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»Mikey, ist alles in Ordnung?«

»Häh?«

»Du siehst ein bißchen blaß um die Augen rum aus.«

»Wahrscheinlich bin ich nur müde«, sagte Mike. »Immerhin sind es hin und zurück zehn Meilen, vergiß das nicht. Soll ich dir beim Traktor helfen, Daddy?«

»Nein, ich bin fast fertig. Geh lieber rein und wasch dich.«

Mike machte sich auf den Weg, und dann rief sein Vater ihn noch einmal.

Mike drehte sich um.

»Ich möchte nicht, daß du noch einmal jenen Ort aufsuchst«, sagte Will, »zumindest nicht, bis diese Mordfälle aufgeklärt sind und der Täter hinter Schloß und Riegel sitzt... du hast da draußen niemanden gesehen, oder? Niemand hat dich belästigt oder verfolgt?«

»Ich habe keinen Menschen gesehen«, antwortete Mike wahrheitsgetreu.

Will nickte und zündete sich eine Zigarette an. »Na ja, trotzdem war's falsch von mir, dich dorthin zu schicken. Solche alten Orte... manchmal können sie gefährlich sein.«

Für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke.

»Okay, Daddy«, sagte Mike. »Ich möchte sowieso nicht mehr dorthin. Es war... ein bißchen unheimlich.«

Will nickte wieder. »Je weniger du deiner Mutter davon erzählst, desto besser. Jetzt geh und wasch dich. Und sag ihr, sie soll drei oder vier Würste mehr als sonst heiß machen.«

Und das tat Mike dann auch.

5

Später an jenem Nachmittag des 6. Juli waren drei der Verlierer - Ben, Richie und Bill - auf dem Weg zur Stadtbücherei von Derry. Ben und Richie hielten aufmerksam Ausschau nach Henry Bowers und dessen Kumpanen, aber Bill starrte mit gerunzelter Stirn vor sich hin, ganz in Gedanken versunken. Mike war etwa eine Stunde, nachdem er ihnen von dem Vogel berichtet hatte, aufgebrochen, weil er um vier Uhr zu Hause sein mußte, um seinem Vater beim Erbsenpflücken zu helfen. Beverly mußte noch einkaufen und für ihren Vater das Abendessen kochen, und auch Eddie und Stan hatten noch zu tun. Aber bevor sie alle aufgebrochen waren, hatten sie noch damit begonnen, ihr zukünftiges unterirdisches Klubhaus zu graben. Für Bill - und er vermutete, auch für alle anderen - war das fast so etwas wie eine symbolische Handlung gewesen. Sie hatten ihr Werk begonnen.

»Hast du die Geschichte geglaubt, die er uns erzählt hat, Bill?« fragte Ben. Sie gingen gerade an der Stadthalle vorüber. Die Bücherei lag direkt vor ihnen; die alten Ulmen um sie herum spendeten dem Steingemäuer Schatten.

»Ja«, sagte Bill. »Ich g-g-glaube, er h-hat die W-W-Wahrheit gesagt. V-V-Verrückt, aber w-wahr. Was m-m-m-meinst du, Richie?«

Richie nickte. »Ich glaube ihm«, sagte er. »Ich hasse es, eine solche Geschichte glauben zu müssen, wenn ihr versteht, was ich meine - aber ich glaube ihm. Wißt ihr noch, was er über jene orangefarbenen Dinger auf der Zunge des Vogelmonsters sagte?« Bill und Ben nickten. »Die Pompons«, fuhr Richie fort. »Daran mußte ich sofort denken.«

»Ich auch«, sagte Ben. »Ganz gleich, welche Gestalt Es annimmt - Es hinterläßt immer seine Visitenkarte.«

Sie überquerten die Straße zur Bücherei.

»Ich h-h-habe Stan g-gefragt, ob er sch-sch-schon mal w-was von einem s-solchen V-V-V-Vogel gehört hat«, sagte Bill. »N-Nicht unbedingt von einem so g-g-großen, s-sondern einfach v-v-v-v-...«

»Von einem ganz normalen?« schlug Richie vor.

Bill nickte. »Er s-s-s-sagte, v-vielleicht gäbe es in S-Südamerika oder in A-A-Afrika so einen V-Vogel, aber k-k-k-keinesfalls hier b-bei uns.«

»Er glaubt die Geschichte also nicht?« fragte Ben.

