»Na, wie gefällt dir das, Niggerhund?« fragte Henry, und beim Klang seiner Stimme verdrehte der sterbende Hund seine Augen und versuchte, mit dem Schwanz zu wedeln. »Hat dir dein Mittagessen geschmeckt, du Scheißköter?«
Als der Hund tot war, entfernte Henry die Wäscheleine, nahm sie mit nach Hause und erzählte seinem Vater, was er getan hatte. Zu dieser Zeit war Oscar Bowers schon völlig verrückt, und ein Jahr später verließ ihn seine Frau, nachdem er sie fast totgeprügelt hatte. Auch Henry hatte Angst vor seinem Vater und haßte ihn manchmal furchtbar... aber gleichzeitig liebte er diesen Mann. Und an jenem Nachmittag stellte er fest, daß er endlich den Schlüssel zur Zuneigung seines Vaters gefunden hatte, denn nachdem er ihm von der Vergiftung des Hundes erzählt hatte, schlug sein Vater ihm auf den Rücken, nahm ihn mit ins Wohnzimmer und gab ihm ein Bier zu trinken. Es war Henrys allererstes Bier, und selbst Jahre später rief dieser Geschmack in ihm noch angenehme Assoziationen hervor: Triumph und Liebe.
»Das hast du großartig gemacht!« hatte Henrys verrückter Vater gesagt, und sie hatten sich mit den braunen Flaschen zugeprostet und getrunken. Soviel Henry wußte, hatten die Nigger nie herausgefunden, wer ihren Hund vergiftet hatte (ebenso wie Henry selbst gewisse andere bedeutsame Tatsachen nie erfahren hatte: beispielsweise das auf den Hühnerstall geschmierte Hakenkreuz oder jene Szene, als sein Vater heulend am Steuer seines Wagens saß und Will Hanion ihm die Mündung seines Gewehrs unters Kinn hielt), aber Henry vermutete, daß sie so ihren Verdacht hatten. Er hoffte zumindest, daß das der Fall war.
Die Mitglieder des Klubs der Verlierer kannten Mike vom Sehen - in einer Stadt, wo er das einzige Negerkind war, fiel er natürlich auf -, aber das war auch schon alles, denn Mike besuchte nicht die Grundschule von Derry. Seine Mutter, Jessica Hanion, war eine fromme Baptistin, und Mike ging deshalb in die Christliche Tagesschule an der Ecke Neibolt- und Witcham Street. Neben Erdkunde, Lesen und Rechnen gab es Unterricht in Bibelkunde und Stunden, in denen Themen wie >Die Bedeutung der Zehn Gebote in einer gottlosen Welt< behandelt wurden, sowie Diskussionsgruppen über alltägliche Moralprobleme (beispielsweise, was man tun sollte, wenn man einen Freund beim Ladendiebstahl beobachtete oder hörte, wie ein Lehrer den Namen Gottes mißbrauchte).
Mike ging gern in die Christliche Tagesschule. Manchmal hatte er zwar das vage Gefühl, daß ihm dadurch einiges entging, etwa ein größerer Freundeskreis mit gleichaltrigen Kindern, aber er war bereit, damit bis zur High School zu warten. Die Aussicht auf die High School machte ihn ein bißchen nervös, weil seine Haut braun war, aber soweit er sehen konnte, waren die Leute in der Stadt nett zu seinen Eltern (die Geschichte vom >Black Spot< hatte er damals ja noch nicht gehört), und Mike glaubte, daß man ihn einigermaßen gut behandeln würde, wenn er selbst die anderen gut behandelte.
Henry Bowers war natürlich eine Ausnahme.
Obwohl er es möglichst wenig zu zeigen versuchte, lebte Mike in ständiger Angst vor Henry. Mit zehn Jahren war Mike schlank, aber kräftig, größer als Stan Uris, wenn auch nicht ganz so groß wie Bill Denbrough. Er war schnell und geschickt, und das hatte ihn mehrmals vor Henrys Prügeln gerettet. Außerdem rettete ihn natürlich die Tatsache, daß er in eine andere Schule ging, eine Schule, die knapp zwei Meilen von seinem Elternhaus entfernt war. Wegen der verschiedenen Schulen und des Altersunterschieds von zwei Jahren (was sich im Alter von zehn und zwölf etwa mit der Entfernung zwischen Sol und einem verhältnismäßig nahen Stern wie Alpha Centauri vergleichen läßt) kreuzten ihre Wege sich nur selten. Mike bemühte sich immer, Henry aus dem Weg zu gehen. Die Ironie lag also darin, daß Mike von allen Kindern am wenigsten unter Henry zu leiden gehabt hatte, obwohl Henry ihn am meisten haßte.
