»Spielt keine Rolle«, sagte Richie. Er war aus der Grube herausgeklettert, weil es Zeit für eine Zigarettenpause war. Nachdem er dann festgestellt hatte, daß ihm für eine Zigarettenpause die Zigaretten fehlten, hatte er beschlossen, trotzdem eine Pause einzulegen. »Ich bin nicht kleinlich«, erklärte er hoheitsvoll, während Ben unten keuchend schaufelte. »Die Uhrzeit spielt überhaupt keine Rolle. Alle Iren sagen, >einen wunderschönen Morgen<. Frag Mr. Nell. Er wird's dir bestätigen.«
Mike hatte sein Fahrrad neben Silver unter der Brücke versteckt. Er hielt das Album seines Vaters unter dem Arm geklemmt. »Wo sind denn alle anderen?«
»Bill und Eddie sind vor etwa 'ner halben Stunde zur Müllhalde gegangen, um Bretter fürs Dach zu holen«, berichtete Richie. »Und Stan und Bev sind in der Stadt, um die Scharniere zu besorgen. Übrigens, du schuldest uns 23 Cent, wenn du immer noch Klubmitglied sein willst. Dein Anteil an den Scharnieren.«
Mike kramte in seiner Hosentasche, zählte 23 Cent ab (danach war er noch im stolzen Besitz von ganzen 10 Cent) und gab sie Richie. Dann trat er näher an die Grube heran und blickte hinab.
Das ist ja gar keine einfache Grube mehr, dachte er beeindruckt. Die Wände bildeten korrekte Quadrate und waren sorgfältig verkleidet. Die dazu verwendeten Bretter waren zwar unterschiedlichster Herkunft - von einem halben Dutzend verschiedener Orte zusammengeklaut -, aber Ben, Bill und Stan hatten sie ordentlich zurechtgesägt, und Ben und Beverly hatten dann noch Querlatten angenagelt. Eddie war zwar immer noch ein bißchen nervös, aber das lag einfach in seiner Natur. An den oberen Kanten war die Erde ringsherum rechtwinklig ausgestochen worden, und Mike vermutete, daß die Deckenbretter dort genau eingepaßt würden.
»Ich glaube, du weißt wirklich, was du tust«, sagte Mike.
»Na klar«, meinte Ben und deutete auf das Album unter Mikes Arm. »Was ist das?«
»Das Derry-Album meines Vaters«, erklärte Mike. »Er sammelt alte Bilder und Zeitungsausschnitte über diese Stadt. Das ist sein Hobby. Ich hab's
mir schon vor einigen Tagen angeschaut - ich hab' euch doch erzählt, daß ich glaubte, jenen Clown schon vor dem 4. Juli irgendwo gesehen zu haben -, aber ich konnte es erst heute herbringen. Ich dachte, ihr solltet lieber alle selbst einen Blick darauf werfen.«
»Laß sehen«, sagte Richie.
»Warten wir lieber, bis alle da sind. Ich glaube, das ist besser.«
»Okay.« Richie hatte ehrlich gesagt sowieso keine allzu große Lust, sich Fotos von Derry anzusehen. Nicht nach jenem Vorfall in George Denbroughs Zimmer. »Magst du, Ben und mir beim Abstützen der Wände helfen?«
»Klar«, sagte Mike. Er legte das Album behutsam auf den Boden, in einigem Abstand zur Grube, damit es nicht schmutzig wurde; dann nahm er Bens Schaufel zur Hand.
»Du mußt genau hier graben«, erklärte Ben und zeigte ihm die Stelle. »Etwa einen Fuß tief. Dann setze ich das Brett ein und presse es gegen die Wand, während du das Loch wieder zuschaufelst.«
»Ein ausgezeichneter Plan, Mann«, kommentierte Richie weise von seinem Sitzplatz auf der Grubenkante her.
»Warum arbeitest du denn nicht mit?« fragte Mike.
»Ich hab' 'nen Knochen im Bein«, erklärte Richie gemütlich.
»Und wie steht's mit Bills Plan?« erkundigte sich Mike beim Schaufeln. Er unterbrach die Arbeit für einen Moment, um sein Hemd auszuziehen. Es war heiß, sogar hier unten. Grillen zirpten schläfrig im Unterholz.
»Gut«, antwortete Richie, und Mike glaubte zu sehen, daß er Ben einen warnenden Blick zuwarf. Er war darüber nicht gekränkt; diese Jungen kannten einander schließlich schon lange. Er war Mitglied im Klub, und er spürte, daß er ganz dazugehören würde, bevor der Sommer vorüber war. Das genügte ihm. Sie zu drängen wäre sinnlos. Irgendwann würden sie es ihm ganz von allein erzählen. »Wir dürfen nicht allzuviel verraten«, fügte Richie hinzu. »Bill bringt uns sonst noch glatt um.«
»Piep-piep«, rief Mike lachend. Richie versuchte, ein finsteres Gesicht zu machen. Seit Ben angefangen hatte, den Spottruf des Roadrunners auf Richie anzuwenden, sobald dieser seine Spinnereien allzusehr übertrieb, hatte dieses >Piep-piep< bei allen Klubmitgliedern große Beliebtheit erlangt
- halb war es ein Losungswort, halb ein Stammes-Schlachtruf. Wenn man Ben fragte, wie er überhaupt darauf gekommen war, konnte er nur den Kopf schütteln. Es war ihm eines Tages einfach plötzlich eingefallen.
