»Erzähl's ihnen, Ben«, fiel Eddie ihm ins Wort. »Erzähl ihnen die Geschichte. Ich möchte wissen, was sie davon halten.«
»Diese Sache wäre ohnehin nichts für dein Asthma«, sagte Stan nüchtern.
Richie setzte sich zwischen Mike und Ben und winkelte die Beine an. Es war herrlich kühl hier unten, herrlich geheimnisvoll. Vorübergehend vergaß er sogar, worüber er draußen so perplex gewesen war. »Wovon redet ihr eigentlich?« erkundigte er sich.
»Oh, Ben hat uns von einer Indianerzeremonie erzählt«, sagte Bev. »Aber Stan hat wohl recht - das wäre nichts für dein Asthma, Eddie.«
»Vielleicht wird's mir gar nichts ausmachen«, erwiderte Eddie etwas unbehaglich. »Normalerweise bekomm' ich nur dann einen Anfall, wenn ich sehr aufgeregt bin. Jedenfalls würde ich's gern ausprobieren.«
»W-W-Was ausprobieren?« fragte Bill.
»Die Rauchloch-Zeremonie«, sagte Eddie und schaute Ben an.
»Und w-w-was ist d-das?«
»Na ja, ich habe da ein Buch aus der Bücherei ausgeliehen«, erklärte Ben. »Es heißt >Ghosts of the Great Plains<, und es handelt von all den Indianerstämmen, die vor 100 und 150 Jahren weiter im Westen lebten. Die Piute und die Pawnee und die Kiowa und die Komantschen. Es war wirklich ein ganz tolles Buch. Ich würde furchtbar gern einmal jene Gegenden sehen, wo sie gelebt haben. lowa, Nebraska, Colorado, Utah...«
»Schweif nicht ab, erzähl lieber von der Rauchloch-Zeremonie«, unterbrach ihn Beverly mit einem Rippenstoß.
»Okay, du hast völlig recht«, sagte Ben, und Richie vermutete, daß Ben ihr ebenso bereitwillig zugestimmt hätte, wenn sie ihn aufgefordert hätte: »Trink jetzt dieses Gift, Ben, okay!«
»Na ja, fast alle diese Stämme kannten die Zeremonie, und unser Klubhaus brachte mich auf die Idee. Vor jeder wichtigen Entscheidung, die sie treffen mußten - ob sie den Büffelherden folgen sollten, ob sie näher an frisches Wasser umziehen sollten, ob sie gegen ihre Feinde kämpfen sollten -, gruben sie ein Loch in die Erde, bedeckten es mit Zweigen und ließen nur ein kleines Loch frei...«
»Das R-R-Rauchloch«, sagte Bill.
»Deine rasche Auffassungsgabe erstaunt mich immer wieder, Big Bill«, sagte Richie feierlich. »Du solltest dich für >Twenty-One< melden.«
Bill tat so, als wollte er nach ihm schlagen, und Richie wich zurück und stieß sich dabei kräftig den Kopf an einem Stützbalken an.
»Auaaah!«
»Das geschieht d-dir r-r-recht«, sagte Bill.
»Ich leg dich um, du verfluchter Gringo«, rief Richie. »Wir brauchen hier wirklich keine stinkenden...«
»Hört doch mit dem Blödsinn auf!« sagte Beverly. »Das ist interessant.« Und sie warf Ben einen so anerkennenden Blick zu, daß Richie glaubte, im nächsten Moment würde Rauch aus Bens Ohren kommen.
»Okay, B-B-Ben«, sagte Bill. »Erzähl w-w-weiter.«
Ben mußte sich kräftig räuspern, bevor er fortfahren konnte.
»Na ja, wenn das Rauchloch fertig war, machten sie dort unten Feuer. Sie benutzten hauptsächlich ganz frisches Holz, damit es richtig stark rauchte. Dann setzten sich alle tapferen Krieger da unten um das Feuer herum. Das Loch füllte sich mit Rauch, und im Buch stand, es sei so eine Art Wettbewerb gewesen. Und nach einem halben Tag oder so waren dann nur noch zwei oder drei da unten. Und angeblich bekamen sie durch den Rauch Visionen.«
»Klar, wenn ich fünf oder sechs Stunden lang Rauch einatmen müßte, würde ich auch Visionen haben«, sagte Mike, und alle lachten.
»Diese Visionen sollten dem Stamm sagen, was er zu tun hatte«, fuhr Ben fort. »Und in dem Buch stand -ob es stimmt oder nicht, weiß ich natürlich nicht -, daß die Visionen meistens richtig waren.«
Schweigen trat ein, und Richie sah Bill an. Er war sicher, daß sie alle jetzt Bill ansahen, und er hatte das Gefühl, als sei Bens Geschichte vom Rauchloch viel mehr als nur etwas, worüber man in einem Buch liest und das man dann selbst ausprobieren möchte wie ein chemisches Experiment oder einen Zaubertrick. Er wußte es; jeder von ihnen wußte es. Vielleicht wußte Ben es am allerbesten: Sie sollten das tun, es wurde von ihnen erwartet.
