»P-P-Pack sie ein!« wiederholte er. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, die Wörter herauszubringen. »G-G-Gleich w-w-w-wird w-was p-p-p-passieren.«
Sie schauten ihn nervös an. Eddie leckte sich die Lippen, und Ben stellte sich unwillkürlich schützend vor Beverly.
Richie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und dann erfolgte eine dritte, aber leisere Detonation.
»Sch-Sch-Sch-Steine«, sagte Bill.
»Was ist, Bill?« fragte Stan.
»Sch-Sch-Steine. M-M-Munition.« Bill begann plötzlich, Steine aufzuheben und in seine Tasche zu stopfen, bis sie ganz ausgebeult waren. Die anderen starrten ihn an, als hätte er den Verstand verloren... und dann spürte Eddie plötzlich, wie ihm Schweiß auf die Stirn trat. An jenem Tag, als er und Bill Bens Bekanntschaft gemacht hatten, als Henry Bowers ihm die Nase blutig geschlagen hatte, hatte er eine Vorahnung gehabt, daß etwas passieren würde. Und jetzt hatte er wieder jenes Gefühl.
Nun sammelte auch Ben Steine, und gleich darauf Richie - er bewegte sich rasch und hielt erstaunlicherweise den Mund. Seine Brille rutschte ihm von der Nase und fiel zu Boden. Geistesabwesend schob er sie unter sein Hemd.
»Warum machst du das, Richie?« fragte Beverly beunruhigt.
»Weiß ich selbst auch nicht«, erwiderte Richie und sammelte weiter Steine auf.
»Beverly, vielleicht solltest du lieber - na ja, für ein Weilchen zur Müllhalde zurückkehren«, schlug Ben vor. Er hatte die Hände voller Steine.
»Ich scheiß' drauf«, sagte sie und begann ihrerseits, Steine aufzusammeln.
Stan betrachtete nachdenklich seine Freunde, die wie sonderbare, verrückte Farmer Steine auflasen. Dann preßte er die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und machte sich selbst an die Arbeit.
Eddie spürte, wie ihm wieder einmal die Kehle eng wurde.
Diesmal nicht, verdammt noch mal! dachte er. Nicht, wenn meine Freunde mich brauchen... nicht diesmal, verdammt noch mal!
Er begann ebenfalls, Steine aufzusammeln.
9
Henry Bowers war viel zu rasch in die Höhe und Breite geschossen, um sich unter normalen Umständen schnell und gewandt bewegen zu können. Aber dies waren eben keine normalen Umstände. Er war völlig außer sich vor Wut und Schmerz. Jeder bewußte Gedanke war dadurch ausgeschaltet. Er raste hinter Mike Hanion her wie ein Stier hinter einem wehenden roten Tuch. Mike rannte einen schmalen, gewundenen Pfad entlang, der in der Barrens, in Richtung Müllhalde führte, aber das war Henry viel zu umständlich: Er stürmte quer durchs Gebüsch wie eine Dampfwalze und spürte weder Dornen, die ihm die Haut aufrissen, noch biegsame Äste, die ihm ins Gesicht, auf den Nacken und die Arme schlugen. Das einzige, was für ihn zählte, war der sich verringernde Abstand zwischen ihm und dem Krauskopf des Niggers. Henry hatte eine M-8o (von manchen Kindern auch Mülleimer genannt) in der rechten Hand, in der linken ein Streichholz. Er wollte den Nigger fangen, die M-8o anzünden und sie ihm vorne in die Hose stecken.
Mike wußte, daß Henry Bowers jetzt aufholte, und daß auch die anderen nicht weit hinter Henry waren. Er versuchte schneller voranzukommen. Er hatte wahnsinnige Angst und mußte seine ganze Willenskraft aufwenden, um nicht in totale Panik zu geraten. Er hatte sich beim Überqueren der Gleise den Knöchel stärker verstaucht, als er zuerst angenommen hatte, und jetzt hüpfte er hinkend vorwärts. Er hatte das unangenehme Gefühl, vor einem riesigen mörderischen Hund oder einem wilden Bär verfolgt zu werden, so laut rumorte Henry im Dickicht.
Der Pfad wurde plötzlich breiter und ging in die Kiesgrube über. Mike hatte sie schon halb durchquert, bevor er bemerkte, daß sich Kinder dort aufhielten, sechs an der Zahl.
»Hilfe!« keuchte Mike, während er auf sie zuhinkte. Sie sahen aus, als hätten sie fast soviel Angst wie er selbst, aber daneben las er in ihren Gesichtern noch etwas anderes... war es Entschlossenheit? Er hoffte es von ganzem Herzen.
