Mike rannte die Neibolt Street entlang, in Richtung Bahnhof. Er versuchte, nicht außer Atem zu kommen, sich nicht völlig zu verausgaben... zumindest jetzt noch nicht. Moose Sadler, Belch Huggins und Henry stellten für Mike kein Problem dar - sie rannten wie schnaubende Büffel. Aber Victor Criss und Peter Gordon waren wesentlich schneller, und als Mike an dem Haus vorbeikam, wo Bill Denbrough und Richie Tozier den Clown gesehen hatten, der ebensogut auch ein Werwolf gewesen sein konnte, blickte er rasch über die Schulter hinweg nach hinten und sah besorgt, daß Peter ihm dicht auf den Fersen war. Peter grinste so glücklich, als wäre er bei einem Hindernisrennen dem Ziel schon sehr nahe. Vielleicht würde er nicht so grinsen, dachte Mike, wenn er wüßte, was passiert, wenn sie mich schnappen ... glaubt er, daß sie nur rufen »Gefangen, du bist dran!« und dann nach allen Richtungen davonrennen?
Als das Tor zum Bahnhofsgelände mit seinem Schild Privateigentum -KEIN ZUTRITT - ZUWIDERHANDLUNGEN WERDEN BESTRAFT in Sicht kam, mußt Mike sein Letztes hergeben. Noch tat es nicht weh - er atmete schnell, aber regelmäßig -, doch er wußte, daß die Schmerzen bald einsetzen würden, wenn er dieses Tempo noch lange durchhalten mußte.
Das Tor stand halb offen. Er riskierte wieder einen Blick zurück und sah, daß Peter etwas zurückgefallen war. Victor war etwa zehn Schritt hinter Peter, die anderen waren noch gut 40 oder 50 Yards dahinter. Obwohl er nur flüchtig zurückblickte, sah Mike deutlich die rasende Wut in Henrys Gesicht.
Er schlüpfte durch das Tor und warf es hinter sich zu. Erleichtert hörte er das Klicken, als es ins Schloß fiel. Einen Augenblick später rüttelte Peter Gordon am Kettenzaun, und gleich darauf war auch Victor Criss zur Stelle. Peters Lächeln war verschwunden; er sah jetzt verdrossen und erstaunt drein. Er suchte nach der Klinke, aber es gab keine - das Tor ließ sich nur von innen öffnen.
Unglaublicherweise rief er: »Los, Junge, mach das Tor auf! So was ist unfair!«
»Was ist denn deiner Meinung nach fair?« fragte Mike keuchend. »Fünf gegen einen?«
»So was ist unfair«, wiederholte Peter, als hätte er Mike überhaupt nicht gehört.
Mike warf einen Blick auf Victor und bemerkte den besorgten Ausdruck in seinen Augen. Er wollte gerade etwas sagen, als die anderen am Tor anlangten.
»Los, aufmachen, Nigger!« brüllte Henry und begann so wild am Zaun zu rütteln, daß Peter ihn bestürzt ansah. »Aufmachen, sag' ich! Los, mach sofort auf!«
»Ich bin doch nicht lebensmüde!« erwiderte Mike ruhig.
»Mach auf!« schrie Belch. »Mach auf, du verfluchter Dreckskerl!«
Mike wich mit rasend pochendem Herzen etwas vom Zaun zurück. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so verwirrt, so erschrocken gewesen zu sein. Sie rüttelten am Zaun und warfen ihm alle möglichen Schimpfnamen für Nigger an den Kopf, Schimpfnamen, von deren Existenz er nicht einmal etwas geahnt hatte. Er nahm kaum wahr, daß Henry etwas aus der Tasche holte, daß er am Daumennagel ein Streichholz anzündete - und dann kam etwas Rundes, Rotes über den Zaun geflogen, und Mike wich instinktiv gerade noch rechtzeitig aus, bevor der Feuerwerkskörper links von ihm explodierte und eine Staubwolke hochwirbelte.
Der Knall brachte alle für einen Augenblick zum Schweigen- Mike starrte sie durch den Zaun hindurch ungläubig an, und sie starrten zurück. Sogar Belch sah ganz verdattert aus.
Jetzt jagt Henry auch ihnen Angst ein, dachte Mike, und plötzlich meldete sich eine neue Stimme in seinem Innern zu Wort, eine verwirrend erwachsene Stimme. Er jagt ihnen Angst ein, aber das wird sie nicht abhalten. Du mußt machen, daß du hier wegkommst, Mike, sonst passiert noch etwas Schlimmes. Vielleicht werden einige es nicht gewollt haben - Victor, eventuell auch Peter Gordon -, aber es wird trotzdem passieren, weil Henry dafür sorgen wird. Also verschwinde lieber. Mach dich schleunigst aus dem Staub.