»Warum machst du nicht dein Radio an, Richie?« fragte Ben. Er stellte das Brett in das von Mike ausgeschachtete Loch und hielt es fest. Richies Transistorradio hing wie immer an seinem Band vom dicken Ast eines Busches herab. »Im WABI kommt jetzt Rock and Roll.«
»Die Batterien sind leer«, sagte Richie. »Und du mußtest ja unbedingt meine letzten 23 Cent für deine Scharniere haben, wenn du dich noch daran erinnerst. Gemein vor dir, Haystack, sehr gemein. Und das nach allem, was ich für dich getan habe. Und außerdem - ist für dich Tommy Sands etwa Rock and Roll? Oder Pat Boone? Du hast sie ja nicht alle, Mann! Elvis, das ist Rock and Roll. Ernie K. Doe, das ist Rock and Roll. Carl Perkins, das ist Rock and Roll. Buddy Holly, Richie Valens...«
»Fats Domino«, fuhr Mike fort, auf seine Schaufel gestützt. »Frankie Ly-mon, Hank Ballard and the Midnighters, Jackie Wilson, Muddy Waters, La-Verne Baker, Chuck Berry, Little Richard, die Crests, die Chords, Shep and the Limelights...«
Sie sahen ihn so verblüfft an, daß er lachen mußte.
»Nach Fats Domino bin ich nicht mehr mitgekommen«, klagte Richie. Dann blies er die Backen auf und begann mit einer absolut schrecklichen Fats-Domino-Stimme zu schmettern: »Ah... foun... mäh... threeyul... on Blewberreh Heeyul...«
Ben hielt sich den stattlichen Bauch, taumelte in der Grube umher und tat so, als müßte er sich übergeben. Mike hielt sich die Nase zu und lachte so, daß ihm Tränen über die Wangen rollten.
»Was ist denn los?« fragte Richie. »Fehlt euch was? Das wargutl Das war ganz große Klasse!«
»O Mann!« rief Mike, der vor Lachen kaum reden konnte. »O Mann, Richie, aus dir wird nie ein Neger!«
»Ich möchte ja auch gar keiner sein«, erwiderte Richie aufrichtig. »Wer will denn schon pinkfarbene Hosen tragen und in Boston leben und Pizza scheibchenweise kaufen? Ich möchte viel lieber Jude sein wie Stan und ein Pfandleihhaus besitzen.«
Darüber mußten sie alle drei schallend lachen; ihr Gelächter hallte durch die grüne dschungelartige Wildnis mit dem irreführenden Namen >Bar-rens<, schreckte Vögel auf und ließ Eichhörnchen auf Ästen für einen Moment erstarren. Es waren junge Laute, durchdringend, lebendig, kraftvoll, ungekünstelt, frei. Fast alle Lebewesen, die dieses Lachen hörten, reagierten in irgendeiner Weise darauf, aber jenes Etwas, das vor kurzem aus einem großen Abflußrohr in den Kenduskeag geschwemmt worden war, lebte nicht mehr. Am Vortag hatte es nachmittags ein heftiges Gewitter mit Wolkenbruch gegeben (dem im Bau befindlichen Klubhaus war nicht viel passiert; seit Beginn der Ausschachtungsarbeiten hatte Ben es jeden Abend sorgfältig mit einer alten Plane abgedeckt, die Eddie hinter einer Kneipe -Wally's Spa - entdeckt und geklaut hatte; sie stank zwar, aber sie erfüllte ihren Zweck), und einige Stunden lang hatte in der unterirdischen Kanalisation von Derry eine starke Strömung geherrscht. Und diese starke Wasserströmung hatte eine gräßliche Überraschung ans Sonnenlicht befördert, die nur den Fliegen sehr willkommen war.
Es war die Leiche eines neunjährigen Jungen namens Jimmy Cullum. Abgesehen von der Nase war sein Gesicht nicht mehr zu erkennen. Übriggeblieben war davon nur eine weiche konturenlose Masse - konturenlos bis auf einige rotschwarze Löcher, die Stan Uris bestimmt hätte identifizieren können - es waren Schnabelhiebe eines riesigen Vogels. Wasser plätscherte über Jimmy Cullums schmutzige Baumwollhose. Die weißen Leichenhände trieben dahin wie tote Fische. Auch sie waren zerfleischt, wenn auch nicht so stark wie das Gesicht.