»Gib's mir, Bill«, sagte Richie, aber Bill hielt das Album noch einen Augenblick in den Händen und starrte auf den Holzschnitt, überzeugt davon, daß er gleich zum Leben erwachen würde. Die Kugeln, mit denen der komische Kauz jonglierte, würden durch die Luft fliegen, die Kinder würden lachen und Beifall klatschen (vielleicht würden einige statt dessen aber auch schreien und weglaufen), die Maultiere würden jenseits des Bildrandes verschwinden.
Aber nichts von all dem geschah, und Bill reichte das Album weiter an Richie.
Als es zu Mike zurückkam, blätterte er einige Seiten um. »Hier«, sagte er. »Dieses Bild ist von 1856, vier Jahre, bevor Lincoln Präsident wurde.«
Wieder machte das Album die Runde. Es handelte sich um ein farbiges Scherzbild, das eine Schar Betrunkener darstellte, die vor einem Saloon herumstanden (oder herumtaumelten), während ein fetter Politiker mit Kotelettenbart auf einem Brett eine Rede hielt - besagtes Brett lag auf zwei großen Fässern und bog sich unter seinem Gewicht bedenklich durch. Aus einiger Entfernung betrachtete eine Gruppe von Frauen in Häubchen angewidert diese Trunksüchtigen. Das Bild trug die Unterschrift: Politik in DERRY MACHT DURSTIG, SAGT SENATOR GARNER!
»Daddy sagt, solche Bilder seien in den 4oer und 5oer Jahren des 19. Jahrhunderts sehr beliebt gewesen«, erklärte Mike. »Man nannte sie >Narren-Karten< und verschickte sie gern an Freunde und Bekannte. Ich nehme an, sie waren so was Ähnliches wie heute manche Karikaturen in >Mad<.«
»S-S-S-Satire.«
»Ja«, sagte Mike. »Aber schaut euch mal die untere Ecke der Karte genauer an.«
Aber sie hätten den Clown auch ohne Mikes Hinweis nicht übersehen. Er trug einen grellkarierten, eng anliegenden Anzug, wie manche Handlungsreisende sie liebten, und er spielte mit einigen betrunkenen Holzfällern das Spiel >Eine-Erbse-drei-Nußschalen<. Er zwinkerte einem Holzfäller zu, der - seinem offenen Mund und dem ganzen überraschten Gesichtsausdruck nach zu schließen - gerade die falsche Nußschale erwischt hatte. Der Handlungsreisende/Clown nahm eine Münze von ihm entgegen. Diese Szene war nur eine von vielen. Auf der Karte war auch ein grinsender dik-ker Mann zu sehen, der einem gefleckten Hund ein Glas Bier in die Kehle schüttete; eine Frau, die hingefallen war und mitten in einer Pfütze auf dem Hintern saß; zwei boshafte Straßenbengel, die einem wohlhabend aussehenden Geschäftsmann Schwefelhölzer in die Schuhsohlen steckten; und ein Mädchen, das mit dem Kopf nach unten in einer Ulme schaukelte.
»Wieder er - Es«, sagte Ben. »Wann war das - 100 Jahre später?«
»In etwa«, antwortete Mike. »Und hier ist eins von 1891.«
Diesmal war es ein Zeitungsausschnitt aus den >Derry News<: der Leitartikel auf der ersten Seite. hurra!! lautete die übrschwengliche Überschrift. EISENHÜTTE eröffnet! Und direkt darunter: Die ganze Stadt strömt zum Galapicknick. Das Zeitungsfoto war ein Holzschnitt, der die Zeremonie des Band-Zerschneidens in der Kitchner-Eisenhütte zeigte; der Stil erinnerte Bill an die Drucke von Currier und Ives, die seine Mutter im Eßzimmer aufgehängt hatte, obwohl dieses Bild hier bei weitem nicht so künstlerisch gestaltet war. Ein mit Cut und Zylinder herausgeputzter Mann hielt eine große, mit Bändern geschmückte Schere geöffnet an das Band, während eine riesige Menschenmenge zuschaute. Links davon vollführte ein Clown
- ihr Clown - gerade einen Handstand für eine Gruppe von Kindern. Der Künstler hatte ihn auf dem Kopf stehend eingefangen, und auf diese Weise war sein Grinsen diesmal wirklich zum Schrei geworden.
Bill reichte das Album rasch an Richie weiter.
