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Es war zwei Tage nach der Auffindung von Jimmy Cullums Leiche gewesen, und am Vortag war Mr. Neu wieder in die Barrens gekommen, und er hatte direkt auf ihrem Klubhaus gesessen, ohne etwas von dessen Existenz zu ahnen, denn sie hatten die Decke schon fertiggestellt, und anschließend hatten sie unter Bens Anleitung alles sorgfältig mit Grasstücken abgedeckt. Wie der Damm, so war auch Bens Klubhaus ein durchschlagender Erfolg, aber diesmal ahnte Mr. Nell nichts davon.

Er hatte sie gründlich ausgefragt, ganz offiziell, und ihre Antworten in sein kleines schwarzes Notizbuch eingetragen, aber sie hatten ihm nur wenig sagen können -über Jimmy Cullum wußten sie wirklich nicht viel -, und schließlich war Mr. Nell wieder gegangen, nachdem er sie noch einmal daran erinnert hatte, daß sie niemals allein in den Barrens spielen sollten. Richie vermutet jetzt, daß. Mr. Nell ihnen einfach befohlen hätte zu verschwinden, wenn jemand von der Polizei in Derry wirklich geglaubt hätte, daß Jimmy (oder eines der anderen Mordopfer) in den Barrens umgebracht worden war. Aber sie wußten es natürlich besser; es lag einfach am Kanalisationssystem, daß die Leichen oft hier zum Vorschein kamen.

Mr. Nell war am 16. Juli in die Barrens gekommen, ja, und auch das war ein heißer und schwüler Tag gewesen, aber sonnig. Am 17. war es dagegen bewölkt gewesen.

»Wirst du's uns nun erzählen oder nicht, Richie?« fragt Bev. Sie lächelt ein wenig; ihre vollen Lippen sind blaßrosa, und ihre Augen leuchten.

»Ich überlege gerade, womit ich anfangen soll«, sagt Richie. Er nimmt die Brille ab, putzt sie an seinem Hemd, und plötzlich weiß er, womit er anfangen muß: wie sich an jenem Tag vor seinen und Bills Füßen die Erde aufgetan hatte. Natürlich wußte er, wo das Klubhaus war, ebenso wie Bill und die anderen. Trotzdem ver-bluffte es ihn immer noch, wenn die Erde sich plötzlich vor ihm einen Spalt breit auftat.

Er erinnert sich daran, daß Bill ihn auf dem Gepäckträger von Silver bis zur üblichen Stelle auf der Kansas Street mitgenommen und sein Rad wie immer unter der kleinen Brücke versteckt hatte. Er erinnert sich daran, wie sie den Pfad zur Lichtung hinabgegangen und stellenweise nur noch seitlich durchgekommen warenes war Hochsommer gewesen, und um diese Jahreszeit glichen die Barrens ganz besonders stark einem Dschungel. Er erinnert sich daran, wie sie nach den Moskitos geschlagen hatten, die sie umschwirrten; er erinnert sich sogar, daß Bill gesagt hatte (oh, wie deutlich hat er jetzt alles vor Augen, nicht einmal so, als wäre es erst gestern gewesen, sondern so, als würde es gerade in diesem Moment geschehen!): »B-B-B-Bleib mal sch-sch-sch-

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stehen, Richie. Da s-s-sitzt ein P-Prachtexemplar auf deinem N-N-Nacken.«

»Scheiße!« rief Richie. Er haßte Moskitos. Kleine fliegende Vampire waren das, wenn man es sich richtig überlegte. »Mach ihm den Garaus, Big Bill.«

Bill schlug Richie auf den Nacken.

»Aua!«

»Siehst du?«

Er hielt Richie seine Hand vors Gesicht. Ein zerquetschter Moskito lag mitten in einem kleinen Blutfleck. Mein Blut! dachte Richie und sagte: »Igitt, igitt!«

»Na ja«, meinte Bill, während er sich die Hand an einigen Blättern abwischte, »der w-w-wird jedenfalls n-niemanden mehr sch-sch-stechen.«

Sie gingen weiter und schlugen nach den Moskitos, die von ihrem Schweißgeruch scharenweise angezogen wurden.

