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Beverly blieb stehen und betrachtete Richie mit einer Mischung aus Ärger und Amüsement. »Dann werde ich eben eine tapfere Kriegerin sein«, erklärte sie kurz und bündig.

Richie hatte sie nur necken wollen, als er sagte, sie könne als Mädchen nicht an der Zeremonie teilnehmen; Bill Denbrough hingegen war es damit völlig ernst.

Sie stand ihm gegenüber, die Hände in die Hüften gestemmt, mit vor Zorn hochroten Wangen. »Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen, Stot-ter-Bill! Ich bin mit von der Partie - oder gehöre ich etwa nicht mehr zu eurem lausigen Klub?«

Geduldig erklärte Bilclass="underline" »D-D-Darum g-geht es n-n-n-nicht, Bev, und d-das w-w-weißt du g-genau. Jemand m-muß draußen b-b-b-bleiben.«

»Warum?«

Bill wollte ihr antworten, aber er spürte, daß er jetzt vor Stottern kein einziges Wort herausbringen würde. Hilfesuchend sah er Eddie an.

»Stan hat es vorhin schon erwähnt«, erklärte Eddie ruhig. »Es ist wegen des Rauchs. Bill sagt, so was könnte wirklich passieren - wir könnten da unten alle ohnmächtig werden. Und dann würden wir sterben. Bill sagt, daß bei Hausbränden die meisten Leute nicht verbrennen, sondern am Rauch ersticken. Sie...«

Jetzt wandte Bev sich Eddie zu. »Okay, er will also, daß jemand oben bleibt, für den Fall, daß es Probleme gibt?«

Eddie nickte unglücklich.

»Nun, wie war's dann mit dirl Du bist doch derjenige, der Asthma hat!«

Eddie sagte nichts mehr. Sie wandte sich wieder Bill zu. Die anderen standen herum, die Hände in den Hosentaschen, mit unglücklichen Gesichtern.

»Es ist doch, weil ich ein Mädchen bin, nicht wahr? Nicht wahr, das ist doch der wahre Grund?«

Widerwillig nickte Bill.

Sie sah ihn mit zitternden Lippen an, und Richie dachte, daß sie in Tränen ausbrechen würde. Aber statt dessen explodierte sie.

»Hol dich der Teufel, verflucht noch mal!« Sie wirbelte herum und blickte in die Runde; ihre Augen schleuderten Blitze, und die Jungen zuckten unwillkürlich zusammen. »Hol euch alle der Teufel, wenn ihr derselben Meinung seid wie er! Diese Sache ist viel mehr als nur irgendein beschissenes Kinderspiel wie Verstecken, Fangen oder Schießen, und das wißt ihr genau. Wir sollen das tun, es wird von uns erwartet. Und ihr könnt mich nicht einfach davon ausschließen, nur weil ich ein Mädchen bin. Habt ihr verstanden? Wenn nicht, so gehe ich auf der Stelle. Und zwar für immer! Kapiert?«

Richie spürte, daß er Angst hatte. Er spürte, daß jetzt alles auf dem Spiel stand, jede Chance, die sie haben mochten zu gewinnen, eine Möglichkeit zu finden, um an das Monster heranzukommen, das George Denbrough und die anderen Kinder ermordet hatte, an dieses Monster heranzukommen und es zu töten. Sieben, dachte Richie. Das ist die magische Zahl. Wir müssen zu siebt sein.

Irgendwo sang ein Vogel, verstummte, sang wieder.

»Ö-O-Okay«, sagte Bill schließlich, und Richie stieß einen erleichterten Seufzer aus. »A-A-Aber jemand m-muß oben b-b-bleiben. Wer w-w-w-will das t-tun?«

Richie dachte, daß Eddie sich bestimmt freiwillig melden würde, aber Eddie schwieg. Stan stand blaß, nachdenklich und stumm da. Mike hatte seine Daumen in den Gürtel gehakt wie Steve McQueen in >Wanted, Dead or Alive<, und nur seine Augen bewegten sich.

»N-N-Na 1-los!« drängte Bill, und Richie erkannte, daß jetzt keiner von ihnen mehr so tat, als hielte er das alles nur für ein Spiel. Dafür hatten Bevs leidenschaftlicher Ausbruch und Bills ernstes, viel zu alt aussehendes Gesicht gesorgt. Dies konnte vielleicht ebenso gefährlich werden wie die Expedition, die er und Bill zum Haus Nr. 29 auf der Neibolt Street gemacht hatten. Sie wußten es alle... und keiner von ihnen kniff. Und plötzlich war er sehr stolz auf sie alle und auf sich selbst. Er wußte nicht, ob sie noch Verlierer waren oder nicht, aber er wußte, daß sie eine verschworene Gemeinschaft bildeten. Sie waren Freunde. Verdammt gute Freunde. Richie nahm seine Brille ab und putzte sie energisch.

