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Am anderen Ende angelangt, sprang er hinab und begann sich gründlich umzusehen. Hier lag allerhand Zeug herum: Ziegel, deformierte Gußformen, Holzstücke, rostige Maschinenteile. Bring ein Andenken mit, hatte sein Vater ihm aufgetragen; er mußte etwas wirklich Interessantes finden.

Er schlenderte immer näher an das gähnende Kellerloch der Eisenhütte heran, während er die Überreste betrachtete, sorgfältig darauf bedacht, sich nicht an den Glasscherben zu schneiden, von denen es hier jede Menge gab.

Mike hatte die Warnung seines Vaters, vom Kellerloch wegzubleiben, durchaus nicht vergessen; ebensowenig hatte er vergessen, daß vor 50 Jahren der Tod an dieser Stelle schrecklich gewütet hatte - er hielt es für durchaus möglich, daß es an diesem Ort spukte. Aber trotzdem - oder gerade deshalb - war er fest entschlossen, so lange hierzubleiben, bis er etwas Lohnendes finden würde, das er mit nach Hause nehmen und seinem Vater zeigen konnte.

Langsam und vorsichtig ging er auf das Kellerloch zu, bis eine innere Stimme ihn warnte, daß er allmählich zu nahe herankam, daß eine von den heftigen Frühlingsregen aufge weichte Seitenfläche abbröckeln und er in dieser Grube landen konnte, wo er dann vielleicht - wie ein Schmetterling von irgendeinem scharfen rostigen Eisenstück aufgespießt - eines langsamen qualvollen Todes sterben würde.

Er hob einen Fensterrahmen auf und warf ihn beiseite. Er entdeckte einen Schöpflöffel, der die richtige Größe für den Tisch eines Riesen gehabt hätte, und dessen Griff von einer unvorstellbaren Hitzewelle verbogen worden war. Da lagen auch Kolbenteile herum, die so schwer waren, daß er sie nicht einmal von der Stelle bewegen, geschweige denn hochheben konnte. Er machte einen großen Schritt darüber hinweg, und dann...

Was ist, wenn ich einen Schädel finde? schoß es ihm plötzlich durch den Kopf. Den Schädel von einem der Kinder, die hier ums Leben kamen, während sie nach Schokoladeneiern suchten - Ostern 1908 oder 1909 oder wann auch immer.

Er blickte ängstlich über das sonnenüberflutete einsame Gelände. Der Wind sauste in seinen Ohrmuscheln, und für kurze Zeit verhüllte eine Wolke die Sonne und warf einen Schatten auf das Feld, wie den einer riesi-

gen Fledermaus... oder eines riesigen Vogels. Mike kam jetzt wieder voll zu Bewußtsein, wie still es hier war, wie unheimlich das Gelände mit seinen Mauerruinen und den überall herumliegenden Metallteilen war - so als hätte hier vor langer Zeit einmal eine furchtbare Schlacht stattgefunden.

Nun sei mal kein solches Arschloch, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Alles, was hier zu finden war, ist schon vor 50 Jahren gefunden worden. Gleich nach der Katastrophe. Und selbst wenn damals etwas übersehen wurde, so hat es bestimmt irgendein Kind - oder auch ein Erwachsener - in der Zwischenzeit gefunden. Oder glaubst du etwa, daß du der erste und einzige bist, der hier nach Souvenirs sucht?

Nein... nein, das glaube ich nicht... aber...

Was - aber? fragte der rationale Teil seines Gehirns, und Mike fand, daß sich diese Stimme etwas zu laut, zu hektisch anhörte. Selbst wenn es hier wirklich noch etwas zu finden gibt, so ist es schon längst verwest. Also, was soll    dieses

blöde Aber?

Mike entdeckte eine alte zerstörte Schreibtischschublade im Unkraut. Er schob sie mit dem Fuß beiseite und ging etwas näher an den Keller heran. Dort lag am meisten Zeug herum. Bestimmt würde er da ein lohnendes Andenken finden.

