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Nur die Kinder sahen ihn wirklich, und sie wichen erschrocken vor ihm zurück.

Ben streckte seine Hand nach dem Foto aus, wie Bill es in Georges Zimmer getan hatte.

»N-N-N-N-EiN!« schrie Bill.

»Ich glaube, mir kann nichts passieren, Bill«, sagte Ben. »Sieh mal.« Und er legte seine Hand einen Moment lang auf die Schutzfolie über dem Bild; dann zog er sie wieder zurück. »Aber wenn man diese Folie abheben würde. ..«

Beverly stieß einen schrillen Schrei aus. Der Clown hatte plötzlich aufgehört, Possen zu reißen, und kam direkt auf sie zu. Sein blutrot geschminkter Mund lachte. Bill zuckte zusammen, hielt das Album aber weiter fest, überzeugt davon, daß der Clown gleich aus dem Foto verschwinden würde wie die Parade und die Marschkapelle und die Pfadfinder und das CadillacKabriolett mit Miß Derry 1945.

Aber der Clown bog nicht um jene unsichtbare Kurve; er verschwand nicht. Statt dessen sprang er mit furchterregender Geschicklichkeit auf einen Laternenpfahl im äußersten linken Vordergrund des Fotos und kletterte wie ein Affe daran hoch. Und plötzlich preßte er sein Gesicht gegen die starke Plastikfolie, mit der die Bilder im Album bedeckt waren. Beverly schrie wieder auf, und diesmal schrie auch Eddie, obwohl sein Schrei eher ein rasselndes Japsen war. Die Folie wölbte sich - später stimmten sie alle darin überein, daß sie es genau gesehen hatten. Bill sah, wie die rote Nase des Clowns platt wurde, als ob jemand seine Nase gegen eine Fensterscheibe drückt.

»Ich bringe euch alle um!« rief der Clown lachend. »Wenn ihr versucht, euch mir in den Weg zu stellen, bringe ich euch alle um! Erst treibe ich euch in den Wahnsinn, und dann bringe ich euch um! Ihr könnt gegen mich nichts ausrichten, ich bin der Pfefferkuchenmann! Ihr könnt nichts gegen mich ausrichten, ich bin der Teen-age-Werwolf!«

Und für einen Moment veränderte sich sein Gesicht, und es war der Werwolf, dessen behaarte Fratze aus dem Kragen des Silberkostüms herausragte und sie mit gebleckten weißen Zähnen anglotzte.

»Ihr könnt nichts gegen mich ausrichten, ich bin der Aussätzige!«

Jetzt war es das gequälte zerfressene und vermodernde Gesicht des Aussätzigen, das sie mit seinen Augen eines lebendigen Toten anstarrte.

»Ihr könnt nichts gegen mich ausrichten, ich bin die Mumie!«

Das Gesicht des Aussätzigen wurde uralt und zerfurcht. Zerfallene Bandagen schwammen aus seiner Haut empor und gewannen Konturen. Ben wandte sich mit totenblassem Gesicht ab, eine Hand gegen Hals und Ohr gepreßt.

»Ihr könnt nichts gegen mich ausrichten, ich bin die Toten Jungen!«

»Nein!« schrie Stan Uris. Seine Augen traten fast aus den Höhlen, die von dunklen, krankhaft aussehenden Ringen umgeben waren. Schockhaut,

dachte Bill flüchtig bei diesem Anblick und 20 Jahre später verwendete er dieses Wort in einem Roman, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, woher er es hatte.

Stan entriß Bill das Album und schlug es zu. Er hielt es mit beiden Händen so fest umklammert, daß die Sehnen an seinen Handgelenken und Unterarmen hervortraten. Er starrte die anderen mit fast irren Augen an. »Nein«, sagte er gehetzt. »Nein, nein, nein.«

Und plötzlich stellte Bill fest, daß Stans wiederholtes Leugnen ihn mehr beunruhigte als der Clown, und er begriff, daß das genau die Reaktion war, die der Clown bewirken wollte, weil...

Weil ER - weil Es - vielleicht beunruhigt ist... weil Es vielleicht zum erstenmal in SEINEM langen, langen Leben sogar richtig Angst hat.

