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Henry bückte sich und hob in wilder Hast eine Handvoll Steine auf. Zum Glück für den Klub der Verlierer hatte er aber hauptsächlich Kiesel erwischt. Mit einem der größeren Steine warf er nach Bev und traf sie am Arm. Sie schrie auf.

Brüllend stürzte sich Ben auf Henry, der ihn zwar kommen sah, ihm aber nicht mehr ausweichen konnte. Ben wog mehr als 150 Pfund - das Resultat war demnach nicht verwunderlich: Henry flog durch die Luft, landete auf dem Rücken und schlitterte noch ein Stück über den Kies. Ben verfolgte ihn und registrierte nur am Rande einen scharfen Schmerz am Ohr, als Belch mit einem Stein von der Größe eines Golfballs einen Treffer landete.

Henry war gerade mühsam auf die Beine gekommen, als Ben ihn mit voller Wucht in die linke Hüfte traf. Henry fiel erneut auf den Rücken. Seine Augen schleuderten Blitze in Richtung Ben.

»Man wirft nicht mit Steinen nach Mädchen!« brüllte Ben. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so wütend gewesen zu sein. »Man wirft nicht...«

Er sah eine Flamme in Henrys Hand - Henry hatte das Streichholz angezündet und hielt es an die dicke Zündschnur der M-8o. Dann schleuderte er diese auf Ben. Er hatte auf sein Gesicht gezielt, aber Ben holte mit der Hand wie mit einem Schläger aus und traf sie im Fluge. Wie ein Schmetterball schoß sie wieder nach unten. Henry sah sie kommen. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, und er rollte schreiend zur Seite. Den Bruchteil einer Sekunde später explodierte die M-8o, schwärzte den Rücken von Henrys Hemd und zerfetzte es an mehreren Stellen.

Einen Moment später gelang Moose Sadler ein Volltreffer auf Bens Hinterkopf, und Ben landete auf allen vieren und biß sich dabei auf die Zunge. Halb betäubt schaute er sich um. Moose kam auf ihn zugerannt, aber bevor er Ben erreichen konnte, begann Bill ihn von hinten mit Steinen zu bombardieren. Brüllend wirbelte Moose auf dem Absatz herum.

»Du hast mich von hinten angegriffen, du Feigling!« schrie Moose. »Du verdammtes Dreckschwein!«

Er wollte sich auf Bill stürzen, aber Richie eilte Bill zu Hilfe und schleuderte seinerseits Steine auf den unglückseligen Moose. Einer davon riß die Haut über Moose' linker Braue auf, und er heulte vor Schmerz.

»Nennst du fünf gegen einen etwa einen fairen Kampf, du Arschloch?« schrie Richie und warf weitere Steine. Moose war gezwungen zurückzuweichen.

Eddie und Stan gesellten sich zu Bill und Richie. Auch Bev war mit von der Partie; ihr Arm blutete, aber ihre Augen funkelten wild. Steine flogen.

Belch Huggins schrie auf, als einer davon seinen Musikantenknochen traf; vor Schmerz tänzelte er auf der Stelle herum. Henry kam taumelnd auf die Beine; sein Hemd hing ihm in Fetzen herunter, aber sein Rücken war wie durch ein Wunder unverletzt geblieben; noch bevor er sich umdrehen konnte, traf Ben ihn mit einem Stein am Hinterkopf, und er landete wieder auf allen vieren.

Es war Victor Criss, der von den großen Jungen an diesem Tag am erfolgreichsten kämpfte, teilweise, weil er ein ausgezeichneter Ballwerfer war, hauptsächlich aber (paradoxerweise!), weil er emotional am unbeteiligsten war. Ihm mißfiel diese Sache immer mehr; bei Steinschlachten konnte jemand ernsthaft verletzt werden - man konnte eine gefährliche Kopfverletzung davontragen, mehrere Zähne oder sogar ein Auge verlieren. Aber nachdem er nun einmal darin verwickelt worden war, gab er auch sein Bestes.

Er hatte sich besonnen die Zeit genommen, eine Handvoll ziemlich großer Steine zu sammeln. Einer davon traf Eddie arn Kinn, als der Klub der Verlierer sich gerade wieder zum Angriff formierte. Eddie schrie auf und fiel hin. Ben wollte ihm helfen, aber Eddie war schon auf den Beinen; sein blutendes Kinn hob sich leuchtend von der blassen Haut ab, doch seine zu Schlitzen verengten Augen funkelten entschlossen.

Victor nahm Richie aufs Korn und traf ihn am Brustkorb. Richie warf nach Victor, aber Victor wich mit Leichtigkeit aus und richtete das nächste Wurfgeschoß von der Seite her auf Bill Denbrough. Bill warf seinen Kopf zurück, aber nicht schnell genug - der Stein riß ihm die Wange auf.

