»Der Nigger!« hatte Belch Huggins freudig eingestimmt, und auch seine Augen hatten vor Freude auf einen bevorstehenden Kampf sofort gestrahlt. »Der Nigger! Los, Henry, den schnappen wir uns!«
Er hatte sich in Trab setzen wollen, aber Henry hatte ihn am Arm gepackt und ihn zurückgehalten. Er hatte mehr Erfahrung als die anderen, Mike Hanion zu jagen, und er wußte, daß es leichter gesagt als getan war, den Nigger zu fangen. Der Kerl war sehr schnell.
»Er sieht uns nicht«, hatte er zu den anderen gesagt. »Am besten gehen wir nur in raschem Tempo und verkleinern dadurch den Abstand zu ihm.«
Das taten sie denn auch. Die fünf Jungen sahen aus, als trainierten sie für den olympischen Wettbewerb im Gehen. Moose' nicht gerade kleiner Bauch schwabbelte unter seinem T-Shirt auf und ab. Schweiß rann Belch von der Stirn, und sein Gesicht lief rot an. Aber der Abstand verringerte sich tatsächlich - 200 Yards, 150 Yards, 100 Yards -, und der Nigger hatte sich immer noch nicht umgedreht. Sie konnten ihn jetzt schon pfeifen hören.
Daß Henrys Kumpel an diesem Tag überhaupt auf der Farm der Bowers gewesen waren, gehörte zu den merkwürdigen Zufällen jenes Sommers, die in Wirklichkeit vielleicht gar keine Zufälle gewesen waren. Jahre später vertrat Mike Hanion die Ansicht, daß keiner von ihnen damals ganz sein eigener Herr gewesen war (ebenso wie im späten Frühling 1983), und er führte beim Wiedersehensessen eine Reihe seltsamer Parallelen an, aber zumindest eine war auch ihm unbekannt: Der Klub der Verlierer hatte sich an jenem 3. Juli in Richtung Müllhalde begeben, um dort Stans Schwärmer abzufeuern. Und Victor, Belch und die anderen waren auf der Bowers-Farm gewesen, weil Henry verschiedene Feuerwerkskörper hatte... sogar ein paar M-8o, deren Besitz einige Jahre später unter schwere Strafe gestellt wurde. Die großen Jungen hatten die Absicht, diese Feuerwerkskörper in der Kohlengrube hinter dem Güterbahnhof abzufeuern.
Normalerweise ging keiner der Jungen gern auf die Farm der Bowers, hauptsächlich wegen Henrys verrücktem Vater, aber auch, weil Henry sie immer einspannte, um ihm bei seinen lästigen Pflichten wie Unkrautjäten, Steineauflesen und ähnlichem mehr zu helfen. Diesmal aber hatte Henry sie mit den Feuerwerkskörpern regelrecht zum Helfen erpreßt, und sie hatten der Versuchung nicht widerstehen können.
»Was hast du mit dem Nigger vor, Henry?« fragte Victor Criss, als der Abstand zwischen ihnen und Mike immer kleiner wurde. Obwohl er es nicht zeigte, verspürte er doch tief im Innern ein dumpfes Unbehagen. Er befürchtete, daß Henry zu weit gehen könnte. Wie weit Henry gehen könnte, daran versuchte Victor lieber nicht zu denken... aber unwillkürlich drängte sich ihm dieser Gedanke immer wieder auf.
»Wir schnappen ihn uns und nehmen ihn mit zur Kohlengrube«, sagte Henry. »Ich dachte mir, wir könnten ihm ein paar Feuerwerkskörper in die Schuhe stecken und sehen, ob er dann tanzt.«
»Aber nicht die M-8o, Henry... in Ordnung?« Wenn Henry das im Sinn hatte, zog Victor es vor heimzugehen. Eine M-8o in jedem Schuh würde von den Füßen des Niggers nichts übriglassen, und mit so etwas wollte Victor dann doch nichts zu tun haben.
»Von denen hab' ich nur vier Stück«, sagte Henry, ohne den Blick von Mikes Rücken zu wenden. Sie hatten den Abstand jetzt auf 75 Yards verringert und unterhielten sich nur noch ganz leise. »Glaubst du, daß ich zwei davon auf 'nen verdammten Nigger verschwenden würde?«
»Nein, Henry. Natürlich nicht.«
»Wir stecken ihm nur Schwärmer in die Schuhe«, fuhr Henry fort, »und schmeißen seine Klamotten in die Barrens. Vielleicht gerät er in giftiges Efeu rein, wenn er versucht, sie sich zurückzuholen.«
»Wir müssen ihn auch in der Kohle rumwälzen«, sagte Belch, dessen trübe Augen jetzt richtig strahlten. »Okay, Henry? Was meinst du?«
»Klar«, sagte Henry so beiläufig, daß Victor sich wieder etwas unbehaglich fühlte. »Wir werden ihn in der Kohle rumwälzen, so wie ich ihn damals im Dreck gewälzt habe. Und...« Henry grinste und entblößte dabei Zähne, die schon im frühen Alter von zwölf Jahren zu verfaulen begannen. »Und ich muß ihm unbedingt was sagen. Ich glaube, letztes Mal hat er's nicht gehört.«
»Was denn, Henry?« fragte Peter Gordon interessiert und aufgeregt. Er stammte aus einer der >guten Familien< in Derry; er wohnte am West Broadway und würde in zwei Jahren aufs Internat in Groton kommen - zumindest glaubte er das an jenem 3. Juli noch. Er war klüger als Victor, aber er kannte Henry noch nicht lange genug, um sich Sorgen zu machen.
