»In der g-ganzen G-G-Gegend w-wimmelt es nur so von W-W-Watusis«, entgegnete Bill mit leiser Stimme. »W-W-Wir können Sch-Sch-Schüsse nicht riskieren.«
»Oh!« flüsterte Richie beeindruckt und überzeugt.
Bill forderte sie durch eine Geste zum Weitergehen auf, und sie schlichen auf dem Pfad voran, der sich am Ende des Bambusdickichts verengte. Kurz darauf standen sie wieder am Ufer des Kenduskeags. An dieser Stelle ermöglichten Steine im Flußbett eine Überquerung trockenen Fußes. Ben hatte ihnen gezeigt, wie man einen solchen Übergang schaffen konnte. Man besorgte sich einen großen Stein und ließ ihn ins Wasser fallen, dann holte man einen zweiten und warf ihn ins Wasser, während man auf dem ersten stand, dann holte man einen dritten und warf ihn vom zweiten aus ins Wasser und so weiter, bis man ans andere Ufer gelangen konnte, ohne nasse Füße zu kriegen. Eigentlich war es so einfach, daß jedes Kleinkind darauf hätte kommen müssen, aber keiner von ihnen war auf die Idee gekommen, bevor Ben es ihnen vorgemacht hatte. In solchen Dingen war er sehr geschickt, und er besaß auch die Gabe, es anderen zu zeigen, ohne daß sie sich wie Vollidioten vorkamen.
Hintereinander begannen sie, den Fluß auf den trockenen Steinoberflächen zu überqueren.
»Bill!« rief Beverly eindringlich.
Er blieb sofort stehen und hielt mit ausgebreiteten Armen das Gleichgewicht. Um ihn herum plätscherte das seichte Wasser. »Was ist los?«
»Hier wimmelt es nur so von Piranhas«, sagte sie. »Ich habe erst vor zwei Tagen gesehen, wie sie eine ganze Kuh aufge fressen haben. Eine Minute, nachdem sie reingefallen war, war von ihr nur noch das Skelett übrig. Paß auf, daß du nicht abrutschst!«
»Sehr richtig«, sagte Bill. »Seid vorsichtig, Männer.«
Sie balancierten über die Steine. Ein Güterzug fuhr auf der Eisenbahnbrücke vorbei, als Eddie den Fluß etwa zur Hälfte überquert hatte, und das plötzliche Pfeifen brachte ihn ein wenig aus dem Gleichgewicht. Er blickte ins Wasser, das in der Sonne funkelte, und einen Moment lang sah er dort die umherschwimmenden Piranhas. Sie gehörten nicht einfach zu jenen Fantasiebildem aus dem Dschungel-Safari-Spiel, dessen war er sich ganz sicher. Die Fische sahen wie zu groß geratene Goldfische aus, hatten aber die häßlich breiten Mäuler von Katzenwelsen oder Seebarschen. Scharfe gezackte Zähne ragten zwischen wulstigen Lippen hervor... und sie waren orange wie Goldfische. So orange wie die flauschigen Pompons, die man manchmal auf den Kostümen von Zirkusclowns sah.
Sie schwammen im seichten Wasser herum und fletschten ihre Zähne.
Eddie schwankte und ruderte wild mit den Armen. Gleich falle ich rein, dachte er, ichfall' rein, und dannfressen sie mich bei lebendigem Leibe auf...
Und dann packte ihn Stan fest am Handgelenk, und er erlangte das Gleichgewicht zurück.
»Paß auf«, sagte Stan, »wenn du reinfällst, macht deine Mutter ein Riesentheater.«
Ausnahmsweise war die Vorstellung, daß seine Mutter zetern und jammern würde, Eddie momentan völlig egal. Die anderen waren inzwischen am anderen Ufer angekommen und zählten Autos auf dem Güterzug. Eddie starrte verzweifelt in Stans Augen und dann wieder in den Fluß. Er sah eine leere Kartoffelchips-Tüte, die auf dem Wasser tanzte, aber das war auch schon alles. Er richtete seinen Blick wieder auf Stan.
»Stan, ich hab' gesehen, daß...«
»Was?«
Eddie schüttelte den Kopf. »Ach, nichts«, murmelte er. »Ich bin nur ein bißchen
(aber sie waren da, o ja, sie waren da, und sie hätten mich bei lebendigem Leibe
aufgefressen)
nervös, glaube ich. Gehen wir weiter.«
Das Westufer des Kenduskeags - das Old-Cape-Ufer - war im Frühling bei Tauwetter oder nach heftigen Regenfällen ein einziger Sumpf, aber seit dem 15. Juni hatte es in Derry nicht mehr stark geregnet, und das Ufer war trocken und wie mit einer eigenartigen rissigen Glasur überzogen, aus der mehrere jener Betonzylinder hervorragten wie Maschinen, die irgendeinem unbekannten, aber finsteren Zweck dienten. Etwa 20 Yards weiter unten floß aus einem großen Rohr ein dünnes Rinnsal stinkenden braunen Wassers in den Fluß.
