»Ja, Hockstetter war an jenem Tag mit von der Partie«, sagt Eddie. »Es war das letzte Mal, daß ich ihn lebendig gesehen habe. Vermutlich war er ein Ersatz für Peter Gordon. Ich nehme an, daß Bowers auf Peter stinksauer war, weil der bei der Steinschlacht das Weite gesucht hatte.«
»Sie sind alle umgekommen, nicht wahr?« fragt Beverly ruhig. »Nach Jimmy Cullum sind nur noch Henrys Freunde... oder Exfreunde... umgebracht worden.«
»]a, alle außer Bowers selbst«, sagt Mike und wirft einen Blick auf die am Mkro-ßlmgerät festgebundenen Luftballons. »Und er ist inJuniperHill, einer privaten Irrenanstalt in Augusta.«
»W-W-Wie war das, als sie d-d-deinen Arm gebrochen haben, E-E-Eddie?«
»Dein Stottern wird schlimmer, Big Bill«, stellt Eddie fest und leert sein Glas in einem Zug.
»Das m-macht nichts«, sagt Bill. »Erz-z-zähl's uns.«
»Ja, erzähl's uns«, wiederholt Beverly und legt ihm behutsam die Hand auf den schmerzenden Arm.
»Also gut«, sagt Eddie, »nachdem wir heute abend schon mal beim Geschichtenerzählen sind.« Er mixt wieder Pflaumensaft mit Gin, spielt mit dem Pappbecher und beginnt: »Damals im Krankenhaus... ich hatte einen Riesenkrach mit meiner Mutter. Sie wollte mir jeden weiteren Umgang mit euch allen verbieten. Und vielleicht hätte ich mich wirklich dazu überreden lassen - sie hatte so eine Art, mich zu bearbeiten, wißt ihr...«
Bill nickt. Er erinnert sich noch gut an Mrs. Kaspbrak, eine sehr große, korpulente Frau mit einem eigenartigen, etwas schizophrenen Gesicht, das zugleich versteinert, wütend und furchtbar verängstigt aussehen konnte.
»Ja, vielleicht hätte sie mich wirklich dazu gebracht«, fährt Eddie fort. »Aber an jenem Tag, als Henry mir den Arm gebrochen hat, ist noch etwas anderes passiert. Ich habe etwas erfahren, wißt ihr... etwas, das mich wirklich erschüttert hat.«
Er lacht verkrampft vor sich hin und denkt: Es hat mich wirklich erschüttert, okay... aber ist das alles, was du dazu sagen kannst? Was nützt alles Reden, wenn man doch nie jemandem seine Gefühle richtig vermitteln kann? In einem Buch oder Film hätte das, was ich an jenem Tag erfuhr, mein ganzes Leben verändert, und nichts wäre so gekommen, wie es tatsächlich kam... In einem Buch oder Film hätte diese Sache mich zuerst beunruhigt und geängstigt, mich dann aber frei gemacht. In einem Buch oder Film hätte ich nicht eine ganze Reisetasche voll Medikamente im Hotel stehen, ich wäre nicht mit Myra verheiratet, ich hätte jetzt auch nicht diesen verdammten Aspirator bei mir. In einem Buch oder Film. Denn...
Plötzlich - alle sehen es - rollt Eddies Aspirator über den Tisch, mit einem trockenen Rasseln, das sich anhört wie das Klappern von Knochen... oder wie leises Ge-
lächter. Am anderen Tischende, zwischen Richie und Ben, springt er etwas hoch und fällt dann zu Boden. Richie will ihn aufheben, aber Bill ruft scharf: »R-R-Rühr ihn nnicht an!«
»Die Ballons!« schreit Ben, und alle reißen die Köpfe herum.
Auf beiden am Mikrofilmgerät festgebundenen Ballons steht jetzt: ASTHMAMEDIZIN VERURSACHT krebs! Und darunter grinsende Totenschädel.
Dann platzen beide Luftballons mit lautem Knall.
Eddie starrt mit trockenem Mund; er hat das altvertraute Gefühl, keine Luft zu bekommen.
Bill wendet seinen Blick wieder ihm zu. »W-Wer hat dir etwas erzählt, und w-w- was w-war das?«
Eddie fährt sich mit der Zunge über die Lippen. Am liebsten würde er aufstehen und seinen Aspirator holen, aber er traut sich nicht. Wer weiß, was er jetzt enthalten könnte?
Er denkt an jenen Tag, an den 20. Juli. Es war heiß, und seine Mutter hatte ihm einen Scheck gegeben, auf dem nur der Betrag noch nicht eingesetzt war, sowie einen Dollar, den er ausgeben konnte, wofür er wollte.