Das nächste Bild war ein Foto, das Will Hanion mit der Unterschrift 1931: Aufliebung der Prohibition in Derry versehen hatte. Obwohl keines der Kinder viel über die Prohibition und deren Aufhebung wußte, waren die ins Auge springenden Tatsachen aus dem Foto noch deutlich zu erkennen. Er zeigte >Wally's Spa< unten in Hell's Half-Acre. Die Spelunke war buchstäblich zum Brechen voll mit Männern: Männern in weißen Hemden mit offenen Kragen und steifen Strohhüten, Männer in Unterhemden, Holzfäller in karierten Hemden, Männer in Bankiersanzügen. Sie alle hielten triumphierend Gläser und Flaschen hoch. Im Fenster hingen zwei Plakate: willkommen daheim, john barleycorn! stand auf dem einen, auf dem anderen:
heute abend freibter. Der Clown, diesmal wie ein richtiger Dandy gekleidet (weiße Schuhe, kurze Gamaschen, gestreifte Hosen), hatte einen Fuß auf das Trittbrett eines Reo-Autos gestellt und trank aus einem Bierkrug, den er mit beiden Händen hielt.
»Und das hier ist von 1945«, sagte Mike.
Wieder ein Ausschnitt aus den >Derry News<. Die Schlagzeile lautete: JAPAN kapituliert! - der KRIEG ist aus! Es ist überstanden! Eine Parade marschierte die Main Street hinab, auf den Up-Mile Hill zu. Und da war wieder der Clown in seinem Silberkostüm mit den orangefarbenen Knöpfen, im Hintergrund des körnigen Zeitungsfotos, das aus einer Punktmatritze bestand.
Aber als Bill das Album in der Hand hielt, verschwanden die einzelnen Punkte plötzlich, und das Foto erwachte zum Leben.
»Das...«, begann Mike.
»S-S-S-Seht mal!« brachte Bill mühsam hervor. »S-S-Seht euch das a-a-alle mal an.«
Sie scharten sich um ihn.
»O mein Gott!« flüsterte Beverly entsetzt.
»Das ist es!« rief Richie und schlug Bill vor Aufregung auf den Rücken. Er drehte sich um und blickte in Eddies leichenblasses, angespanntes Gesicht und in Stans zur Maske erstarrtes Antlitz. »Das ist es, was wir in Georges Zimmer gesehen haben, genau das haben wir...«
»Pssst!« sagte Ben. »So hört doch nur!« Und fast schluchzend: »Man kann sie hören! Mein Gott, man kann sie hören!«
Und in der Stille, die nur vom ganz leisen Rascheln des Laubs in der leichten Sommerbrise unterbrochen wurde, konnten sie es alle hören. Die Kapelle spielte einen Militärmarsch, der kraftlos und blechern klang... durch die Entfernung... oder aber den Zeitabstand... oder warum sonst auch immer. Der Jubel der Menge hörte sich an, als würde er von einer unscharf eingestellten Rundfunkstation übertragen. Auch schwaches Knallen war zu hören, so als schnalzte jemand mit den Fingern.
»Feuerwerkskörper«, flüsterte Beverly und rieb sich mit zitternden Händen die Augen. »Das sind doch Feuerwerkskörper, nicht wahr?«
Niemand antwortete. Sie starrten gebannt auf das Foto, und ihre Gesichter schienen nur noch aus riesigen Augen zu bestehen.
Die Parade marschierte direkt auf sie zu, aber kurz bevor die Teilnehmer den äußersten Vordergrund erreichten - an dem Punkt, wo es so aussah, als müßten sie jeden Moment aus dem Foto herausmarschieren, hinein in eine Welt dreizehn Jahre später - verschwanden sie, so als wären sie um eine unsichtbare Kurve gebogen. Zuerst die Soldaten des Ersten Weltkriegs, deren Gesichter unter ihren Helmen eigentümlich alt aussahen, und die ein Transparent mit sich trugen: die Kriegsveteranen von derry heissen unsere tapferen junos willkommen. Dann die Soldaten aus Derry, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatten, und schließlich die Kapelle der High School. Die Zuschauermenge wogte hin und her. Konfetti flog aus den Fenstern der oberen Stockwerke der Gedschaftshäuser entlang der Strecke. Der Clown paradierte und stolzierte entlang der Gehwege, schlug Purzelbäume und Räder, tat so, als hielte er ein Gewehr, tat so, als salutierte er. Und Bill bemerkte jetzt zum erstenmal, daß die Menschen sich von ihm abwandten - aber nicht so, als würden sie ihn wirklich sehen, sondern vielmehr so, als spürten sie einen kalten Windhauch und oder nähmen einen üblen Geruch wahr.