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»Mike hat schon früher Schwierigkeiten mit diesem Jungen gehabt, das stimmt«, sagte er zu Jessica. »Aber ziemlich selten - weil er Henry nämlich möglichst aus dem Weg geht. Und nach diesem Vorfall wird er noch mehr vor ihm auf der Hut sein.«

»Heißt das, daß du gar nichts unternehmen wirst?«

»Ich nehme an, daß Bowers seinem Sohn alles mögliche über mich erzählt hat«, sagte Will, »und aus diesem Grund haßt der Junge uns drei; hinzu kommt noch, daß sein Vater ihm vermutlich eingeredet hat, die einzig richtige Einstellung Niggern gegenüber sei Haß. Darauf läuft letztlich alles hinaus. Ich kann nichts an der Tatsache ändern, daß unser Sohn ein Neger ist. Er wird sein Leben lang Probleme wegen seiner Hautfarbe haben - ebenso wie du und ich. Sieh mal, sogar in dieser Christlichen Schule, die er besucht, weil du es unbedingt so haben wolltest, hat die Lehrerin ihnen erzählt, Schwarze seien nicht so gut wie Weiße, weil Noahs Sohn Ham seinen Vater angesehen hätte, als dieser betrunken und nackt war, während seine beiden Brüder ihre Blicke abgewandt hätten. Und aus diesem Grund seien Harns Söhne dazu verurteilt, immer Holzhauer und Wasserträger zu sein. Und Mikey sagt, sie habe ihn angesehen, während sie diese Geschichte vortrug.«

Jessica blickte ihren Mann wortlos an, und zwei Tränen rollten ihr über die Wangen. »Läßt sich denn gar nichts dagegen machen?«

Seine Antwort war freundlich, aber alles andere als tröstlich; damals glaubten Frauen ihren Männern noch, und Jessica sah keinen Grund, an Wills Worten zu zweifeln.

»Nein. Es gibt kein Entrinnen vor dem Wort Nigger, zumindest nicht in der Welt, wie sie heute ist, nicht in dieser Zeit, in der wir nun einmal leben. Nigger sind und bleiben Nigger, auch in Maine. Manchmal glaube ich, daß ich zum Teil nach Derry zurückgekehrt bin, weil es keinen besseren Ort gibt, um diese Wahrheit nie zu vergessen. Aber ich werde mit dem Jungen reden.«

Am nächsten Tag rief er Mike, der gerade im Stall die Kühe fütterte. Er setzte sich auf das Joch seiner Egge und bedeutete ihm, sich neben ihn zu setzen.

»Du solltest diesem Henry Bowers aus dem Weg gehen«, sagte er.

Mike nickte.

»Sein Vater ist verrückt.«

Mike nickte wieder. Er hatte das schon oft in der Schule gehört, und das Aussehen und Benehmen des Mannes, soweit Mike ihn zu Gesicht bekam, bestätigte diese allgemeine Meinung.

»Ich meine, nicht nur ein bißchen verrückt«, fuhr Will fort, während er sich eine Zigarette anzündete. Er sah seinen Sohn ernst an. »Der Mann ist fast reif fürs Irrenhaus. Er ist so geistesgestört aus dem Krieg zurückgekommen.«

»Ich glaube, Henry ist auch verrückt«, sagte Mike mit leiser, aber fester Stimme, was Will sehr freute... allerdings konnte er - trotz allem, was ihm im Leben schon widerfahren war, sogar trotz des Brandes im >Black Spot» - einfach nicht glauben, daß ein zehnjähriger Junge verrückt sein könnte.

»Na ja, er hat seinem Vater zu oft aufmerksam zugehört, aber das ist schließlich nur natürlich«, sagte Will. Doch in diesem Punkt war sein Sohn scharfsichtiger. Entweder aufgrund seines ständigen Zusammenseins mit seinem Vater oder aber aufgrund irgendeines inneren Defektes wurde Henry langsam, aber sicher verrückt.

»Ich will nicht, daß du dein Leben mit Davonrennen verbringst«, sagte Will Hanion. »Aber weil du ein Neger bist, wirst du vermutlich einiges durchmachen müssen. Verstehst du, was ich meine?«

»Ja, Daddy«, murmelte Mike und dachte an seinen Mitschüler Bob Gautier, der versucht hatte, Mike zu erklären, daß Nigger unmöglich ein Schimpfwort sein könne - schließlich verwende sein Vater es ständig. Es sei sogar ein positives Wort, hatte Bob erklärt. Wenn ein Boxer besonders viel einstecken müsse und trotzdem auf den Beinen bleibe, würde sein Daddy sagen: »der Kerl hat einen so harten Schädel wie ein Nigger«, und wenn sich jemand bei der Arbeit besonders anstrenge, würde sein Daddy sagen: »der Mann schuftet wie ein Nigger«. »Und mein Vater ist ebensogut Christ wie deiner«, hatte Bob geendet. Mike erinnerte sich daran, daß er beim Anblick von Bobs weißem, aufrichtig bedrücktem Gesicht unter der von billigem Pelz gesäumten Kapuze keinen Zorn empfunden hatte, sondern nur eine schreckliche Traurigkeit, daß er am liebsten geweint hätte. Bob hatte es wirklich gut gemeint, aber Mike hatte sich plötzlich sehr einsam gefühlt... ein breiter, unüberbrückbarer Abgrund hatte sich zwischen ihm und dem anderen Jungen auf getan.