»Ich weiß, wie wir s machen«, sagte Beverly und holte ein Streichholzheftchen aus ihrer Tasche. Sie riß ein Streichholz ab, zündete es an und blies es dann aus. Sie riß sechs weitere ab, wandte den Jungen den Rücken zu, und als sie sich wieder umdrehte, ragten die Streichhölzer aus ihrer geschlossenen Faust heraus; nur die Köpfe waren darin verborgen. »Zieh eins raus«, sagte sie und hielt die Streichhölzer Bill hin. »Wer das Streichholz mit dem abgebrannten Kopf zieht, muß oben bleiben und die anderen rausholen, wenn sie ohnmächtig werden.«

Bill sah sie aufmerksam an. »D-D-Du w-willst es w-w-w-wirklich so haben?«

Sie lächelte ihn strahlend an. »Ja, du Dummkopf, so will ich es haben. Und was ist mit dir?«

»Ich 1-1-1-1-liebe dich, B-B-Bev«, sagte er, und sie errötete heftig.

Bill schien das nicht zu bemerken. Er betrachtete die Streichhölzer, die aus ihrer Faust herausragten, und schließlich zog er eins. Der Kopf war blau und nicht abgebrannt. Sie wandte sich Ben zu und hielt ihm die restlichen sechs hin.

»Ich liebe dich auch«, sagte Ben heiser. Sein Gesicht war rotviolett; er sah aus, als würde er gleich einen Herzschlag bekommen. Aber niemand lachte. Irgendwo tiefer in den Barrens sang wieder der Vogel. Stan weiß bestimmt, was für ein Vogel das ist, dachte Richie so nebenbei.

»Ich danke dir«, sagte Bev ernst, und Ben suchte ein Streichholz aus. Es war unversehrt.

Als nächstem hielt sie Eddie die Streichhölzer hin. Eddie lächelte; es war ein scheues Lächeln, unglaublich süß und herzerweichend verletzlich. »Ich glaube, ich liebe dich auch, Bev«, sagte er und zog blindlings ein Streichholz heraus. Es hatte einen blauen Kopf.

Nun bot Beverly die vier Streichhölzer Richie an.

»Oh, ich liebe Sie, Miß Scarlett!« schrie Richie laut und gab schmatzende Kußlaute von sich. Beverly sah ihn nur leicht lächelnd an, und plötzlich schämte er sich. »Ich liebe dich wirklich, Bev«, sagte er und berührte ihr Haar. »Du bist großartig.«

»Danke.«

Er zog ein Streichholz heraus und war plötzlich überzeugt davon, daß es das abgebrannte sein würde. Aber das war nicht der Fall.

Sie hielt die restlichen Streichhölzer Stan hin.

»Ich liebe dich«, sagte Stan lächelnd und zog eines heraus. Blauer Kopf.

»Du oder ich, Mike«, sagte sie und ließ ihm die Wahl zwischen den beiden letzten Streichhölzern.

Er trat etwas vor. »Ich kenne dich nicht gut genug, um dich zu lieben«, sagte er. »Aber ich tu's trotzdem. Du könntest, glaube ich, sogar meiner Mutter noch Unterricht im Brüllen geben.«

Alle lachten, und Mike wählte das linke Streichholz. Es war ebenfalls unversehrt.

»A-A-Also m-mußt doch d-du oben b-b-bleiben, Bev«, sagte Bill.

»Ja, so soll...«, begann sie und verstummte, als sie die Faust öffnete. Ihr Gesicht nahm einen so überraschten Ausdruck an, daß es fast komisch wirkte. Sie starrte auf das Streichholz in ihrer Hand.

Sein Kopf war ebenfalls unversehrt.

»D-Du h-h-h-hast geschummelt!« beschuldigte Bill sie.

»Nein«, sagte Beverly und sah alle der Reihe nach an. »Ich habe nicht geschummelt. Ich schwor's euch!«

Sie zeigte ihnen ihre Handfläche, und alle sahen die schwachen Rußspuren.

»Bill, ich habe die Streichhölzer nicht ausgetauscht!« Ihre Augen waren riesengroß. »Ich schwor's dir, ich schwor's dir beim Leben meiner Mutter!«