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Inzwischen zielten unsere Jungs schon viel besser, denn Cal Donlin wurde getroffen, aus so vielen verschiedenen Richtungen, daß es zehn oder zwölf Sekunden dauerte, bis er zu Boden fiel. In dieser Zeit tanzte er auf der Kreuzung herum wie ein eingefleischter Sünder, der soeben bei einer Erweckungspredigt bekehrt wurde. Er hatte die Arme ausgestreckt, sein Mantel flog um ihn herum, und er tanzte.

Joe wollte aufstehen, aber die Kugeln warfen ihn sofort wieder zu Boden. Die Hauser versuchte ihn zu packen und wegzuschleppen, doch dann wurde sie selbst in die Hüfte getroffen. Sie taumelte zurück zum Chevrolet, und es gelang ihr hineinzukriechen.

AI Brady brachte den Motor des LaSalles wieder auf volle Touren, und er schaffte es tatsächlich, ihn von der Stelle zu bewegen. Er schleppte den Chevrolet etwa zehn Fuß weit mit, und dann brach dessen vordere Stoßstange ab.

Die Jungs begannen Blei in den LaSalle zu pumpen. Alle Fenster waren zerschmettert. Ein Kotflügel lag abgerissen auf der Straße. Malloy hing tot aus dem Fenster, aber die beiden Brüder Brady waren noch am Leben. George Brady feuerte vom Rücksitz aus. Seine Frau war neben ihm, aber sie war tot - sie hatte zwei Kugeln im Rücken, eine in der Seite und eine im Kopf.

Al Brady schaffte es bis dahin, wo heute die Taschenbuchhandlung ist. Dann fuhr das Auto gegen den Bordstein und blieb stehen. AI Brady sprang

heraus und rannte die Canal Street hinauf. Aber er kam höchstens acht Schritt weit, bevor er wie ein Sieb durchlöchert wurde. Er versuchte noch einmal aufzustehen, dann rollte er auf den Rücken und starrte mit weit aufgerissenen toten Augen in die Sonne.

Inzwischen war die ganze Innenstadt in dichte blaue Rauchwolken gehüllt, und der Pulvergestank war so durchdringend, daß man bei jedem Atemzug husten mußte.

Patrick Caudy stieg aus dem Chevrolet, und einen Moment lang sah es so aus, als wollte er sich ergeben, aber dann zog er plötzlich eine 38er aus seiner Achselhöhle. Er drückte vielleicht dreimal ab, aber er schoß einfach blindlings drauflos, und dann wurde ihm das Hemd einfach vom Leibe geschossen, und einen Moment lang konnte man sehen, wie sein Unterhemd sich rot mit Blut färbte. Er prallte gegen die Seite des Chevrolets und glitt langsam daran herab, eine Blutspur hinter sich lassend, bis er auf dem Trittbrett saß. Er schoß noch einmal, und soviel ich weiß, war das die einzige Kugel, die jemanden traf; sie prallte von etwas ab - ich nehme an, von einem Laternenpfahl - und streifte Gregory Coles Handrücken. Er behielt davon eine Narbe zurück, und wenn er betrunken war, zeigte er sie den Leuten und prahlte damit, bis jemand - ich glaube, es war Nell - ihn einmal beiseite nahm und ihm erklärte, es wäre besser, den Mund über das Ende der Bra-dy-Bande zu halten.

Dann zerschmetterte eine Kugel Caudys Kinn und Unterkiefer, und er fiel aufs Gesicht. Ich habe ihn etwa fünf Minuten später aus nächster Nähe gesehen, und wenn er wirklich mal, wie es hieß, ein hübscher Kerl gewesen war, so hätte das nun kein Mensch mehr geglaubt.

Die Hauser kam mit erhobenen Händen aus dem Wagen, und ich glaube eigentlich nicht, daß jemand sie umbringen wollte, aber sie geriet direkt ins Kreuzfeuer. Sie zuckte krampfhaft ein paarmal mit den Schultern, und dann fiel sie auf Caudy.

Gleichzeitig versuchte George Brady zu flüchten. Er kam etwas weiter als sein Bruder. Doch als er an der Bank beim Kriegerdenkmal vorbeirannte, wurde er von mindestens sechs Kugeln getroffen. Er fiel gegen die Steinbrüstung und versuchte sich daran hochzuziehen. Ich nehme an, daß er beabsichtigte drüberzuklettern und ins Wasser zu springen, aber dazu lebte er nicht lange genug. Jemand schoß seinen Hinterkopf mit einer Schrotflinte zu Brei, und er fiel tot zu Boden, die Hose voll Pisse... Lakritze, mein Sohn?«

Fast ohne zu wissen, was ich tat, nahm ich mir wieder eine Lakritzstange.