Bill konzentrierte sich jetzt auf Victor. Ihre Blicke trafen sich, und Victor sah in den Augen des stotternden Jungen etwas, das ihm plötzlich wahnsinnige Angst einjagte. Absurderweise lagen ihm einen Augenblick lang die Worte Ich nehme alles zurück! auf den Lippen... aber natürlich sagte man so was nicht zu einem kleineren Jungen. Nicht, wenn man seine Freunde behalten wollte.

Bill begann auf Victor zuzugehen, und Victor begann auf Bill zuzugehen. Wie auf irgendein telepathisches Signal hin fingen sie genau gleichzeitig an, einander mit Steinen zu bewerfen. Um sie herum verebbte die Schlacht, weil alle - sogar Henry - fasziniert diesen Zweikampf beobachteten.

Victor versuchte den Geschossen auszuweichen; Bill hingegen machte sich diese Mühe nicht. Victors Steine trafen seinen Brustkorb, die Schulter und den Magen. Einer flog dicht an seinem Ohr vorbei. Scheinbar völlig unbeeindruckt davon schleuderte Bill mit mörderischer Kraft einen Stein nach dem anderen. Der dritte prallte mit voller Wucht gegen Victors Knie, und Victor konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken. Er hatte keine Munition mehr. Bill hatte noch einen Stein übrig. Er war glatt und weiß, mit Quarz durchsetzt, und hatte etwa die Größe eines Enteneis. Victor fand, daß er sehr hart aussah.

Bill war jetzt nur noch knapp fünf Fuß von ihm entfernt.

»V-V-Verschwinde s-sofort von hier«, sagte Bill, »s-s-sonst sch-sch-spalte ich dir den Sch-Sch-Schädel. Ich m-m-meine es ernst.«

Victor las in seinen Augen, daß er es wirklich ernst meinte. Er drehte sich wortlos um und verschwand.

Belch und Moose sahen sehr verunsichert drein. Aus Sadlers Mundwinkel sickerte Blut, und über Belchs Wange floß Blut aus einer Kopfwunde. Henrys Lippen bewegten sich, aber es war kein Laut zu hören.

»H-H-Hau ab!« wandte Bill sich an Henry.

»Was ist, wenn ich das nicht tu?« fragte Henry. Er bemühte sich um einen groben Ton, aber seine Augen verrieten Bill etwas anderes: Henry hatte jetzt Angst, und er würde abziehen. Eigentlich hätte Bill ein Gefühl des Triumphs verspüren müssen, aber er fühlte sich nur sehr müde. Traditionsgemäß hätte es sich jetzt gehört, Henry einen ehrenhaften Rückzug zu gestatten, doch dazu war Bill nicht bereit, weil er wußte, daß Henry sie dann irgendwann wieder angreifen würde... und sie hatten genügend andere Probleme.

»D-D-Dann w-werden wir dich zur Sch-Sch-Schnecke machen. Ich d-d-denke, daß wir s-sechs dich ins K-K-K-Krankenhaus bringen können.«

»Sieben«, sagte Mike Hanion und schloß sich ihnen an. Er hielt in jeder Hand einen baseballgroßen Stein. »Ich würde mich mit Freuden bei dir revanchieren.«

»Du verfluchter Nigger!« schrie Henry. Seine Stimme zitterte jetzt, und er war den Tränen bedenklich nahe. Diese Stimme raubte Belch und Moose den letzten Kampfgeist; sie wichen zurück und ließen ihre restliche Munition fallen.

»Lieber bin ich schwarz als so wie du!« rief Mike. »Ich wäre sogar noch lieber gepunktet als so wie du!«

»Hau ab!« rief Beverly.

»Halt die Klappe, Flittchen!« schrie Henry. »Du...« Sofort flogen vier Steine durch die Luft; sie trafen Henry an vier verschiedenen Stellen. Er schrie auf und fiel auf den steinigen, unkrautüberwucherten Boden. Er blickte von den grimmigen Gesichtern seiner Gegner zu Belch und Moose. Aber von dort war keine Hilfe zu erwarten. Belch wich seinem Blick aus, und Moose wandte sich verlegen ab.

Henry stand auf. Er schniefte und schluchzte durch seine gebrochene Nase. »Ich bring' euch alle um!« schrie er noch, bevor er auf den Pfad zurannte. Einen Augenblick später war er verschwunden.

»L-L-Los!« sagte Bill zu Belch. »H-Haut ab! Und k-k-kommt nie mehr her. Die B-B-B-Barrens gehören uns!«