Er packte Stan bei den Schultern und schüttelte ihn kräftig. Stans Zähne schlugen aufeinander, und er ließ das Album fallen. Mike hob es auf und legte es rasch beiseite; nach allem, was er soeben gesehen hatte, hätte er es am liebsten überhaupt nicht mehr angerührt, aber immerhin war es das Album seines Vaters, und er begriff intuitiv, daß sein Vater das, was er selbst gerade gesehen hatte, darin nie sehen würde.

»Nein«, sagte Stan leise.

»Ja«, sagte Bill.

»Nein«, sagte Stan wieder.

»W-W-Wir haben es a-a-alle g-g-g-gesehen, Stan«, sagte Bill.

»Ja«, sagte Ben.

»Ja«, sagte Richie.

»Ja«, sagte Mike. »O Gott, ja.«

»Ja«, sagte Beverly.

»Ja«, sagte Eddie keuchend; selbst dieses kleine Wörtchen brachte er nur mühsam hervor, weil er kaum noch Luft bekam.

Bill suchte Stans Blick und hielt ihn eindringlich fest. »D-D-Du hast es a-auch g-g-gesehen.«

»Ich wollte es aber nicht sehen!« schrie Stan. Seine Stirn war schweißüber-strömt, und Schweißperlen hingen ihm in den Augenbrauen.

»Aber du hast es gesehen?«

Stan blickte die anderen an. Er fuhr sich mit den Händen durch die kurzen Haare und holte tief Luft - es hörte sich an wie ein zittriger Seufzer. Allmählich wich jener irre Glanz, der Bill so beunruhigt hatte, aus seinen Augen.

»Ja«, sagte er.

Bill seufzte erleichtert und dachte: Wir bilden immer noch eine Gemeinschaft. Es hat SEIN Ziel nicht erreicht. Wir können Es immer noch töten. Wir können Es töten ... wenn wir tapfer sind.

Bill blickte in die Runde und sah in jedem Augenpaar etwas von Stans Hysterie. Nicht ganz so ausgeprägt, aber doch deutlich vorhanden.

»K-K-Kommt«, sagte er, weil jemand etwas sagen mußte. »M-Machen wir das K-K-K-Klubhaus fertig. Einverstanden?«

Er sah die Dankbarkeit in ihren Augen und freute sich für sie... aber ihm selbst half ihre Dankbarkeit nicht viel. Sein Entschluß stand immer noch fest, aber es war ein bitterer Entschluß.

Ein sehr bitterer Entschluß.

Fünfzehntes Kapitel

Das Rauchloch

1

In der Bücherei ist Schweigen eingetreten, aber es ist kein ungemütliches, betretenes oder besonders ängstliches Schweigen. Richie Tozier schiebt seine Brille hoch (eine Geste, die ihm schon wieder ganz vertraut ist, obwohl er seit 18 Jahren Kontaktlinsen getragen hat) und denkt erstaunt, daß die Atmosphäre im Raum sich verändert hat, während Mike ihnen sein Erlebnis mit dem riesigen Vogel auf dem Gelände der Eisenhütte - dort, wo jetzt das Einkaufszentrum steht -und das zum Leben erwachte Foto im Album seines Vaters ins Gedächtnis gerufen hat.

Richie hat gespürt, daß eine merkwürdige heitere Energie im Raum immer stärker wird. Er hat in den letzten paar Jahren neun- oder zehnmal Kokain ausprobiert -meistens auf Parties; Kokain ist nicht gerade etwas, das man im Haus haben will, wenn man ein erfolgreicher Disc-Jockey ist - und das ist ein ähnliches Geßhl gewesen, aber doch nicht das gleiche. Dieses Gefühl hier ist reiner, und er glaubt sich aus seiner Kindheit daran zu erinnern, als er jeden Tag davon erfüllt gewesen war und das für etwas ganz Selbstverständliches gehalten hatte. Wenn er als Kind jemals über diese nie versiegende Energiequelle nachgedacht hätte (seines Wissens hatte er das aber nie getan), so hätte er sie höchstwahrscheinlich als unveränderliche Tatsache des Lebens angesehen, als etwas, das immer da sein würde, wie seine Augenfarbe oder seine abscheulich krummen Zehen.