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»Ihr werdet noch bereuen, euch mit Henry angelegt zu haben«, rief Belch. »Komm, Moose.«

Sie entfernten sich wie geprügelte Hunde, ohne sich noch einmal umzusehen.

Die sieben Kinder standen etwa im Halbkreis; alle bluteten irgendwo. Die apokalyptische Steinschlacht hatte knapp vier Minuten gedauert, aber Bill fühlte sich so erschöpft, als hätte er den ganzen Zweiten Weltkrieg mitgemacht, im pausenlosen Einsatz.

Das Schweigen wurde durch Eddies Keuchen unterbrochen. Ben wollte zu ihm gehen, spürte, daß ihm die drei Twinkies und die vier Ding-Dongs, die er auf dem Weg in die Barrens gegessen hatte, hochkamen und rannte an Eddie vorbei in die Büsche, wo er sich so leise wie möglich übergab.

Nun eilten Richie und Bev Eddie zu Hilfe. Bev legte dem schmächtigen

Jungen einen Arm um die Taille, während Richie Eddies Aspirator aus dessen Hosentasche zog, ihm in den Mund schob und auf die Flasche drückte.

Eddie holte tief Luft und brachte schließlich hervor: »Danke, Richie.«

Ben kam mit rotem Kopf aus dem Gebüsch und wischte sich mit einer Hand den Mund ab. Beverly lief zu ihm hin und nahm ihn bei den Händen.

»Danke, daß du dich so für mich eingesetzt hast«, sagte sie und blickte ihm ganz ruhig in die Augen.

Ben bewegte lautlos die Lippen, bevor er schließlich stammelte: »W-W-War d-doch selbstverständlich.«

»Stotter-Bill, wie hast du dich verändert!« rief Richie, und alle mußten lachen, selbst Mike.

Als das Lachen verebbte, wandten sich nach und nach alle Blicke Mike zu, dessen Haut soviel dunkler war als die ihre. Für Mike war diese Neuigkeit natürlich nichts Neues - sie war ihm seit frühester Kindheit vertraut; gelassen hielt er ihren Blicken stand.

Bill schaute von Mike zu Richie, und Richie erwiderte seinen Blick. Bill glaubte fast, ein Klicken zu hören - das letzte Teilchen war soeben in eine Maschine unbekannter Funktion eingefügt worden. Er bekam eine Gänsehaut, und ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken. Jetzt sind wir komplett, dachte er, und dieser Gedanke war so kraftvoll, so richtig, daß er einen Moment lang glaubte, ihm laut Ausdruck verliehen zu haben. Aber das wäre natürlich völlig überflüssig gewesen; er konnte diesen Gedanken in Richies Augen lesen, in Bens, in Eddies, in Stans, in Beverlys.

Jetzt sind wir komplett, dachte er wieder. O Gott, steh uns bei. Jetzt geht es erst richtig los. Bitte, Gott, hilf uns.

»Wie heißt du?« fragte Beverly.

»Mike Hanion.«

»Möchtest du ein paar Schwärmer abfeuern?« fragte Stan, und Mikes Grinsen drückte freudige Zustimmung aus.

Vierzehntes Kapitel

Der Vogel und das Album 1

Alle haben etwas zu trinken mitgebracht.

Bill den Bourbon, Beverly Wodka und Orangensaft, Richie Bier, Ben Hanscom eine Flasche Wild Turkey. Mike hat bereits Bier in den kleinen Kühlschrank im Personalaufenthaltsraum getan.

Eddie Kaspbrak kommt als letzter und hält eine kleine braune Tüte in der Hand.

»Was hast du denn da drin, Eddie?« fragt Richie. »Za-Rex oder ein anderes Medikament?«

Eddie lächelt nervös und bringt eine Flasche Gin zum Vorschein... und eine Flasche Pflaumensaft.

Alle sitzen völlig perplex da, bis schließlich Richie das Schweigen bricht: »Jemand muß die Männer in weißen Kitteln anrufen. Eddie Kaspbrak hat nun endgültig den Verstand verloren.«

»Gin und Pflaumensaft sind sehr gesund«, verteidigt sich Eddie... und dann bricht ein allgemeines fröhliches Gelächter aus, das in der stillen Bücherei laut widerhallt. »Nur zu«, ruf Ben noch lachend und wischt sich die Tränen aus den Augen. »Nur zu, Eddie. Ich wette, daß die Mixtur auch gut für die Verdauung ist.«

Lächelnd füllt Eddie einen Pappbecher zu drei Vierteln mit Pflaumensaft und fügt dann sorgfältig zwei Verschlußkappen voll Gin hinzu.

