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Das düstere Schwirren seiner Flügel dröhnte im Schornstein, stinkende Luft fegte an Mike vorbei, ließ seine Kleider flattern, brachte ihn zum Husten, und er wich keuchend in einer Wolke von Staub und Moos zurück.

Plötzlich begann es heller zu werden; zuerst war das Licht noch grau und schwach, dann wurde es immer strahlender, als der Vogel sich etwas von der Schornsteinöffnung entfernte. Mike brach in Tränen aus, fiel wieder auf die Knie und sammeltte Ziegelbrocken, bis er beide Hände voll hatte (jetzt konnte er erkennen, daß sie mit blaugrauem Moos und Flechten bewachsen waren wie Grabsteine aus Schiefer). Dann rannte er nach vorne, fast bis zum Ende des Schornsteins. Er wollte, wenn irgend möglich, verhindern, daß das Monster sich noch einmal hineinzwängte.

Der Kopf des Vogels tauchte wieder vor der Öffnung auf, und Mike sah, wo das letzte Wurfgeschoß ihn getroffen hatte. Das rechte Auge des Vogels war nicht mehr da; statt des glänzenden teerschwarzen Augenrunds war nur noch ein mit Blut gefüllter Krater zu sehen. Eine weißgraue klebrige Masse tropfte aus einem Winkel der Augenhöhle auf den Schnabel.

Das Vogelmonster erblickte ihn und schoß nach vorne. Mike begann Ziegelbrocken zu schleudern. Sie trafen es am Kopf und am Schnabel, und einen Moment lang zog es sich zurück, tauchte aber sofort wieder auf; sein Schnabel öffnete sich und enthüllte wieder jenes pinkfarbene Innere. Diesmal sah Mike aber auch noch etwas anderes; vor Entsetzen klappte ihm der Unterkiefer herunter, und mit weit aufgesperrtem Mund - eine unbeabsichtigte Parodie des Vogels - stand er wie zur Salzsäule erstarrt da. Das Monster hatte eine gelbe Zunge, deren Oberfläche so rissig war wie eine Vulkanlandschaft. Und auf dieser Zunge saßen zahlreiche quastenartige Dinger.

Mit äußerster Willenskraft gelang es Mike, seine Starre zu überwinden, und er warf seine restlichen Ziegelstücke. Die beiden letzten flogen direkt in jenen aufgerissenen Schnabel-Rachen hinein, und der Vogel zog sich wieder zurück, vor Enttäuschung, Wut und Schmerz schreiend. Einen Moment lang sah Mike seine reptilartigen Beine und Klauen... dann schlug er schwerfällig mit den Flügeln und verschwand.

Gleich darauf landete er auf dem Schornstein.

Mike hob den Kopf und lauschte dem Herantappen der Krallen auf den Ziegeln; sein Gesicht war grau vor Entsetzen unter einer Kruste aus Dreck, Staub und Moosfetzen, die jene windmaschinenartigen Vogelflügel auf ihn geblasen hatten, und die an seinem Schweiß haftengeblieben waren. Halbwegs sauber waren nur die Stellen, wo ihm die Tränen über die Wangen gerollt waren.

Über seinem Kopf lief der Vogel hin und her: Tack-tack-tack-tack.

Mike ging ein Stückchen zurück, sammelte Ziegelbrocken und häufte sie in der Nähe der Öffnung auf. Wenn das Monster zurückkehrte, wollte er aus einer günstigen Position heraus angreifen können. Noch war es draußen ganz hell - jetzt, im Mai, würde es noch lange nicht dunkel werden -, aber angenommen, der Vogel beschloß abzuwarten?

Mike schluckte mit trockener Kehle.

Über ihm: Tack-tack-tack.

Er hatte jetzt einen ganz ordentlichen Vorrat an Munition, der hier im trüben Licht, wo die Sonne nicht mehr hinkam, wie ein Haufen Geschirrscherben aussah, den eine Hausfrau zusammengefegt hatte. Mike wischte sich die schmutzigen Handflächen an seinen Jeans ab und wartete einfach darauf, was als nächstes passieren würde.

Zunächst geschah gar nichts; der Vogel tappte unermüdlich auf dem Schornstein hin und her; wie ein schlafloser Mensch, der um drei Uhr nachts ruhelos im Zimmer auf und ab läuft. Ob das fünf Minuten dauerte oder aber fünfundzwanzig, das konnte Mike danach nicht sagen.

Dann hörte er wieder jenen lauten Flügelschlag. Der Vogel ließ sich vor der Schornsteinöffnung nieder, und diesmal begann Mike, der hinter seinem Ziegelhaufen kniete, ihn mit Wurfgeschossen zu bombardieren, noch bevor er den Kopf senken konnte. Ein Ziegelbrocken prallte gegen eines der gelben schuppigen Beine, und aus der Wunde sickerte Blut, das fast so schwarz aussah wie die Teeraugen. Mike schrie triumphierend auf, aber seine dünne Stimme ging im wütenden Kreischen des Vogels fast unter.