»Ein, zwei Minuten wurde noch weiter voll in die Autos geschossen, dann ließ der Kugelregen langsam nach«, berichtete Mr. Keene. »Wenn das Blut erst mal so richtig in Wallung ist, beruhigt sich ein Mann nicht so rasch wieder. In diesem Augenblick schaute ich mich um, und da sah ich Sheriff Sullivan hinter Nell und den anderen auf der Gerichtstreppe stehen und mit einer Remington in den Chevrolet ballern. Laß dir also von keinem weismachen, daß er damals nicht in der Stadt war. Hier sitzt Norbert Keene vor dir und schwört, daß Sullivan mit von der Partie war.

Als das Schießen schließlich aufhörte, hatten die beiden Wagen überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit Autos. Es waren nur noch zwei Haufen

Altmetall, von jeder Menge Glasscherben umgeben. Männer begannen vorsichtig darauf zuzugehen, ihre Gewehre immer noch in der Hand. Niemand sagte etwas. Es war sehr still geworden. Nur der Wind war zu hören, und das Ticken der beiden abkühlenden Motoren, und das Knirschen von Schritten auf zerbrochenem Glas. Und dann ging das Fotografieren los - die meisten Filme stammten aus Dakins Laden. Aber du mußt folgendes wissen, mein Junge: Wenn es erst einmal ans Fotografieren geht, ist die eigentliche Geschichte schon vorbei. Sie waren tot, alle acht. Die meisten Schüsse hatte Cal Donlin abgekommen; der Leichenbeschauer holte 23 Kugeln aus ihm raus. Eine steckte sogar zwischen seinen Zähnen, so als hätte er sie aus der Luft aufgefangen und draufgebissen, wie manche Jahrmarktskünstler das machen.«

Mr. Keene schaukelte mit seinem Stuhl hin und her und betrachtete mich aufmerksam.

»Das alles war in den >Derry News< nicht zu lesen«, war alles, was ich zunächst herausbrachte. Die Schlagzeile hatte damals gelautet: Staatspolizei

UND FBI ERSCHIESSEN BEI HEFTIGEM KAMPF DIE BRADY-BANDE. Und als Untertitel stand da: Ortspolizei leistete tatkräftige Unterstützung.

»Natürlich nicht«, sagte Mr. Keene und lachte amüsiert. »Ich habe schließlich mit eigenen Augen gesehen, wie Mack Laughlin, der Herausgeber der Zeitung, Joe Donlin selbst zwei Kugeln verpaßte.«

»Mein Gott!« murmelte ich.

»Hast du genug... Lakritze gegessen... mein Junge?«

»Ja, das reicht wirklich«, sagte ich und fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. »Mr. Keene, wie konnte ein Ereignis dieser... dieser Größenordnung ... vertuscht werden?«

»Es wurde nicht vertuscht«, erwiderte er und sah aufrichtig überrascht aus. »Es war ganz einfach so, daß niemand viel Worte darüber verlor. Das ist ein großer Unterschied, weißt du. Und außerdem, Junge, wer kümmerte sich schon viel darum? Schließlich waren an jenem Tag ja nicht Hoover, Mrs. Hoover und ein halbes Dutzend seiner engsten Berater umgelegt worden. Es war nicht viel anders, als hätten wir tollwütige Hunde erschossen, die einen mit einem einzigen Biß töten, wenn sie nur die geringste Chance dazu bekommen.«

»Aber die Frauen?« wandte ich ein.

»Zwei Huren«, sagte er gleichgültig. »Und außerdem passierte es in Derry, nicht in New York oder Chicago. Der Schauplatz des Geschehens ist ebenso wichtig wie das Geschehen selbst, mein Junge. Deshalb sind die Schlagzeilen viel größer, wenn bei einem Erdbeben in Los Angeles zwölf Menschen ums Leben kommen, als wenn es bei einer derartigen Naturkatastrophe in irgendeinem unzivilisierten Land voller Eingeborener im mittleren Osten 3000 Tote gibt.«

Außerdem passierte es in Derry.

Ich habe dieses Argument auch früher schon gehört, und vermutlich werde ich es, wenn ich mit meinen Ermittlungen fortfahre, wieder und immer wieder hören. Sie führen es so an, als müßten sie es einem geistig Behinderten verständlich machen. Sie bringen es so, als würden sie sagen aufgrund der Schwerkraft, wenn man sie fragen würde, warum sie beim Gehen

am Boden haften. Sie sagen es so, als handle es sich um ein Naturgesetz, das jeder normale Mensch verstehen muß. Und das Schlimmste ist, daß ich es tatsächlich verstehe.