»Hier ist es unheimlich«, stellte Ben ruhig fest, und die anderen nickten zustimmend.
Bill führte sie die trockene Uferböschung empor, und sie verschwanden wieder in dichtem Gebüsch. Insekten surrten, und Sandflöhe hüpften umher. Ab und zu war der laute Flügelschlag eines Vogels zu hören. Ein Eichhörnchen kreuzte ihren Pfad, und etwa fünf Minuten später, als sie sich dem Hügel am Rande der Müllhalde näherten, sauste eine fette Ratte mit einem Stückchen Zellophan im Schnurrbart an Bill vorbei und verschwand auf ihrem eigenen Geheimpfad.
Sie kletterten den Hügel hinauf und blickten von dort auf die Müllhalde hinab.
»Scheiße!« rief Bill und schob die Hände in seine Hosentaschen, während die anderen sich um ihn scharten.
Heute wurden Abfälle im nördlichen Teil der Müllhalde verbrannt, aber auf der Seite, wo die Kinder standen, schob Hendy Fazio, der Müll wart, mit einer aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Schuttramme den Müll zum Verbrennen zu großen Haufen zusammen.
»Stimmt, da können wir jetzt nicht hin«, stellte Ben betrübt fest. Hendy Fazio war kein übler Bursche, aber wenn er Kinder auf der Müllhalde entdeckte, vertrieb er sie sofort - wegen der Ratten, wegen des Rattengiftes, das er in regelmäßigen Zeitabständen ausstreute, wegen der Gefahr, hinzufallen und sich Schnitt- oder Brandwunden zuzuziehen... hauptsächlich aber einfach deshalb, weil er der Meinung war, daß eine Müllhalde kein Kinderspielplatz ist.
»Nein«, stimmte auch Richie zu. »Die Müllhalde können wir für heute vergessen.«
Sie setzten sich hin und beobachteten Hendy eine Weile bei der Arbeit, in der vagen Hoffnung, daß er aufhören und weggehen würde. So 'ne Hundsgemeinheit, dachte Bill. Es gab keinen besseren Ort als die Müllhalde, um Schwärmer abzufeuern. Man konnte sie unter Konservendosen legen und zusehen, wie die Dosen in die Luft flogen, wenn der Schwärmer losging, oder man konnte ihn anzünden, in eine Flasche werfen und dann schnell wegrennen. Die Flaschen explodierten nicht immer, aber manchmal hatte man doch Glück.
»Ich wollte, wir hätten auch ein paar M-8o«, seufzte Richie, ohne zu ahnen, daß ihm schon sehr bald eine beschert werden würde.
»Meine Mutter sagt immer, man müsse mit dem zufrieden sein, was man hat«, verkündete Eddie so feierlich, daß alle lachen mußten.
Als ihr Gelächter verebbte, wandten sich alle Blicke wieder erwartungsvoll Bill zu.
Bill dachte nach, dann sagte er: »Ich w-w-weiß einen g-guten P-P-Platz. Am Ende der B-B-B-Barrens, neben dem B-Bahnhof, ist eine alte K-K-Kies-grube...«
»Ja!« rief Stan begeistert und sprang auf. »Die kenn' ich auch! Du bist einfach Spitze, Big Bill!«
»Dort werden sie ein wirklich tolles Echo erzeugen«, stimmte Beverly freudig zu.
»Also, dann nichts wie hin!« sagte Richie.
Die sechs Kinder - eines fehlte noch, um die magische Zahl sieben vollzumachen - schlenderten den Hügelkamm entlang, der sich um die Müllhalde zog. Hendy Fazio schaute einmal hoch und sah ihre Silhouetten, die sich vom blauen Himmel abhoben. Er überlegte, ob er ihnen zubrüllen sollte zu verschwinden, die Barrens seien für Kinder kein geeigneter Aufenthaltsort, ließ es dann aber doch bleiben und machte sich wieder an die Arbeit. Wenigstens trieben sie sich nicht auf seiner Müllhalde herum.
7
Mike Hanion rannte an seiner Schule vorbei, denn die Tür würde noch abgeschlossen sein, und es gab zwar einen Hausmeister, aber der Mann war alt und schwerhörig, und Henry Bowers würde ihn einholen und ihm den Kopf abreißen, während er noch gegen die Tür hämmerte.