Durch den Rauch bekamen sie Visionen... meistens waren diese Visionen richtig.
Richie dachte: Ich wette, wenn wir Haystack fragen würden, so würde er uns antworten, daß dieses Buch ihm sozusagen in die Hände gesprungen ist. So als hätte jemand gewollt, daß er dieses ganz spezielle Buch las und uns dann über die Rauch-loch-Zeremonie berichtete. Denn schließlich ist hier ja ein Stamm versammelt. Wir sind der Stamm. Und ich vermute, daß wir wirklich unbedingt wissen müssen, wie es weitergehen wird.
Dieser Gedanke führte zu einem anderen: Hatte dies geschehen sollen? War das vorgesehen, geplant gewesen, von jenem Zeitpunkt an, als Ben die Idee zu einem unterirdischen Klubhaus anstelle eines Baumhauses gehabt hatte? Wieviel von all dem denken wir uns selbst aus, und inwieweit werden wir gelenkt?
Richie war überzeugt davon, daß die Macht, die sie alle zusammengeführt hatte, die Macht, die Ben als Botschafter benutzt hatte, um ihnen die Idee des Rauchlochs einzugeben - daß diese Macht nicht identisch war mit jener, die für die Kindermorde verantwortlich war. Diese Macht war eine Art Gegenkraft zu jener anderen - zu (oh, du kannst es ruhig aussprechen) jenem Es. Aber trotzdem, es gefiel ihm nicht- dieses Gefühl, nicht frei in seinen Handlungen zu sein, manövriert zu werden, gelenkt zu werden.
Alle sahen Bill an, warteten darauf, was Bill sagen würde.
»W-W-Wißt ihr«, meinte er schließlich, »das h-h-h-hört sich w-wirklich t-t-t-toll an.«
Beverly seufzte leise, und Stan bewegte sich unbehaglich... das war alles.
»W-W-Wirklich toll«, wiederholte Bill nachdenklich und betrachtete seine Hände. Vielleicht lag es am Licht der Taschenlampe, oder er bildete es sich nur ein - aber Richie hatte den Eindruck, daß sein Freund Bill bleich und sehr verängstigt aussah, obwohl er lächelte. »W-W-Wir k-könnten eine V-V-Vision g-gut gebrauchen, die uns s-sagt, wie wir unser P-P-P-Problem anp-p-packen s-sollen.«
Und wenn jemand eine Vision haben wird, so Bill, dachte Richie. Aber darin täuschte er sich.
»Na ja«, sagte Ben, »vermutlich funktioniert die Sache nur bei Indianern, aber probieren können wir's ja mal - es könnte ganz interessant sein.«
»O ja, wahrscheinlich werden wir alle vom Rauch bewußtlos und sterben hier drin«, prophezeite Stan düster. »Das wäre wirklich eine sehr interessante Erfahrung.«
»Du willst es nicht probieren, Stan?« fragte Eddie.
»Doch, irgendwie reizt es mich«, erwiderte Stan seufzend. »Ich glaube, unter eurem Einfluß verliere ich noch jeden Rest von gesundem Menschenverstand, wißt ihr das?« Er sah Bill an. »Wann?«
»N-Na ja, am b-b-besten jetzt g-gleich«, sagte Bill. »F-Findet ihr nicht auch?«
Eine Zeitlang herrschte bestürztes, nachdenkliches Schweigen. Dann stand Richie auf und öffnete die Falltür. Das gedämpfte Licht dieses bewölkten Sommertages flutete ins Klubhaus.
»Ich hab' mein Beil dabei«, sagte Ben. »Wer möchte mir helfen, grüne Äste abzuschneiden?«
Alle beteiligten sich daran.
3
Die Vorbereitungen nahmen etwa eine Stunde in Anspruch. Sie schnitten vier oder fünf Armvoll kleiner grüner Zweige ab, und Ben entfernte die Blätter. »Rauchen würden sie, das steht fest«, sagte er. »Ich weiß aber nicht mal, ob wir sie überhaupt zum Brennen bringen.«
Beverly und Richie gingen zum Ufer des Kenduskeags hinab und sammelten verhältnismäßig große Steine, wobei sie Eddies Jacke (seine Mutter zwang ihn immer, eine Jacke mitzunehmen, sogar wenn es irrsinnig heiß war) als behelfsmäßigen Beutel verwendeten. Auf dem Rückweg zum Klubhaus sagte Richie plötzlich: »Du kannst bei dieser Sache nicht mitmachen, Bev. Du bist ein Mädchen. Ben hat gesagt, daß nur die tapferen Krieger in dieses Rauchloch hinabsteigen, nicht aber die Squaws.«