»Hilfe!« rief er wieder, wobei er sich instinktiv an den großen rothaarigen Jungen wandte. »Ich werde...«
In diesem Moment kam Henry Bowers aus dem Gebüsch in die Kiesgrube gestürmt. Das Blut auf seiner Stirn glich einer Kriegsbemalung. Er sah die sechs Kinder und blieb abrupt stehen. Einen Moment lang spiegelte sein Gesicht eine gewisse Unsicherheit wider, und er warf einen Blick über die Schulter hinweg. Er sah, daß seine Truppe sich näherte, und als er sich dar-
aufhin wieder dem Klub der Verlierer zuwandte (Mike stand jetzt keuchend etwas seitlich hinter Bill Denbrough), grinste er breit.
»Dich kenn' ich doch, du stotternde Mißgeburt!« sagte er zu Bill. Dann wandte er sich Richie zu. »Und dich ebenfalls. Na, wo ist denn heute deine Brille, Vierauge?« Bevor Richie etwas erwidern konnte, hatte Henry Ben gesichtet. »Na so was! Der Fettkloß ist ja auch hier! Ist das deine Freundin, Fettkloß?«
Ben zuckte zusammen.
In diesem Moment tauchte Peter Gordon neben Henry auf, und gleich danach erschien Victor auf der anderen Seite. Dann waren auch Belch und Moose zur Stelle und nahmen neben Peter und Victor ihre Position ein. Die beiden gegnerischen Gruppen standen sich nun in geordneten Linien gegenüber.
»Ich habe mit einigen von euch noch ein Hühnchen zu rupfen«, rief Henry. Er war ganz außer Atem und schnaubte wie ein Stier. »Aber das braucht nicht unbedingt heute zu sein. Jetzt will ich den Nigger haben. Verschwindet also, ihr kleinen Scheißer!«
»Jawohl, verschwindet!« unterstützte Belch seinen Anführer.
»Er hat meinen Hund umgebracht!« rief Mike mit schriller, zittriger Stimme. »Er hat es selbst gesagt!«
»Du kommst jetzt sofort hierher!« kommandierte Henry. »Vielleicht werde ich dich dann nicht umbringen.«
Mike zitterte, bewegte sich aber nicht von der Stelle.
Ruhig und sehr deutlich sagte Bilclass="underline" »Die B-B-Barrens g-gehören uns. M-Macht, daß ihr hier w-wegkommt.«
Henry riß die Augen weit auf, als hätte er unerwartet eine Ohrfeige bekommen.
»Wer soll mich denn von hier vertreiben?« fragte er. »Du etwa, Hasenfuß?«
»W-W-Wir alle«, erwiderte Bill. »Wir h-haben es s-s-s-satt, uns von dir r-rumk-k-kommandieren zu lassen, B-B-Bowers. Hau ab!«
»Du blöde stotternde Mißgeburt!« schrie Henry. Er senkte den Kopf und griff an.
Bill hatte eine Handvoll Steine, ebenso wie alle anderen außer Mike und Beverly, die nur einen Stein in der Hand hielt. Bill begann ohne übertriebene Hast, Henry damit zu bewerfen. Der erste Stein verfehlte sein Ziel; der zweite traf Henry an der Schulter; wenn der dritte Wurf danebengegangen wäre, hätte Henry eventuell Zeit gehabt, Bill über den Haufen zu rennen; aber Bill hatte diesmal besonders gut gezielt, und der Stein traf Henry mitten auf die gesenkte Stirn.
Henry schrie vor Überraschung und Schmerz auf, blickte hoch... und mußte gleich noch vier weitere Treffer einstecken: einen kleinen Gruß von Richie auf die Brust, einen von Eddie aufs Schulterblatt und einen von Stan aufs Schienbein; Beverlys Stein traf seinen Bauch.
Er starrte sie fassungslos an, und plötzlich war die ganze Luft nur so von Wurfgeschossen erfüllt. Henry wich etwas zurück. Sein Gesicht drückte immer noch äußerste Bestürzung aus. »Los, Jungs!« brüllte er. »Worauf wartet ihr denn? Helft mir!«
»G-G-Greift sie an«, sagte Bill leise, und ohne abzuwarten, ob sie ihm folgen würden, stürzte er vorwärts.
Sie folgten ihm und bewarfen jetzt nicht nur Henry mit Steinen, sondern auch dessen Freunde, die nun ihrerseits Munition vom Boden aufzuheben begannen. Aber bevor sie viel sammeln konnten, ging die erste schwere Angriffswelle auf sie nieder. Peter Gordon schrie auf, als ein von Ben geworfener Stein heftig gegen seinen Backenknochen prallte und eine blutende Wunde verursachte. Er wich zurück, blieb stehen, warf blindlings ein, zwei Steine... und dann flüchtete er. Er hatte jetzt endgültig genug; so etwas war er vom West Broadway her nicht gewöhnt.