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Bill und Eddie, die mit Brettern von der Müllhalde schwer beladen waren, überquerten den Kenduskeag auf den nach Bens Patent im Wasser verteilten Steinen, nicht einmal ganze 40 Yards von der Leiche entfernt, aber dank einer Biegung des Flußbettes blieb ihnen dieser grausige Anblick er-

spart. Sie hörten Richie, Ben und Mike lachen, lächelten selbst ein wenig und beeilten sich, zu ihren Freunden zu kommen.

7

Die drei lachten immer noch, als Bill und Eddie die Lichtung erreichten. Beide schwitzten, und sogar Eddie hatte etwas Farbe im Gesicht. Sie warfen ihre Bretter auf einen Haufen, und Ben kletterte aus der Grube heraus, um sie zu begutachten.

»Gut«, sagte er. »Sehr gut. Ausgezeichnet.«

Bill ließ sich erschöpft zu Boden fallen. »K-K-Kann ich meinen H-H-H-Herzinfarkt gleich b-bekommen, oder m-muß ich bis sch-sch-später w-w-warten?«

»Wart lieber bis später«, sagte Ben zerstreut. Er hatte einige Werkzeuge in die Barrens mitgebracht, und nun kontrollierte er jedes einzelne Brett sorgfältig, zog Nägel heraus und entfernte Schrauben. Eines warf er weg, weil es zersplittert war, ein zweites prüfte er mit der Faust auf seine Stabilität.

Die anderen sahen ihm eine Zeitlang bei der Arbeit zu. Richies Transistorradio, das seiner Stimme beraubt war, bis Richie wieder Taschengeld bekommen oder irgendwo einen Rasen zum Mähen finden würde, schwankte in der leichten Brise hin und her. Bill mußte plötzlich daran denken, wie merkwürdig es doch war, daß sie in diesem Sommer alle hier waren. Manche Kinder besuchten Verwandte in anderen Gegenden des Landes. Andere waren in kirchlichen Ferienlagern oder in Pfadfinderlagern oder in jenen Ferienlagern für Kinder reicher Leute, wo man segeln und Golf spielen lernen konnte. Sehr viele Kinder waren in diesem Sommer nicht in Derry, und Bill kannte auch den Grund dafür. Ihre Eltern wollten sie aus der Stadt heraushaben. Viele Leute, die ursprünglich geplant hatten, ihren Urlaub zu Hause zu verbringen, waren doch lieber weggefahren. Es war so ähnlich wie bei der Angst vor Kinderlähmung im Jahre 1956; damals waren vier Kinder, die im Pederson-Park-Teich geschwommen waren, daran erkrankt. Eines war fast gestorben, ein zweites würde den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen müssen. Plötzlich waren alle, die es sich irgendwie leisten konnten, weggefahren. Und jetzt war es ebenso; nur war es diesmal keine Kinderlähmung, sondern eine andere Art von Gefahr.

Aber keiner von uns ist weggefahren, dachte er, während Ben Nägel aus den Brettern herauszog und Eddie sich ins Gebüsch verzog, um zu pinkeln. Wir sind alle zur Stelle. Kein Ferienlager, keine Urlaubsreise, nichts. Wir sind zur Stelle. So als müßte es so sein.

»Da unten auf dem Müll liegt 'ne große alte Tür rum«, berichtete Eddie, als er gleich darauf auf die Lichtung zurückkam und beim Gehen seinen Reißverschluß hochzog. »Sie war zu schwer für uns. Aber Bill meint, wenn wir alle hingehen würden, könnten wir sie tragen.«

»Was für eine Tür ist es denn?« fragte Ben.

»M-M-M-Mahagoni, g-glaube ich.«

»Jemand hat eine Mahagonitür weggeworfen?« fragte Ben überrascht, aber nicht ungläubig.

»Die Leute werfen alles mögliche weg«, sagte Mike, der bisher ruhig dagesessen war, die Arme um die Knie geschlungen, und den anderen zugehört hatte. »Mir wird immer ganz übel, wenn ich das sehe.«

»W-W-Was ist d-das?« fragte Bill, der das Fotoalbum entdeckt hatte. Mike erklärte es ihm und sagte, er würde ihnen zeigen, was er darin gefunden hatte, sobald Stan und Beverly zurückkämen.

Sie arbeiteten an ihrem Klubhaus weiter, bis Stan und Bev auftauchten, beide mit einer braunen Tüte voller Scharniere in der Hand. Während Mike erzählte, saß Ben im Schneidersitz da und machte in zwei der langen Bretter glaslose Fenster, die man richtig öffnen und schließen konnte. Bill beobachtete bewundernd, wie rasch, sicher und geschickt sich Bens Finger bewegten - wie die eines Chirurgen.

»Einige dieser Bilder sind mehr als hundert Jahre alt, sagt mein Vater«, erzählte Mike, während er das Album auf dem Schoß liegen hatte. »Er kauft sie bei Altwarenhändlern oder auf Flohmärkten. Und manchmal tauscht er mit anderen Sammlern. Er hat nämlich auch einige von diesen Stereoskopbildern, wo auf einer langen Karte immer zwei genau gleich sind.«

»Was findet er denn an diesem Zeug?« fragte Beverly.

