden fallen und landeten im Gras, und Criss schrie immer wieder: >Mich hat's erwischt! Mich hat's erwischt!<, obwohl ihm überhaupt nichts passiert war, ebensowenig wie Jake.

Die Kugeln flogen nur so um Donlin herum, aber er konnte seine beiden Pistolen leerfeuern, bevor er getroffen wurde. Er trug einen Strohhut, und er wurde ihm vom Kopf geschossen, so daß man genau sehen konnte, daß er einen Mittelscheitel hatte. Er hatte gerade eine seiner Pistolen unter den Arm geklemmt und versuchte, die andere wieder zu laden, als jemand ihn am Bein erwischte und er hinfiel. Kenny Borton behauptete später, es wäre seine Kugel gewesen, aber genau ließ sich das nicht feststellen. Sie hätte auch von jedem anderen stammen können.

Donlin versuchte wegzukriechen, und sein Bruder Cal wollte ihm zu Hilfe kommen. Ich sah, wie eines von Cal Donlins Ohren weggeschossen wurde und auf dem Trittbrett des Chevrolets landete. Es wurde später nicht gefunden; so makaber es sich auch anhört - jemand muß es wohl als Souvenir mitgenommen haben.

Er gelangte bis zu seinem Bruder, packte ihn unter den Armen und begann ihn zum Chevrolet zu schleppen. Marie Hauser sprang heraus, um ihm dabei zu helfen. Sie hielt immer noch die Puderdose in der Hand. Sie schrie, glaube ich, aber man konnte sie kaum hören. Kugeln schwirrten nur so um sie herum. Die Puderdose wurde ihr aus der Hand geschossen.