Oh, ganz unbehelligt war er natürlich auch nicht geblieben. Im Frühjahr nach der Vergiftung von Mikes Hund war Henry eines Tages plötzlich aufgetaucht, als Mike gerade unterwegs in die Stadt war, um in die Bücherei zu gehen. Es war Ende März und warm genug zum Radfahren, aber die Witcham Road war unterhalb der Bowers-Farm noch nicht geteert, was bedeutete, daß sie im März eine einzige Schlammgrube war - Radfahren war da nicht zu empfehlen.
»Hallo, Nigger«, sagte Henry, als er grinsend hinter den Büschen hervorsprang.
Mike wich etwas zurück und hielt blitzschnell Ausschau nach einer Fluchtmöglichkeit. Wenn es ihm gelang, einen Haken zu schlagen, so würde er Henry abhängen können, das wußte er. Henry war groß und stark, aber er war zugleich auch ziemlich langsam.
»Ich werd' mir mal 'n Teerpüppchen machen«, rief Henry, während er auf den kleineren Jungen zukam. »Du bist nicht schwarz genug, aber dem werd' ich jetzt mal abhelfen.«
Mike drehte Kopf und Oberkörper etwas nach links, und Henry schluckte den Köder und rannte in diese Richtung. Blitzschnell wandte sich Mike mit natürlicher Geschmeidigkeit nach rechts, und er wäre mit Leichtigkeit an Henry vorbeigekommen, wenn der Schlamm ihm nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Er rutschte aus und fiel auf die Knie. Bevor er wieder auf die Beine kommen konnte, fiel Henry über ihn her.
»Nigger, Nigger, Nigger!« brüllte Henry in einer Art religiöser Ekstase, während er Mike im Dreck herumwälzte. Schlamm geriet unter Mikes T-Shirt und Hose, und er spürte ihn auch in seinen Schuhen. Aber er fing erst an zu weinen, als Henry ihm Schlamm ins Gesicht zu schmieren begann und ihm beide Nasenlöcher damit zustopfte.
»Jetzt bist du schwarz!« schrie Henry begeistert, während er Schlamm in Mikes krause Haare rieb. »Jetzt bist du wirklich schwarz!« Er riß Mikes Popelinejacke und sein T-Shirt hoch und schleuderte einen Dreckklumpen auf seinen Bauchnabel. »Jetzt bist du so schwarz wie die Mitternacht in einem Bergwerkschacht!« brüllte Henry triumphierend und stopfte Schlamm in Mikes Ohren. Dann richtete er sich auf, hakte die lehmverschmierten Hände in seinen Gürtel und erklärte: »Ich habe deinen Köter getötet, Nigger!« Aber das hörte Mike nicht, zum einen, weil seine Ohren mit Dreck verstopft waren, zum anderen, weil er laut schluchzte.
Henry schleuderte mit dem Fuß einen letzten Lehmklumpen auf Mike, drehte sich um und schlenderte nach Hause, ohne sich noch einmal umzuschauen. Kurz darauf lief auch Mike, immer noch weinend, heim.
Seine Mutter war natürlich wütend; sie wollte, daß Will Hanion Polizeichef Borton anrief, damit dieser den Bowers einen Besuch abstattete. »Er ist auch schon früher hinter Mikey hergewesen«, hörte Mike sie sagen. Er saß in der Badewanne, und seine Eltern waren in der Küche. Es war das zweite Badewasser; das erste hatte sich sofort schwarz gefärbt. In ihrem Zorn verfiel seine Mutter in einen breiten texanischen Dialekt, den Mike nur mit Mühe verstehen konnte: »Ich will, daß du gesetzlich gegen sie vorgehst, Will Hanion! Gegen den alten Dreckskerl und gegen sein Früchtchen! Bring sie vor Gericht, hörst du!«
Will Hanion hörte, kam aber der Aufforderung seiner Frau nicht nach. Als sie sich schließlich beruhigt hatte (inzwischen war es schon Nacht, und
Mike schlief seit zwei Stunden), erklärte er ihr die Realitäten des Lebens. Polizeichef Borton war nicht Sheriff Simon. Wenn Borton Sheriff gewesen wäre, als die Sache mit den vergifteten Hühnern passierte, hätte Will nie seine 200 Dollar bekommen und hätte sich damit einfach abfinden müssen. Manche Männer unterstützten einen eben, andere hingegen nicht. Borton war ein Schlappschwanz, der die Hanions bestimmt nicht unterstützen würde.