»Das wirst du schon noch hören«, sagte Henry. »Und jetzt haltet die Klappe! Wir sind ihm schon dicht auf den Fersen!«
Das stimmte tatsächlich, und immer noch ahnte Mike nichts von der drohenden Gefahr. Alle Jungen konnten jetzt schon das weiße Holzgebäude mit dem viereckigen Glockenturm sehen - die Christliche Tagesschule an der Ecke Neibolt- und Witcham Street. Sie waren 25 Yards hinter Mike, und Henry wollte gerade den Befehl zum Angriff erteilen, als Moose Sadler den ersten Feuerwerkskörper des Tages losließ. Er hatte am Vorabend drei Teller gebackene Bohnen gegessen, und der Furz war fast so laut wie ein Schuß aus der Schrotflinte.
Mike drehte sich um, und Henry sah, daß seine Augen sich vor Schreck weiteten.
»Schnappt ihn euch!« brüllte Henry.
Einen Moment lang war Mike starr vor Schreck... und dann sauste er los, rannte um sein Leben.
6
Die Verlierer bahnten sich in folgender Reihenfolge einen Weg durch das Bambusdickicht in den Barrens: Bill Denbrough ging voraus, hinter ihm Richie Tozier, dann Beverly Marsh, die in ihren Jeans, einer weißen ärmellosen Bluse und mit Sandalen an den nackten Füßen wie immer sehr hübsch aussah; es folgte Ben Hanscom, der sich bemühte, nicht zu laut zu keuchen (trotz der Hitze trug er wieder einen seiner unförmigen Sweater); hinter Ben kam Stan Uris, und Eddie Kaspbrak, dessen Aspirator aus seiner rechten Hosentasche herausragte, bildete die Nachhut.
Bill stellte sich wieder einmal - wie meistens, wenn er diesen Teil der Barrens durchquerte - vor, er befände sich auf Dschungel-Safari. Der Bambus
war hoch und weiß und machte ihren Trampelpfad fast unsichtbar. Die Erde war schwarz und weich; größtenteils war sie trocken, aber stellenweise mußte man ausweichen oder springen, wenn man nicht im Sumpf einsinken wollte. Das stehende Wasser hier und dort hatte seltsam schillernde Regenbogenfarben. Die Luft stank immer ein wenig nach Müllhalde und verwesender Vegetation.
Bill bog um eine Kurve und drehte sich abrupt nach Richie um. »V-Vor-sicht, Tozier, da vorne ist ein T-T-Tiger.«
Richie nickte und gab die Botschaft an Beverly weiter.
»Ein Tiger!« flüsterte sie Ben zu.
»Ein menschenfressender?« fragte Ben und hielt den Atem an, um nicht zu keuchen.
»Er ist ganz mit Blut beschmiert«, sagte Beverly.
»Ein menschenfressender Tiger«, raunte Ben Stan zu, der die Neuigkeit Eddie verkündete, dessen schmales Gesicht vor Aufregung rot war.
Sie verkrochen sich im Bambus; der Tiger lief auf dem Pfad majestätisch an ihnen vorbei, und sie sahen ihn alle fast richtig vor sich: groß, etwa 200 Pfund schwer, geschmeidig und muskulös unter dem seidigen, gestreiften Fell. Sie glaubten fast, wirklich seine grünen Augen zu sehen und die Blutflecke um das Maul herum, die noch von seiner letzten Mahlzeit - einem bei lebendigem Leibe verschlungenen Pygmäenkrieger - zeugten.
»Er ist weg«, flüsterte Bill, stieß den angehaltenen Atem aus und trat wieder auf den Pfad hinaus. Die anderen folgten dicht hintereinander.
Richie war als einziger bewaffnet: Er brachte eine Zündhütchenpistole zum Vorschein, deren Griff mit Klebeband umwickelt war. »Ich hätte ihn wunderbar erschießen können, wenn du mir ein bißchen aus dem Weg gegangen wärst, Big Bill«, sagte er vorwurfsvoll und schob seine Brille mit der Pistolenmündung die Nase hoch.