»Kapier' ich auch nicht«, meinte Eddie. »Die meiste Zeit ist Derry doch stinklangweilig.«

»Na ja, ich glaube, es liegt daran, daß er nicht hier geboren ist«, erklärte Mike ein bißchen schüchtern. »Es ist alles so... ich weiß auch nicht, wie ich sagen soll... so neu für ihn oder so, als käme man erst in der Mitte eines Films ins Kino...«

»K-K-Klar, man möchte w-wissen, was am Anfang 1-1-los war«, kam Bill ihm zu Hilfe.

»Ja, das ist es.« Mike nickte dankbar. »Die Geschichte von Derry ist wirklich sehr interessant. Und ich glaube, einiges davon steht in Zusammenhang mit diesem... diesem Es, wenn ihr es so nennen wollt.«

Er blickte Bill an, und Bill nickte mit schmalen, nachdenklichen Augen.

»Ich habe das Album nach der Parade vom 4. Juli wieder einmal durchgesehen, weil ich wußte, daß ich diesen Clown schon vorher gesehen hatte. Ich wußte es. Ich bin eines Morgens aufgewacht und wußte es einfach. Seht mal!«

Er öffnete das Album, schlug es an einer bestimmten Stelle auf und reichte es Ben, der rechts neben ihm saß.

»R-R-Rührt die S-S-S-Seiten nicht an!« rief Bill scharf, und seine Stimme war so eindringlich, daß alle zusammenzuckten. Er hatte eine Hand zur Faust geballt; Richie sah, daß es die Hand war, die er sich in Georgies Zimmer verletzt hatte.

»Bill hat recht«, sagte er mit einer so gedämpften, besorgten Stimme, wie man sie von ihm überhaupt nicht gewöhnt war. »Seid vorsichtig. Wenn wir es damals gesehen haben, könntet ihr es auch sehen.«

Das Album ging von Hand zu Hand; alle hielten es nur ganz vorsichtig an den Kanten fest, so als könnte es jeden Moment explodieren.

»Daddy sagt, man könnte nicht mehr feststellen, aus welcher Zeit dieses Bild genau stammt, aber vermutlich vom Anfang oder von der Mitte des 18. Jahrhunderts«, erklärte Mike. »Er hat einem Mann für einen Karton alter

Bücher und Bilder die Bandsäge repariert. Dieses Bild war darunter. Daddy sagt, daß es 40 Dollar oder noch mehr wert sein könnte.«

Es war ein Holzschnitt von der Größe einer großen Postkarte, und als Bill an die Reihe kam, es zu betrachten, stellte er erleichtert fest, daß Mikes Vater ein Album verwendet hatte, in dem die Bilder unter einer durchsichtigen Schutzfolie eingelegt wurden. Er starrte fasziniert auf den Holzschnitt und dachte: Da! Ich sehe ihn - oder vielmehr Es. Ich sehe Es wirklich. Das ist das Gesicht des Feindes.

Das Bild zeigte einen komischen Kauz, der mitten auf einer morastigen Straße mit etwas jonglierte, das wie Kegelkugeln aussah. Rechts und links der Straße standen einige Häuser und ein paar Gebäude, bei denen es sich vermutlich um Läden handelte. Das Ganze hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Derry, von einer Ausnahme abgesehen: der Kanal war schon da, auf beiden Seiten ordentlich mit Kopfsteinen gepflastert. In der oberen Ecke waren im Hintergrund Maultiere zu sehen, die auf einem Treidelweg ein Boot zogen.

Etwa ein halbes Dutzend Kinder stand um den komischen Kauz herum. Eines trug einen pastoralen Strohhut. Ein Junge hatte einen Reifen in der Hand, und in der anderen einen Stock, um ihn damit anzutreiben. Der komische Kauz grinste übers ganze Gesicht. Er war nicht geschminkt (doch Bill fand, daß sein ganzes Gesicht wie eine geschminkte Maske aussah), aber er war kahlköpfig, bis auf zwei Haarbüschel, die wie Hörner über seinen Ohren hochstanden, und Bill erkannte mühelos ihren Clown. Vor zweihundert Jahren oder mehr, dachte er und verspürte eine eigenartige Mischung aus Angst, Zorn und Erregung. Als er 25 Jahre später in der Stadtbücherei von Derry saß und sich an diesen ersten Blick in das Album von Mikes Vater erinnerte, dachte er, daß er sich damals gefühlt hatte wie ein Jäger, der die erste frische Spur eines alten Killertigers gefunden hat. Vor zweihundert Jahren ... so lange schon, und nur Gott weiß, wieviel länger. Dieser Gedanke brachte ihn auf die Frage, wie lange der Geist von Pennywise, dem Clown, schon in Derry sein mochte - aber er stellte fest, daß er sich mit dieser Frage lieber nicht ausführlich beschäftigen wollte.