Выбрать главу

Sie schenkt ihm ein strahlendes Lächeln.

»Danke, Mr. Hanion.«

»Gute Nacht. Gute Nacht, Val. Ihr beide solltet jetzt am besten direkt nach Hause gehen.«

»Der schwarze Mann wird euch schnappen, wenn ihr... nicht... aufpaßt!« trällert Val, der magere Teenager, und schlingt dem Mädchen besitzergreifend seinen Arm um die Taille.

»Nun,, ich glaube zwar nicht, daß er es auf ein so häßliches Paar wie euch beide abgesehen hat«, sagte Mike, »aber trotzdem solltet ihr lieber vorsichtig sein.«

»Das werden wir auch, Mr. Hanion«, beteuert das Mädchen und tippt dem Jungen leicht auf die Schulter. »Komm, du häßlicher Kerl«, sagt es kichernd und verwandelt sich dadurch plötzlich für einen Moment aus einer hübschen, begehrenswerten High-School-Schülerin in die ausgelassene, etwas linkische Zehnjährige, die Beverly Marsh einst gewesen ist... und als die beiden an ihm verbeigehen, hat Bill plötzlich Angst, und er verspürt das Bedürfnis, dem Jungen eindringlich zu raten, nur auf hell beleuchteten Straßen nach Hause zu gehen und sich nicht umzudrehen, wenn er irgendwelche Stimmen hört.

Aber er bleibt ruhig sitzen und beobachtet, wie der Junge seiner Freundin die Tür aufhält. Sie treten in den Vorraum hinaus, rücken etwas näher zusammen, und Bill hätte um die Tantiemen des Buches, das Val unter den Arm geklemmt hat, wetten können, daß sie sich küssen, bevor er ihr die äußere Tür aufhält. Du wärst ja auch ein Narr, wenn du sie nicht geküßt hättest, Val, denkt Bill. Und jetzt bring sie sicher nach Hause.

»Ich komme gleich, Bill«, ruft Mike ihm zu. »Ich muß hier nur noch ein bisschen Ordnung schaffen.«

Bill nickt und schlägt die Beine übereinander. Die Papiertüte auf seinem Schoßknistert ein wenig. In der Tüte ist eine Flasche Bourbon, und Bill glaubt, noch nie in seinem Leben so heftiges Verlangen nach einem Drink verspürt zu haben. Mike wird Wasser, vielleicht sogar Eiswürfel hier haben.

Er denkt an Silver, an sein altes Fahrrad, das jetzt an der Wand von Mikes Garage in der Palmer Lane lehnt. Und dann schweifen seine Gedanken verständlicherweise zu jenem Tag, als sie sich alle in den Barrens getroffen hatten - alle bis auf Mike, der erst später an jenem Tag zu ihnen gestoßen war

- und jeder noch einmal seine Geschichte erzählt hatte. Aussätzige unter Veranden; Mumien, die auf dem Eis wandelten; Blut aus Abflüssen; Tote Jungen im Wasserturm; Fotos, die zum Leben erwachten, und Werwölfe, die kleine Jungen auf menschenleeren Straßen verfolgten.

Sie waren an jenem Vortag des 4. Juli tiefer als sonst in die Barrens vorgedrungen.

Es war heiß gewesen, aber im Dickicht am Ostufer des Kenduskeags war es angenehm kühl gewesen. Er erinnert sich daran, daß in der Nähe einer jener Betonzylinder mit Deckel gewesen war, und daß sie daraus ein Summen gehört hatten, ähnlich dem Summen des Xerox-Gerätes, an dem das hübsche Mädchen vorhin fotokopiert hatte.

Und er erinnert sich noch sehr genau daran, wie die anderen ihn erwartungsvoll angeschaut hatten, nachdem alle Geschichten erzählt waren.

Er erinnert sich daran, wie er verzweifelt gedacht hatte, daß sie von ihm hören wollten, was sie jetzt tun, wie sie vorgehen sollten, und daß er es selbst nicht gewusst hatte.

Während Bill jetzt Mikes Schatten betrachtet, der sich groß und dunkel von der holzgetäfelten Wand der Abteilung für Nachschlagewerke abhebt, kommt ihm eine plötzliche Erleuchtung: er hatte damals nicht gewußt, was sie tun sollten, weil sie noch nicht vollständig gewesen waren, weil an jenem frühen Nachmittag des 3. Juli einer noch gefehlt hatte.

Später am Nachmittag war der Klub der Verlierer dann komplett beisammen gewesen, in der verlassenen Kiesgrube hinter der Müllhalde, wo man nach beiden Seiten hin leicht aus den Barrens hinausklettern konnte - auf die Kansas Street oder auf die Merit Street. Dort wo heute die Autobahnbrücke war. Die Kiesgrube hatte keinen Namen; sie war alt, und ihre Abhänge waren mit Büschen und Unkraut überwuchert. Aber es hatte dort immer noch jede Menge Munition gegeben - mehr als genug für eine apokalyptische Steinschlacht.