»O Eddie, ich liebe dich!« sagt Beverly, und Eddie sieht verwirrt hoch, lächelt aber erfreut. Bev blickt in die Runde. »Ich liebe euch alle«, sagt sie.

»W-Wir lieben dich auch, B-Bev«, sagt Bill.

»Ja«, bestätigt Ben. »Wir lieben dich.« Er macht große Augen und lacht. »Ich glaube, wir alle lieben einander immer noch... wißt ihr, wie selten so etwas ist?«

Einen Augenblick lang herrscht Schweigen, und Mike registriert ohne Erstaunen, daß Richie eine Brille trägt.

»Meine Augen begannen von den Kontaktlinsen zu brennen; ich mußte sie rausnehmen«, erklärt Richie ziemlich kurz angebunden auf Mikes Frage hin. »Vielleicht sollten wir allmählich zur Sache kommen?«

Alle Blicke wenden sich nun Mike zu - wie damals in der Kiesgrube -, und er denkt: Sie sehen Bill an, wenn sie einen Anführer brauchen, und mich sehen sie an, wenn sie einen Steuermann brauchen. Ich frage mich, wie es ihnen gefallen würde, wenn ich ihnen erklärte, daß in Filmen der Held niemals eine Glatze hat, und daß ich meinen Kompaß verloren habe, während ich diese verdammten Tagebuchaufzeichnungen machte und mich bemühte, in mörderischen Feuern und riesigen Vögeln, in der Explosion einer Eisenhütte mit gut verschlossenen Kesseln und im Massenmord in einer Bar in Hell's Half Acre - einem Massenmord, bei dem die anderen Gäste anscheinend seelenruhig weitertranken - irgendein gemeinsames Muster zu erkennen, mir diese Katastrophe irgendwie zu erklären. Und wenn ich ihnen das alles sagen würde - würde ich ihnen damit überhaupt etwas Neues mitteilen?

Zur Sache kommen - was sich hinter dieser Redensart doch alles verbergen kann!

Soll ich ihnen sagen, daß die Kinderleichen - die jetzigen wie die von damals -

keine Spuren sexuellen Mißbrauchs aufwiesen, daß sie auch nicht eigentlich verstümmelt, sondern vielmehr teilweise aufgegessen waren? Soll ich ihnen sagen, dass ich in meinem Haus sieben Grubenhelme liegen habe, jene mit den starken elektrschen Lampen - daß einer davon für einen Mann namens Stan Uris vorgesehen war, der es nicht geschafft hat? Oder genügt es vielleicht, ihnen einfach zu sagen, sie sollten ins Hotel gehen und sich ordentlich ausschlafen, weil morgen früh oder morgen nacht das endgültige Ende kommt - entweder für Es oder für uns?

Vielleicht mußte nichts von alldem gesagt werden, und der Grund, weshalb es überflüssig sein mochte, war schon genannt worden: Sie Hebten einander immer noch. Sehr vieles hatte sich in den letzten 27 Jahren verändert, aber dieses eine wie durch ein Wunder nicht. Und darin bestand ihre einzige Hoffnung.

Das einzige, was wirklich noch zu tun blieb, war, fehlende Erinnerungen wachzurufen, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen, damit der Streifen der Erfahrungen sich zu einem Rad biegen ließ. Ja, denkt Mike, das ist es. Heute abend besteht unsere Aufgabe darin, das Rad herzustellen; morgen werden wir dann sehen, ob es sich noch dreht... so wie es sich gedreht hat, als wir - als sie - die großen Jungen aus der Kiesgrube und aus den Barrens vertrieben.

»Ist dir inzwischen alles übrige wieder eingefallen?« fragt Mike Richte.

Richte trinkt einen Schluck Bier und schüttelt den Kopf. »Ich erinnere mich daran, daß du uns von dem Vogel erzählt hast... und ich erinnere mich an das Rauchloch.« Richie grinst übers ganze Gesicht. »Das Rauchloch ist mir eingefallen, als ich vorhin mit Bevvie und Ben auf dem Wege hierher war. War das eine gottverdammte Horrorshow...«