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»Ich m-m-möchte es aber hören«, sagte Bill, nicht nur, weil er inzwischen sicher war, daß irgendwo unter Derry etwas Schreckliches hauste, sondern auch, weil sein Vater mit ihm redete und es herrlich war, den Klang seiner Stimme zu hören.

»Weshalb interessierst du dich für Abwasserpumpen?« fragte Zack.

»Sch-Sch-Schulauf gäbe.«

»Jetzt sind doch Ferien.«

»F-Für n-n-nächstes Jahr.«

»Nun, viel gibt's da nicht zu erzählen«, sagte Zack. »Sieh mal, hier ist der Kenduskeag...« - er zog eine gerade Linie durch die Sägespäne auf dem Werktisch - »und hier sind die Barrens. Weil nun die Innenstadt tiefer liegt als die Wohngegenden wie Kansas Street, Old Cape oder West Broadway, muß von dort mehr weggepumpt werden. Aus den meisten Wohnhäusern fließt das Abwasser dagegen so ziemlich von allein in die Barrens. Verstehst du?«

»Ja«, sagte Bill und rückte ein bißchen näher an seinen Vater heran, um die Linien zu betrachten... rückte an ihn heran, bis seine Schulter den Arm seines Vaters berührte.

»Dad, wie groß sind die Kanalisationsrohre?«

»Meinst du den Durchmesser?«

Bill nickte.

»Die Hauptrohre haben einen Durchmesser von etwa sechs Fuß. Die Nebenrohre aus den Wohngegenden - etwa drei oder vier. Einige sind sogar noch größer. Und glaub mir eines, Billy, und sag es ruhig auch deinen Freunden weiter: Bleibt diesen Kanalisationsrohren auf jeden Fall fern, kommt ja nicht auf die Idee, sie erkunden zu wollen!«

»Warum?«

»Weil seit 1885 unter etwa einem Dutzend verschiedener Stadtverwaltungen daran gebaut wurde und ein Teil der Planzeichnungen irgendwann zwischen 1937 und 1951 verschwunden sind. Und das heißt, daß niemand genau weiß, wie diese verdammten Rohre genau verlaufen. Wenn alles funktioniert, spielt das natürlich keine Rolle. Wenn aber etwas kaputt ist, werden drei oder vier arme Leutchen vom städtischen Wasserwerk losgeschickt, um herauszufinden, welche Pumpe versagt hat oder wo etwas verstopft ist. Und wenn sie runtersteigen, nehmen sie sich vorsichtshalber viel Proviant mit, das kannst du mir glauben. Es ist dunkel dort unten, und es stinkt, und es gibt Ratten. Das sind alles gute Gründe, um wegzubleiben, der Hauptgrund ist aber, daß man sich dort unten leicht verirren oder sogar verlorengehen kann. So was ist alles schon passiert.«

Unter Derry verlorengegangen. Hoffnungslos verirrt in der unterirdischen Kanalisation! Der Gedanke war so schrecklich, so furchterregend, daß Bill kurze Zeit schwieg. Dann fragte er: »A-A-Aber hat man d-denn n-n-nie Leute r-r-runtergeschickt, um K-K-K-Karten v-von...«

»Ich muß diese Stuhlbeine fertigmachen«, sagte Zack abrupt und drehte ihm den Rücken zu. »Geh rein und sieh lieber fern.«

»A-A-Aber, D-Dad...«

»Nun geh schon, Bill«, sagte Zack, und Bill spürte wieder die Kälte - jene Kälte, die jedes Abendessen zur Qual machte, weil sein Vater in Elektrozeit-schriften blätterte (er hoffte, im nächsten Jahr befördert zu werden) und seine Mutter einen ihrer ewigen britischen Kriminalromane las: Marsh, Sayers, Innes, Allingham. In dieser kalten Atmosphäre essen zu müssen, nahm jedem Gericht den Geschmack, es war so, als würde man tiefgefrorene Nahrungsmittel essen. Hinterher ging er manchmal in sein Zimmer, legte sich aufs Bett, hielt sich den schmerzenden Magen und dachte: Imfin-stern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz furchtlos kalt sogar noch gegen Geister. Seit Georgies Tod dachte er mehr und mehr daran, obwohl seine Mutter ihm den Satz schon vor zwei Jahren beigebracht hatte. Inzwischen hatte er für ihn aber eine Art magischer Bedeutung bekommen: an jenem Tag, wenn er es schaffen würde, zu seiner Mutter zu gehen, ihr in die Augen zu schauen und diesen Satz ohne das geringste Stottern zu sagen, würde das Eis brechen. Ihre Augen würden aufleuchten, sie würde ihn fest umarmen und rufen: »Großartig, Billy! Was für ein guter Junge! Was für ein guter Junge!«

Er hatte das natürlich niemandem verraten; lieber hätte er sich die Zunge abgebissen als diesen sehnlichsten Traum preiszugeben. Wenn er diesen Satz fehlerfrei sprechen konnte, den seine Mutter ihm eines Samstagmorgens ganz nebenbei beigebracht hatte, als er und Georgie sich im Fernsehen >The Adventures of Wild Bill Hickock< mit Guy Madison und Andy Devine ansahen, dann würde das jenem Kuß gleichen, der Dornröschen aus ihren kalten Träumen erweckt und in die wärmere Welt der Liebe des Märchenprinzen versetzt hatte.