»D-D-D-Doch«, erwiderte Bill. Und dann erzählte er ihnen, was Stan sonst noch gesagt hatte, als Bill mit ihm zu jener Stelle gegangen war, wo sie ihre Räder versteckt hatten. Stan hatte ihm erklärt, daß keiner von ihnen jenen Vogel hätte sehen können, bevor Mike ihnen davon erzählt hatte. Etwas anderes, ja, aber das nicht. Der Vogel war Mike Hanions persönliches

Monster gewesen. Jetzt aber... nun ja, jetzt war jener Vogel sozusagen das gemeinsame Eigentum des Klubs der Verlierer, und jeder von ihnen könnte Es in dieser Vogelgestalt sehen. Vielleicht würde Es für sie etwas anders aussehen - für Bill könnte es eine Krähe sein, für Richie ein Habicht, für Beverly vielleicht sogar ein goldener Adler -, aber Es würde irgendein Vogel sein. Daraufhatte Bill erwidert, das würde bedeuten, daß nun auch alle ihre Monster Mike gehörten, und daß er irgendeine Version des Aussätzigen, der Mumie, der Toten Jungen sehen könnte.

Stan hatte genickt, und bei den Rädern angelangt, hatte er gesagt: »Und das bedeutet, daß wir rasch handeln müssen, wenn wir überhaupt dazu entschlossen sind. Es weiß, daß wir Bescheid wissen. Ich glaube, Es wird versuchen, uns zu erledigen. Denkst du immer noch über das nach, worüber wir neulich sprachen?«

»J-J-Ja«, hatte Bill gesagt.

»Ich wollte, ich könnte dich begleiten.«

»B-B-Ben und R-Richie b-b-b-begleiten mich ja. Ben ist w-w-wirklich g-gescheit, und R-R-Richie auch, w-wenn er nicht gerade sch-sch-spinnt.«

Als sie jetzt vor der Bücherei standen, fragte Richie Bill, was er nun eigentlich genau vorhätte. Bill erzählte es ihnen - er sprach ganz langsam, um nicht zu stark zu stottern. Die Idee sei ihm seit zwei Wochen im Kopf herumgegangen, aber sie sei ganz verschwommen gewesen. Seltsamerweise habe sie sich nach Mikes Geschichte von dem Vogel schärfer herauskristallisiert.

Was man mit Vögeln tat, die man loswerden mußte, war, sie zu erschießen.

Was man mit Monstern tat, die man loswerden mußte, war, sie mit einer Silberkugel zu erschießen.

Richie und Ben hörten beeindruckt zu.

»Woher willst du aber eine Silberkugel nehmen?« fragte Richie.

»S-S-Selber m-machen. W-Wenn es geht, sogar zwei oder d-drei.«

»Aber wie?«

»Ich nehme an, daß wir hierher in die Bücherei gekommen sind, um das herauszufinden«, sagte Ben.

Richie nickte und schob seine Brille den Nasenrücken hinauf. Seine Augen hinter den Brillengläsern waren lebhaft und nachdenklich - er ist aufgeregt, dachte Bill. Aber jedenfalls nicht zu allerhand dummen Spaßen aufgelegt. Und das ist gut.

»Denkst du an die Walther deines Vaters?« fragte Richie. »Die wir in die Neibolt Street mitgenommen haben?«

»G-Genau«, sagte Bill.

»Selbst wenn wir wüßten, wie man Silberkugeln herstellt«, machte Richie einen neuen Einwand, »woher sollen wir denn das Silber nehmen?«

»Das laßt meine Sorge sein«, sagte Ben ruhig.

»Und was dann?« fragte Richie. »Wieder in die Neibolt Street?«

Bill nickte. »W-Wieder in die N-N-Neibolt Street. Und d-dann machen wir ihm den G-G-G-Garaus.«

Die drei Jungen blieben noch einen Moment stehen und sahen einander feierlich an, dann gingen sie zusammen in die Bücherei hinein.

»Na, da schau einer an, da ist ja wieder dieser schwarze Kerl!« rief Richie mit seiner Stimme-eines-irischen-Bullen. Fast eine Woche war vergangen, seit Mike ihnen die Geschichte vom Vogel auf dem Gelände der Kitchner-Eisenhütte erzählt hatte; es war der 12. Juli, und das unterirdische Klubhaus näherte sich der Vollendung. »Einen wunderschönen Morgen, Mr. O'Hanlon! Es ist ein herrlicher, herrlicher Tag, wie meine alte Mutter zu...«

»Es ist zwei Uhr nachmittags, Richie!« sagte Ben und streckte seinen Oberkörper aus der Grube heraus. Er und Richie hatten die Seiten des Klubhauses mit Brettern verkleidet. Ben hatte seinen Sweater ausgezogen, weil der Tag heiß und die Arbeit schwer war. Sein T-Shirt war durchgeschwitzt und klebte an seinem fetten Oberkörper und an seinem Hängebauch. Sobald aber Beverly auftauchte, dachte Mike, würde Ben seinen Sweater (der ordentlich an einem Ast hing) rasch wieder anziehen und aus Liebe mit Freuden schwitzen.