»Verschwinde!« brüllte Mike. »Ich werde dich immer weiter bombardieren, bis du von hier verschwindest, das schwöre ich bei Gott!«

Das Vogelmonster flog wieder auf den Schornstein hinauf und setzte seine ruhelose Wanderung fort.

Mike wartete.

Schließlich hörte er es erneut mit den Flügeln schlagen und davonfliegen Er rechnete damit, daß die gelben Beine, die große Ähnlichkeit mit Hühnerbeinen hatten, abermals vor der Öffnung auftauchen würden. Doch das geschah nicht. Überzeugt davon, daß es sich um irgendeinen Trick handeln mußte, wartete er noch längere Zeit, bis ihm schließlich klar wurde, daß das gar nicht der wahre Grund für sein Ausharren im Schornstein war, sondern daß er ganz einfach Angst hatte, seinen sicheren Zufluchtsort zu verlassen.

Los, nun überwinde dich schon! Du bist doch kein Hasenfuß! machte er sich selbst Mut.

Er schob einige Ziegelstücke in sein Hemd und nahm in beiden Händen soviel mit, wie er nur tragen konnte. Dann trat er aus dem Schornstein heraus, wobei er versuchte, seine Augen überall gleichzeitig zu haben. In diesem Moment wünschte er sich sehnlichst, ein zweites Augenpaar im Hinterkopf zu haben. Vor ihm, rechts und links erstreckte sich nur das öde Gelände, übersät mit den rostigen Überresten der Eisenhütte. Er wirbelte auf dem Absatz herum, überzeugt davon, den Vogel auf dem Schornstein zu erblicken wie einen auf Beute lauernden Geier, einen einäugigen Geier, der nur abwartete, bis der Junge ihn sah, um ihn dann zum letzten Mal anzugreifen und ihn mit seinem scharfen Schnabel zu zerfetzen und zu zerfleischen.

Aber der Vogel war nicht da.

Er war tatsächlich weggeflogen.

Jetzt erst ließen Mikes Nerven ihn fast im Stich.

Er stieß einen zittrigen Angstschrei aus (offenbar hatte er doch ziemlich viel von einem Hasenfuß an sich, gestand er den anderen Klubmitgliedern, die gebannt lauschten, während er mit leiser Stimme etwas zögernd seine Geschichte erzählte) und rannte auf den verwitterten Holzzaun zu, der das Feld von der Straße trennte. Unterwegs ließ er seine Munition fallen, und als sein Hemd aus der Hose rutschte, fielen auch die restlichen Ziegelvorräte heraus. Sich nur mit einer Hand festhaltend, setzte er über den Zaun, packte die Lenkstange seines Fahrrads und rannte eine ganze Weile neben ihm die Straße entlang, bevor er aufsprang. Dann trat er wie wild in die Pedale; er wagte weder sich umzusehen noch langsamer zu fahren, bis er die Kreuzung Pasture Road und Outer Main Street erreicht hatte, wo lebhafter Verkehr herrschte.

Als er nach Hause kam, wechselte sein Vater gerade die Zündkerzen an ihrem alten John Deere-Traktor aus. Will betrachtete seinen Sohn von Kopf bis Fuß und meinte dann, er sehe furchtbar schmutzig und staubig aus. Mike zögerte den Bruchteil einer Sekunde, dann erzählte er seinem Vater, er wäre auf der Heimfahrt vom Rad gestürzt, als er einem Schlagloch ausweichen wollte.

»Hast du ein Andenken mitgebracht?« fragte Will.

Mike zog das Zahnrad aus seiner Tasche und zeigte es seinem Vater, der einen kurzen Blick darauf warf und dann nach einem kleinen Ziegelkörnchen auf der Hautpartie unterhalb von Mikes Daumen griff, das ihn mehr zu interessieren schien.

»Aus dem alten Schornstein?« fragte er.

Mike nickte.

»Bist du drin gewesen?«

Mike nickte wieder.

»Hast du da drin irgendwas gesehen?« fragte Will und fügte dann rasch hinzu, um der ursprünglich gar nicht scherzhaft gemeinten Frage ihren Ernst zu nehmen: »Irgendeinen verborgenen Schatz?«

Mühsam lächelnd, schüttelte Mike den Kopf.

»Na ja, erzähl deiner Mutter nicht, daß du dich da herumgetrieben hast«, sagte Will. »Sie würde zuerst mich und dann dich umbringen.« Er betrachtete seinen Sohn noch einmal, aufmerksamer als zuvor, und Mike fühlte sich ziemlich unbehaglich unter seinen forschenden Blicken.