Im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz furchtlos kalt sogar noch gegen Geister.

Natürlich erzählte er seinen Freunden auch an jenem 3. Juli nichts davon, aber er erzählte ihnen, was sein Vater ihm über die Abflußkanalisation in Derry berichtet hatte. Er war ein Junge mit sehr viel Fantasie (manchmal fiel es ihm leichter, etwas zu erfinden, als die Wahrheit zu sagen), und die Szene, die er schilderte, unterschied sich beträchtlich von der Wirklichkeit: In seiner Erzählung hatten sein alter Herr und er zusammen in die Röhre geschaut und dabei Kaffee getrunken.

»Läßt dein Vater dich Kaffee trinken?« fragte Eddie.

»Na k-k-klar«, sagte Bill.

»Wow!« meinte Eddie. »Meine Mutter würde mir nie erlauben, Kaffee zu trinken. Sie sagt, das Koffein sei gefährlich.« Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Selbst trinkt sie aber welchen.«

»Mein Dad läßt mich Kaffee trinken, wenn ich möchte«, sagte Beverly. »Aber er würde mich glatt umbringen, wenn er wüßte, daß ich rauche.«

»Weshalb seid ihr so sicher, daß Es in den Abflußkanälen haust?« fragte Richie und blickte von Bill zu Stan und dann wieder zurück zu Bill.

»A-A-Alles d-deutet darauf hin«, erklärte Bill. »Die Sch-Sch-Stimmen, die B-Beverly g-g-gehört hat, kamen aus dem Abfluß. Ebenso das B-B-B-Blut. Als der Clown uns v-v-verfolgte, waren jene orangefarbenen K-K-Knöpfe n-neben einem G-G-Gully. Und Georgie...«

»Es war kein Clown, Big Bill«, sagte Richie. »Ich hab's dir doch schon gesagt: Ich weiß, daß es sich verrückt anhört, aber es war ein Werwolf.« Er blickte in die Runde, als müßte er sich verteidigen. »Ich schwor's euch. Ich habe ihn gesehen.«

Bill sagte: »Für d-d-dich war es ein W-W-W-Werwolf.«

»Häh?«

»K-Kapierst du d-denn nicht? Es war ein W-Werwolf für dich, weil du im A-A-A-Aladdin diesen b-b-blöden Film g-gesehen hast.«

»Das kapier' ich nicht«, sagte Richie.

»Ich glaube, ich versteh's«, erklärte Ben ruhig.

»Ich h-h-habe in der B-Bücherei n-nachgeschaut«, berichtete Bill. »Ich g-g-glaube, Es arbeitet mit Zauberei.« Er erzählte ihnen von dem Artikel in der Enzyklopädie und von einem anderen Artikel, den er in einem Buch mit dem Titel >Night's Truth< gefunden hatte. Es sei ein >glamour<, erzählte er ihnen. Das sei der gälische Name für die Kreatur, die Derry heimsuche; andere Rassen und Kulturen verschiedener Epochen hätten Es anders genannt, aber in etwa das gleiche darunter verstanden. Die Prärieindianer würden Es als Manitu bezeichnen, der manchmal die Gestalt eines Berglöwen, manchmal die Gestalt eines Elchs oder eines Adlers annehmen könne. Diese Indianer glaubten auch, daß der Geist eines Manitu manchmal in sie eindringen könne, und daß es ihnen dann möglich sei, in den Wolken die Gestalten jener Tiere zu sehen, denen ihre Häuser geweiht seien. Die Hima-laya-Bewohner nannten Es >tallus< oder >taelus<; sie verstünden darunter ein böses Zauberwesen, das die menschlichen Gedanken lesen und dann jede Gestalt annehmen könne - jeweils die, vor der man am meisten Angst habe. In Mitteleuropa hätte man Es >eylak<, Bruder des >vurderlak<, oder Vampir genannt. In Frankreich sei Es als >le loupe-garou< bezeichnet worden, was dann grob übersetzt worden sei als >Werwolf<. Der >loupe-garou< könne indessen alles, alles nur Erdenkliche sein: ein Wolf, ein Habicht, ein Schaf, sogar eine Wanze.