»Bill, wann wirst du den anderen von den Silberkugeln erzählen?« fragte Richie, als sie sich der Lichtung näherten. >Den anderen< bedeutete in diesem Fall Bev, Eddie, Mike und Stan; Richie vermutete allerdings, daß Stan schon ziemlich genau wußte, was sie in der Stadtbücherei so gründlich studierten. Stan war sehr scharfsinnig - scharfsinniger, als für ihn gut war, dachte Richie manchmal. An jenem Tag, als Mike das Album seines Vaters in die Barrens mitgebracht hatte, war Stan fast ausgeflippt. Richie war eigentlich so gut wie sicher gewesen, daß sie Stan danach nicht wiedersehen würden, daß der Klub der Verlierer auf sechs Mitglieder zusammenschrumpfen würde. Aber am nächsten Tag war Stan wieder zur Stelle gewesen, und Richies Achtung vor ihm war seitdem noch um einiges gestiegen. »Wirst du es ihnen heute sagen?«

»H-H-Heute n-nicht«, antwortete Bill.

»Du glaubst nicht, daß es klappen wird, stimmt's?«

Bill zuckte die Achseln, und Richie, der Bill Denbrough vermutlich besser verstand als jeder andere Mensch - viel später fand Bill dieses Verständnis bei Audra Phillips -, ahnte, was Bill auf der Seele lag, was er ohne das Hindernis seines Stotterns bestimmt ausgesprochen hätte: daß Kinder, die sil-

berne Pistolenkugeln herstellten, sich zwar in spannenden Büchern für Jungen und in Comics gut machten... daß solche Schilderungen aber reinster Humbug waren. Natürlich, versuchen konnten sie es. Ben Hanscom könnte es vielleicht sogar schaffen. In einem Film würde es klappen. Aber...

»Aber was dann?«

»Ich h-habe eine a-a-andere Idee«, sagte Bill. »Eine viel einf-f-fächere. Aber nur, wenn B-B-Beverly...«

»Wenn Beverly was?«

»Ach nichts.«

Und Bill äußerte sich nicht mehr zu diesem Thema.

Sie traten auf die Lichtung hinaus. Bei ganz genauem Hinsehen hätte jemand vielleicht bemerken können, daß das Gras etwas struppig aussah -ein bißchen mitgenommen - und daß die darauf verstreuten Blätter und Tannennadeln etwas künstlich wirkten. Die beiden Jungen gingen zur Mitte der Lichtung... und plötzlich öffnete sich mit quietschenden Scharnieren vor ihnen die Erde auf etwa 10 Zoll Länge und drei Zoll Breite, und aus der Dunkelheit starrte ein Augenpaar hervor. Unwillkürlich zuckte Richie zusammen. Aber es waren nur Eddie Kaspbraks Augen, und Eddie -der eine Woche später im Krankenhaus liegen würde - sagte: »Wer trippelt und trappelt da über meine Brücke?«

Kichern von unten und der Schein einer Taschenlampe.

»Wir, Senhor«, rief Richie mit seiner Pancho-Vanilla-Stimme, ging in die Hocke und zwirbelte einen unsichtbaren Schnurrbart. »Kommt sofort raus, ihr verdammten Gringos! Ihr seid umzingelt!«

»Geh zum Teufel, Pancho!« sagte Eddie prompt und schlug den Fensterspalt zu. Wieder war von unten gedämpftes Kichern zu hören.

»Kommt sofort mit erhobenen Händen raus!« brüllte Bill mit der tiefen Kommandostimme eines Erwachsenen. Er begann über die grasbedeckte Decke des Klubhauses zu trampeln; der Boden unter seinen Füßen bewegte sich etwas auf und ab, aber kaum merklich; sie hatten gute Arbeit geleistet. »Ihr habt keine Chance!« brüllte er und sah sich in seiner Fantasie als furchtlosen Dan Matthews von der Highway Patrol. »Kommt sofort raus, Rafferty! Sonst kommen wir runter... und schiessen!«

Er hüpfte einmal auf und ab, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Von unten waren Schreie und Gelächter zu hören. Bill lächelte breit, ohne zu bemerken, daß Richie ihn mit offenem Mund anstarrte.

»Laß ihn rein, Ben, bevor die Decke einstürzt«, sagte Bev, und einen Augenblick später öffnete sich die große Falltür wie die Luke eines Unterseeboots, und Ben kam zum Vorschein. Er lächelte mit rotem Kopf, und Richie vermutete sofort, daß er neben Beverly gesessen hatte.

Bill und Richie sprangen hinab, und Ben schloß hinter ihnen die Falltür. Alle waren versammelt; sie saßen mit angezogenen Beinen da und lehnten sich gegen die Bretterwände; im Schein von Bens Taschenlampe waren ihre Gesichter einigermaßen zu erkennen.

»Na, w-was treibt ihr so?« fragte Bill.

»Nicht viel«, sagte Ben. Er saß wirklich neben Beverly und sah überglücklich aus. »Wir haben gerade...«