»Ja, ich sehe, daß du mich verstehst«, sagte Will und strich seinem Sohn übers Haar. »Und das bedeutet, daß du dir sorgfältig von Fall zu Fall überlegen mußt, wo sich Widerstand lohnt. Du mußt dich fragen, ob es überhaupt etwas bringt, sich mit Henry Bowers anzulegen. Was meinst du?«

»Nein«, antwortete Mike. »Nein, ich glaube, es bringt wirklich nichts.«

Es dauerte zwei Jahre, bis er seine Meinung änderte: genau gesagt, am 3. Juli 1958.

4

Während etwa anderthalb Meilen entfernt Henry Bowers, Victor Criss, Belch Huggins, Peter Gordon und ein geistig etwas zurückgebliebener Junge namens Steve Sadler, der die High School besuchte (sein Spitzname war Moose, nach der Figur in den Archie-Comics), einen erschöpften Mike Hanion über das Bahnhofsgelände in Richtung Barrens verfolgten, saßen Bill und die anderen Mitglieder des Klubs der Verlierer immer

noch am Ufer des Kenduskeags und dachten über ihr alptraumhaftes Problem nach.

»I-Ich w-w-weiß, w-wo Es ist, g-g-glaube ich«, brach Bill schließlich das Schweigen.

»Es ist in den Abflußkanälen«, sagte Stan, und sie zuckten alle zusammen, als plötzlich ein rauhes, rasselndes Geräusch ertönte. Schuldbewußt lächelnd legte Eddie seinen Aspirator wieder auf den Schoß.

Bill nickte. »Ich h-h-habe m-meinen Vater vor ein paar T-T-Tagen über die A-Abflußk-k-kanäle ausgefragt.« Er erzählte ihnen, was Zack ihm erklärt hatte: daß Derry nicht nur über ein auf der Schwerkraft beruhendes Abflußsystem verfügte, das den größten Teil des städtischen Abwassers in den Kenduskeag und seine zahlreichen Zuflüsse schwemmte, sondern daneben auch noch über ein separates Kanalisationssystem mit elektrischen Pumpen.

»Diese ganze Gegend war ursprünglich sehr sumpfig«, erklärte Zack seinem Sohn, »und die Stadtväter brachten es fertig, das heutige Stadtzentrum im schlimmsten Teil des Sumpfgebietes anzulegen. Der unter der Center- und Main Street verlaufende und im Bassey Park endende Teil des Kanals ist eigentlich nichts anderes als ein Abflußrohr, durch das zufällig der Kenduskeag fließt. Diese Kanalrohre sind den größten Teil des Jahres über leer, aber sie sind wichtig, wenn im Frühling das Tauwetter einsetzt oder wenn es zu Überschwemmungen kommt...« Er hielt an dieser Stelle für kurze Zeit inne, weil ihm vermutlich eingefallen war, daß er seinen jüngeren Sohn während der Überschwemmung im Herbst des Vorjahres verloren hatte. ».. .und zwar wegen der Pumpen«, beendete er schließlich seinen Satz.

»P-P-Pumpen?« fragte Bill und drehte unwillkürlich den Kopf etwas zur Seite, weil er spuckte, wenn er bei den Verschlußlauten stotterte.

»Die Abwasserpumpen«, sagte sein Vater. »Sie sind in den Barrens. Betonzylinder, die etwa drei Fuß hoch aus der Erde herausragen...«

»B-B-Ben H-H-H-Hanscom nennt sie M-Morlock-Brunnen«, sagte Bill grinsend.

Zack grinste ebenfalls... aber es war nur ein Schatten seines früheren fröhlichen Grinsens. Sie waren in Zacks Werkstatt, wo er ohne großes Interesse Stuhlbeine drechselte. »Es sind Senkgruben-Pumpen«, sagte er. »Sie befinden sich in etwa 12 Fuß Tiefe, und sie pumpen das Abwasser auf ebenen Strecken weiter. Es sind alte Maschinen, und die Stadt brauchte dringend neue Pumpen, aber der Stadtrat behauptet, kein Geld dafür zu haben. Wenn ich für jedesmal, daß ich dort unten bis zu den Knien in der Scheiße rumgewatet bin, um einen der Motoren zu reparieren, einen Vierteldollar bekommen hätte... aber das alles interessiert dich bestimmt nicht, Bill. Warum gehst du nicht rein und siehst fern? Ich glaube, heute abend kommt >Sugarfoot's<.«