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Nun, das stimmte aber nicht. Jene Energie, die einem als Kind so unerschöpflich zur Verfügung stand, von der man glaubte, sie würde nie versiegen - sie ging einem irgendwann zwischen 18 und 24 verloren und wurde von etwas viel Langweiligerem ersetzt: Vorsätzen oder Zielen oder welche hochtrabende Bezeichnung man auch immer wählen mochte. Man merkte es kaum, denn sie verschwand nicht mit einem Schlag. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran, denkt Richie - daß man nicht mit einem Schlag aufhört, ein Kind zu sein, mit einem lauten Knall, so als ob einer der Luftballons des Clowns zerplatzt. Die Energie läuft einfach langsam aus, fließt sozusagen aus einem heraus...

Aber nun ist sie wieder da. Nein, nicht vollständig-zumindest noch nicht -, aber sie kommt zurück Er spürt sie im Raum. Zum erstenmal, seit sie sich zu jenem gräßlichen Mittagessen getroffen haben, sieht Mike jetzt völlig normal aus. Als Richie mittags das Restaurant betreten und Mike gesehen hatte, der mit Ben und Eddie im Foyer saß, hatte er entsetzt gedacht: Dieser Mann ist nahe daran, den Verstand zu verlieren oder Selbstmord zu begehen. Jetzt sieht Mike nicht mehr danach aus. Sein Gesicht hat diesen gehetzten Ausdruck verloren. Der letzte Rest davon ist verschwunden, während er seine Erlebnisse mit dem Vogel und dem Album seines Vaters noch einmal lebendig werden läßt. Irgendwie hat er Energie getankt. Und das trifft auf sie alle zu Diese neue Energie steht in ihren Gesichtern geschrieben, ist auch an ihren Stimmen zu erkennen... die ganze Luft ist davon erfüllt.

Eddie schenkt sich noch ein Glas Pflaumensaft mit Gin ein. Bill kippt einen Bourbon, Mike öffnet eine neue Dose Bier. Beverly wirft einen Blick auf die Luftballons, die Bill ans Mikrofilmgerät angebunden hat, und leert hastig ihr drittes Glas Wodka

mit Orangensaft. Sie haben alle ganz schön gebechert, aber keiner von ihnen ist betrunken. Jene neue Energie rührt nicht vom Alkohol her.

Es ist Eddie, der das Schweigen bricht. »Was meint ihr-wieviel weiß Es wohl von dem, was wir gerade tun?« fragt er.

»Na ja - schließlich war Es ja hier«, sagt Ben.

»Ich bin nicht sicher, daß das viel zu besagen hat«, erwidert Eddie.

Bill nickt. »Das sind nur bildhafte Vorstellungen«, sagt er. »Visionen. Ich bin nicht sicher, daß das zwangsläufig bedeutet, daß Es uns sehen kann oder weiß, was wir treiben. Wir sehen schließlich auch einen Nachrichtensprecher im Fernsehen, ohne daß er uns sieht.«

»Diese Ballons sind aber nicht nur Visionen«, sagt Beverly und deutet über ihre Schulter hinweg darauf. »Sie sind real.«

»Diese Differenzierung stimmt nicht«, meint Richie, und alle Blicke wenden sich ihm zu. »Auch Visionen sind real. Selbstverständlich sind sie das. Sie...«

Und plötzlich klickt ein neues Glied in der langen Kette seiner Erinnerungen ein; es klickt mit solcher Kraft ein, daß er sich unwillkürlich die Ohren zuhält. Seine Augen hinter den Brillengläsern werden riesengroß.

»O mein Gott!« ruft er plötzlich. Er greift nach der Tischkante, richtet sich halb auf und läßt sich dann wieder kraftlos auf seinen Stuhl fallen. Er will nach seiner Bierdosegreifen, stößt sie dabei um, umklammert sie dann und trinkt den restlichen Inhalt aus. Er starrt Mike an, während die anderen ihn verwirrt ansehen.

»Das Brennen!« schreit er. »Das Brennen in meinen Augen! Mike! Jenes Brennen in meinen Augen...« Mike nickt lächelnd.