Aber vorher, am Ufer des Kenduskeags, hatte er nicht so recht gewußt, was er sagen sollte - was sie von ihm hören wollten, was er selbst sagen wollte. Er erinnert sich daran, daß er von einem zum anderen geschaut hatte - Ben, Bev, Eddie, Stan, Richie. Und er erinnert sich an Musik. Little Richard. »Whomp-bomp-a-lomp-bomp...«

Musik. Leise Musik. Und Lichtstrahlen in seinen Augen. Lichtstrahlen,

weil

476

Richie sein Transistorradio über den untersten Zweig des Baumes gehängt hatte, an den er sich lehnte. Obwohl sie im Schatten saßen, wurden die Sonnenstrahlen von der Wasseroberfläche des Kenduskeags reflektiert, prallten auf das Chromgehäuse des Radios und gelangten von dort direkt in Bills Augen.

»N-N-Nimm dieses D-Ding r-runter, R-R-R-Richie«, sagte Bill. »Es b-blendet m-m-mich.«

»Okay, Big Bill«, sagte Richie sofort und nahm das Radio von dem Zweig runter. Er stellte es ab, und Bill wünschte, er hätte das nicht getan, denn nun schien das Schweigen, das nur vom leise plätschernden Wasser und vom Surren der Abwasserpumpe unterbrochen wurde, sehr laut zu sein. Ihre Augen hingen an ihm, und er hätte ihnen am liebsten zugeschrien, sie sollten woanders hinschauen, schließlich sei er ja keine Mißgeburt.

Aber natürlich tat er das nicht, denn sie erwarteten von ihm ja nur, daß er ihnen sagte, was sie jetzt tun sollten. Sie hatten schreckliche Erlebnisse hinter sich, und sie brauchten jemanden, der ihnen sagte, wie es jetzt weitergehen sollte. Warum gerade ich? wollte er ihnen wieder zuschreien, aber auch das war ihm im tiefsten Inneren klar. Er war für die Führungsrolle auserwählt worden, ob es ihm nun paßte oder nicht. Weil er einen Bruder an dieses Es verloren hatte, was immer Es auch sein mochte, weil er der ideenreiche Junge war, hauptsächlich aber, weil er auf irgendeine ihm selbst unverständliche Weise für sie Big Bill geworden war.

Er schaute zu Beverly hinüber, wandte seinen Blick aber rasch wieder ab, als er das ruhige, feste Vertrauen in ihren Augen las. Wenn er Bev anschaute, hatte er immer so ein komisches Gefühl in der Magengrube.

»W-Wir k-k-k-önnen nicht zur P-P-Polizei gehen«, sagte er schließlich. Seine eigene Stimme kam ihm viel zu rauh, viel zu laut vor. »W-Wir k-k-können auch n-nicht zu unseren E-Eltern gehen. Es s-sei denn...« Er sah Richie hoffnungsvoll an. »W-Was ist m-m-mit d-deinem V-V-Vater und deiner M-Mutter, V-V-Vierauge? Sie sch-sch-scheinen doch in Ordnung zu ssein.«

»Mein lieber Mann«, sagte Richie in seiner Stimme-Cadburys-des-But-lers, »Sie haben offensichtlich nicht die geringste Ahnung von meinem Padre und meiner Madre. Sie...«

»Red gefälligst wie ein vernünftiger Mensch, Richie«, sagte Eddie von seinem Platz aus. Er saß ganz bequem in Bens großem Schatten. Sein Gesicht sah klein und schmal und besorgt aus - es war das Gesicht eines alten Mannes. Er hielt seinen Aspirator fest in der Hand.

»Meine Leute würden mich für verrückt halten«, sagte Richie. »Sie würden glauben, ich sei reif für die Klapsmühle.« Er trug an diesem 3. Juli eine alte Brille. Am Vortag war plötzlich ein Freund von Henry Bowers - Gard Jagermeyer - hinter Richie aufgetaucht, als dieser mit einem Pistazieneis aus der Eisdiele kam. »Klopf-klopf, du bist's!« hatte Jagermeyer gerufen, der gut vierzig Pfund mehr als Richie wog, und ihm mit beiden Händen einen kräftigen Stoß in den Rücken versetzt. Richie war in den Rinnstein geflogen und hatte dabei sein Eis und seine Brille verloren. Das linke Brillenglas war zerbrochen, und seine Mutter war darüber sehr wütend gewesen und hatte seinen Erklärungen nur sehr wenig Glauben geschenkt.