Aber - was, wenn es dort Gespenster gibt? Das ist das große Aber. Was ist, wenn plötzlich Hände am Rand der Kellermauer auf tauchen, wenn Kinder sich plötzlich hochstemmen, Kinder in den Fetzen ihrer Sonntagskleider, die ganz vermodert und zerrissen sind von 50 Jahren Frühlingsmorast und Herbstregen und verharschtem Schnee? Kinder ohne Köpfe (er hatte in der Schule gehört, daß eine Frau nach der Explosion den Kopf eines Opfers in einem Baum auf ihrem Hinterhof gefunden hatte), Kinder ohne Beine, Kinder mit zerfetzten Bäuchen, Kinder, die vielleicht möchten, daß ich zu ihnen herunterkomme und mit ihnen spiele... dort unten, wo es dunkel ist... unter den eingestürzten Eisenträgern und den riesigen Rädern...

Oh, hör auf damit, um Gottes willen, hör auf damit!

Aber wieder lief ihm ein Schauder über den Rücken, und er beschloß, daß es Zeit war, etwas aufzuheben - irgend etwas - und dann von hier zu verschwinden. Er bückte sich und griff aufs Geratewohl nach etwas - es erwies sich als Zahnrad von etwa sieben Zoll Durchmesser. Er hatte einen Bleistift in der Tasche, und damit entfernte er rasch den Dreck aus den Zahnzwischenräumen. Dann steckte er sein Souvenir ein. Jetzt würde er gehen. O ja, jetzt würde er gehen...

Aber seine Füße bewegten sich langsam in die falsche Richtung, auf den Keller zu, und er begriff erschrocken, daß er einfach einen Blick hinunterwerfen mußte, daß er sehen mußte, wie es dort unten ausschaute.

Er hielt sich an einem aus dem Boden ragenden hölzernen Stützbalken fest, beugte sich weit vor und versuchte, einen Blick nach unten zu werfen. Aber es gelang ihm nicht. Er war nur noch etwa 15 Fuß vom Rand entfernt, doch das war immer noch etwas zu weit, um auf den Boden des Kellers sehen zu können.

Das ist mir egal. Ich gehe jetzt. Mein Souvenir habe ich. Ich werde mir doch nicht ein blödes altes Loch anschauen. Außerdem hat Daddy extra geschrieben, ich solle davon wegbleiben.

Aber jene unglückselige, fieberhafte Neugierde ließ ihn nicht los. Er machte einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen auf den Keller zu, obwohl er sich durchaus bewußt war, daß er sich an nichts mehr würde festhalten können, sobald der Holzbalken außer Reichweite war; er spürte auch, daß der Boden hier wirklich weich und bröckelig war. Entlang des Randes konnte er stellenweise Vertiefungen entdecken, die eingefallenen Gräbern glichen, und er wußte, daß es sich dabei um Erdrutsche handeln mußte.

Mit laut pochendem Herzen erreichte er den Rand und blickte hinab.

In einem Nest im Keller lag der Vogel und schaute zu ihm hinauf.

Im ersten Moment traute Mike seinen Augen nicht. Er stand da wie gelähmt. Es war nicht nur der Schock, einen Monster-Vogel zu sehen, einen Vogel, dessen Brust orangefarben wie die eines Rotkehlchens war, dessen Federn aber das unauffällige Grau eines Sperlings hatten. Teilweise rührte der Schock auch einfach davon her, plötzlich etwas völlig Unerwartetes zu sehen. Er hatte mit halb im Dreck versunkenen Maschinenteilen gerechnet; statt dessen blickte er auf ein riesiges Nest hinab, das den Keller der Länge und Breite nach ganz ausfüllte. Das zum Nestbau verwendete Lieschgras hätte bestimmt mindestens ein Dutzend Ballen Heu ergeben, aber dieses Gras war silbrig und alt. Der Vogel saß mitten in seinem Nest, seine glänzenden Augen waren so schwarz wie frischer warmer Teer, und in dem grausigen Moment, bevor Mikes Erstarrung sich löste, konnte er sein Spiegelbild in jedem dieser Augen erkennen.

Dann begann sich der Boden unter seinen Füßen zu bewegen und nachzugeben. Er spürte, wie er ins Rutschen kam.

Mit einem Aufschrei warf er sich nach hinten. Obwohl er verzweifelt mit den Armen ruderte, verlor er das Gleichgewicht und fiel hin. Ein hartes, stumpfes Metallstück bohrte sich schmerzhaft in seinen Rücken, und dann hörte er auch schon den lauten, schwirrenden Flügelschlag des Vogels.