»R-R-Richie?« fragt Bill. »W-Was ist denn l-l-los?«

Aber Richie hört ihn kaum. Die Erinnerung braust wie eine riesige Sturzwelle über ihn hinweg; ihm wird abwechselnd heiß und kalt, und er versteht plötzlich, warum all diese Erinnerungen sich nur ganz allmählich einstellen. Wenn er sich an alles auf einmal erinnert hätte, wäre es das gleiche gewesen, als ob jemand dicht an seiner Schläfe eine Schrotflinte abgefeuert hätte. Die Wucht dieser psychologischen Schrotflinte hätte ihm den Kopf zerschmettert.

»Wir sahen Es kommen«, sagt er, an Mike gewandt. »Wir sahen Es kommen, wir beide... oder war nur ich es?« Ergreift nach Mikes Hand, die auf dem Tisch liegt. »Hast du es auch gesehen, Mikey, oder nur ich? Hast du es gesehen? Den Waldbrand? Den Krater?«

»Ich habe es gesehen«, sagt Mike ruhig und drückt Richie die Hand. Richie schließt einen Moment lang die Augen und denkt, daß er noch nie in seinem Leben eine so warme und mächtige Woge der Erleichterung verspürt hat.

»Wovon redet ihr eigentlich?« fragt Eddie und blickt von Mike zu Richie.

Richie sieht Mike an, aber Mike schüttelt den Kopf. »Erzähl du's, Richie. Ich habe für heute abend genug geredet.«

»Nun ja, ich und Mikey, wir waren die beiden letzten Indianer im Rauchloch.«

»Das Rauchloch!« murmelt Bill.

»Jenes Brennen in meinen Augen«, sagt Richie, »unter meinen Kontaktlinsen. Ich habe es zum erstenmal gespürt, kurz nachdem Mike mich in Kalifornien angerufen hatte. Damals konnte ich es mir nicht erklären, aber jetzt weiß ich, was es war. Es war Rauch. Fünfundzwanzig Jahre alter Rauch.« Er sieht Mike wieder an. »Ist das etwas Psychologisches? Etwas Psychosomatisches? Etwas, das aus dem Unterbewußtsein kommt? Was würdest du sagen?«

»Ich würde sagen - nein«, erwidert Mike ruhig. »Ich würde sagen, daß das, was du gespürt hast, ebenso wirklich war wie die Luftballons oder der Kopf, den ich im Kühlschrank gesehen habe, oder wie die Leiche Tony Truckers, die Eddie gesehen hat. Komm, Richte, erzähl's ihnen.«

»Es war vier oder fünf Tage, nachdem Mike das Album seines Vaters in die Barrens mitgebracht hatte«, beginnt Richie. »Mitte Juli, glaube ich. Das Klubhaus war fertig. Aber... die Idee mit dem Rauchloch stammte ebenfalls von dir, Haystack Du hattest sie aus einem deiner Bücher.«

Ben nickt lächelnd.

Es war an jenem Tag bewölkt, denkt Richie. Windstill. Die Luft gewitterschwül. Wie an dem Tag etwa einen Monat später, als wir im Fluß standen und einen Kreis bildeten, und als Stan uns mit der Scherbe einer Colaflasche die Handflächen ritzte. Die Luft schien einfach dazusitzen und auf etwas zu warten, und später sagte Bill, deshalb sei es da drin auch so schnell so schlimm geworden - weil es völlig windstill war.

Der 17. Juli. Ja, da war's, das war der Tag des Rauchlochs. Der 17. Juli 1958, fast einen Monat, nachdem die Sommerferien begonnen hatten, fast einen Monat, nachdem sich in den Barrens die ersten Mitglieder der Klubs der Verlierer - Bill, Eddie und Ben - getroffen hatten.

Lassen Sie mich die Wettervorhersage für jenen Tag vor fast 27 Jahren sehen, denkt Richie, und noch bevor ich sie gelesen habe, werde ich Ihnen sagen, wie sie lautete; Richie Tozier, der Große Hellseher. »Heiß, schwül, starke Gewitterneigung. Und achten Sie auf die Visionen, die sich vielleicht einstellen, während Sie unten im Rauchloch sitzen...«