Er wich wieder einige Schritte zurück, und dann rief Henry: »Ich habe deinen Hund umgebracht, Nigger!«
Mike hatte das Gefühl, als hätte eine Kegelkugel ihn genau in der Magengrube getroffen. Er starrte Henry in die Augen und begriff, daß Henry die Wahrheit sagte: Er hatte Mr. Chips vergiftet.
In Wirklichkeit dauerte es natürlich nur den Bruchteil einer Sekunde, aber Mike kam es wie eine Ewigkeit vor - während er in Henrys dunkle, wahnsinnige Augen und das wutverzerrte, hochrote Gesicht blickte, hatte er das Gefühl, sehr vieles zum erstenmal im Leben zu begreifen, und die Tatsache, daß Henry ebenso verrückt war wie sein Vater, war dabei noch verhältnismäßig unwichtig. Viel bedeutsamer war die Erkenntnis, daß die Welt nicht gut, nicht freundlich ist; diese plötzliche neue Erkenntnis war es hauptsächlich, die ihn brüllen ließ: »Du hundsgemeiner Scheißbastard!«
Henry stieß einen Wutschrei aus und begann am Zaun hochzuklettern, mit einer erschreckenden, brutalen Kraft. Mike blieb noch einen Moment stehen, weil er sehen wollte, ob jene erwachsene Stimme in seinem Innern recht gehabt hatte. Sie hatte nicht getrogen: Nach kaum merklichem Zögern machten die anderen es ihrem Anführer nach und begannen ebenfalls am Zaun hochzuklettern.
Mike drehte sich um und rannte los, quer über das Bahnhofsgelände. Der Güterzug, den die Mitglieder des Klubs der Verlierer in den Barrens gesehen hatte, war schon lange wieder weg, und außer Mikes lautem Atem war nur noch das metallische Klirren des Kettenzauns zu hören, den Henry und die anderen Jungen erklommen.
Beim Überqueren des zweiten Gleises stolperte Mike und fiel hin. Ein Schmerz im Knöchel durchzuckte ihn. Er kam wieder auf die Beine und rannte weiter. Er hörte hinter sich einen lauten Plumps - Henry war vom Zaun runtergesprungen. Gleich darauf hörte Mike ihn brüllen: »Jetzt geht's dir an den Kragen, Nigger!«
Mike hatte entschieden, daß die Barrens seine einzige Chance waren. Wenn es ihm gelang, dorthin zu entkommen, konnte er sich im dichten Unterholz verstecken, oder im Bambus... schlimmstenfalls, in der allergrößten Not, sogar in einem der Abflußrohre.
Das alles konnte er tun... aber jetzt brannte heiße Wut in seinem Herzen. Er konnte noch verstehen, daß Henry ihn jagte, wenn sich ihm irgendeine Gelegenheit dazu bot, aber Mr. Chips...? Was hatte Mr. Chips ihm getan? Mein Hund war doch kein Nigger, du verdammter Scheißbastard, dachte Mike beim Rennen und geriet immer mehr in Rage.
Er hörte plötzlich die Stimme seines Vaters: Ich will nicht, daß du dein Leben mit Davonrennen verbringst... und das bedeutet, daß du dir sorgfältig überlegen mußt, wo Widerstand sich lohnt. Du mußt dich fragen, ob es überhaupt etwas bringt, sich mit Henry Bowers anzulegen...
Mike war bisher geradeaus auf die Lagerschuppen am Ende des Bahnhofsgeländes zugerannt, das durch einen Kettenzaun hinter den Schuppen von den Barrens getrennt wurde. Mike hatte vorgehabt, über den Zaun zu klettern und ins Dickicht hinabzuspringen. Aber nun machte er plötzlich eine scharfe Wendung nach rechts, in Richtung Kohlengrube.
Vor langer Zeit, vermutlich noch vor der Jahrhundertwende, war auch diese Kohlengrube eine Kiesgrube gewesen. Dann hatte sie den durch Derry fahrenden Dampfloks als Kohlendepot gedient, bis diese nach dem Zweiten Weltkrieg von den Dieselloks verdrängt worden waren. Die zur Kohlengrube führenden Gleise waren jetzt rostig, und zwischen den halb verfaulten Schwellen wucherte Unkraut, ebenso wie in der Grube selbst, wo es mit Goldruten und großen Sonnenblumen um die Wette emporwuchs. Aber zwischen den Pflanzen lagen immer noch jede Menge Kohlenstücke herum.
Während des Rennens zog Mike sein Hemd aus; am Rand der Kohlengrube angelangt, warf er einen Blick zurück. Henry war noch ein ganzes Stück entfernt, bei den Bahngleisen, und seine Kumpel waren neben und hinter ihm. Also war noch Zeit.