»Mr. Keene«, sagt er, und seine eigene Stimme dringt wie aus weiter Ferne an seine Ohren und kommt ihm sonderbar kraftlos vor. »Es war Mr. Keene.«
Ja, es war heiß an jenem Tag, aber im Center Street Drugstore war es herrlich kühl, die Ventilatoren waren eingeschaltet, und es roch angenehm nach verschiedenen Pulvern und geheimnisvollen Mixturen. Er hatte vor dem Drehständer mit Comics gestanden und nachgeschaut, ob es neue Nummern von >Batman< oder >Super-boy< oder >Plastic Man< gab. Er hatte Mr. Keene den Zettel und den Scheck seiner Mutter übergeben, und Mr. Keene würde wie immer den Betrag auf dem Scheck einsetzen und Eddie eine Quittung geben. Drei verschiedene Medikamente für seine Mutter, außerdem noch eine Flasche Geritol, weil es, wie sie ihm einmal geheimnisvoll erklärt hatte, »viel Eisen enthält, und Frauen brauchen mehr Eisen als Männer«. Dann noch seine Vitaminpillen, eine Flasche Dr. Swetts Elixier für Kinder... und natürlich seine Asthmamedizin.
Es war alles so wie immer gewesen, und er hatte vorgehabt, sich hinterher im Costello Avenue Market zwei Schokoriegel und ein Pepsi kaufen; auf dem Heimweg würde er dann vergnügt mit dem Kleingeld in seiner Tasche klimpern. Aber es war ganz anders gekommen - er war an diesem Tag im Krankenhaus gelandet, und das war nun wirklich etwas völlig Neues gewesen, aber das Neue hatte schon begonnen, als Mr. Keene ihn gerufen hatte. Denn anstatt ihm wie sonst immer die große weiße Tüte voller Medikamente auszuhändigen und ihm zu raten, die Quittung in die Tasche zu stecken, um sie nicht zu verlieren, hatte Mr. Keene ihn nachdenklich angesehen und gesagt: »Komm mal
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mit nach hinten in mein Büro, Eddie. Ich möchte kurz mit dir reden.«
Eddie warf ihm einen flüchtigen Blick zu und zwinkerte beunruhigt mit den Augen. Ihm schoß die Idee durch den Kopf, daß Mr. Keene ihn vielleicht des Ladendiebstahls verdächtigte. Da hing dieses Schild an der Tür, das er beim Betreten des Drugstores immer las, anklagende schwarze Buch-
staben: ladendiebstahl ist kein Kavaliersdelikt! ladendiebstahl ist
EIN VERBRECHEN UND WIRD VON UNS STRAFRECHTLICH VERFOLGT! Eddie hatte noch nie etwas in einem Laden gestohlen, aber dieses Schild rief in ihm immer Schuldgefühle hervor, so als wüßte Mr. Keene etwas über ihn, das er selbst nicht wußte.
Dann verwirrte Mr. Keene ihn noch mehr mit der Frage: »Wie war's mit einem Eiscreme-Soda - auf Kosten des Hauses? Ich genehmige mir um diese Tageszeit immer eins. Es schenkt Energie - ist 'ne gute Sache, wenn man nicht gerade Probleme mit seinem Gewicht hat, und ich würde meinen, das ist bei uns beiden nicht der Fall. Meine Frau sagt immer, ich würde aussehen wie ein Strich in der Landschaft. Dein Freund Ben Hanscom, ja, der müßte auf sein Gewicht achten. Welche Sorte möchtest du, Eddie?«
»Schokolade«, murmelte Eddie ohne nachzudenken, und während er beobachtete, wie Mr. Keene seine Brille mit Goldfassung die Nase hochschob, begriff er, daß der Apotheker nervös war... und diese Nervosität übertrug sich sofort auf ihn selbst. Wenn ein Erwachsener wegen eines Kindes nervös war, so hatte das meist nichts Gutes zu bedeuten.
Vielleicht will er mir sagen, daß ich Krebs habe oder so was Ähnliches, dachte Eddie angsterfüllt. Vielleicht Leukämie. Diesen Kinderkrebs...
Oh, sei doch nicht so blöd, antwortete er sich selbst, wobei er versuchte, im Geist wie Stotter-Bill zu klingen. Bill war Eddies Held; trotz der Tatsache, daß er nicht ordentlich sprechen konnte, schien er alles immer im Griff zu haben. Sei nicht blöd, er ist Apotheker und kein Arzt. Aber er blieb nervös.