Mr. Keene hatte die Klappe in der Theke geöffnet und winkte Eddie mit einem knochigen Finger zu. Eddie folgte widerwillig seiner Aufforderung. Mr. Keene rief Ruby zu, die hinter der Marmortheke für Getränke und Eis an einer Seite des langen, schmalen Drugstores saß und >Silver Screen< las: »Machst du uns zwei Eiscreme-Soda, Ruby? Einmal Schoko, einmal Kaffee.«
»Klar«, sagte Ruby und ließ ihren Kaugummi platzen.
»Bring sie dann ins Büro.«
»Okay.«
»Komm, mein Junge. Ich beiß' dich schon nicht.«
Eddie war noch nie hinter der Verkaufstheke gewesen, und die vielen Flaschen, Gläser und Pillen versetzten ihn in Erstaunen. Er hätte sich gern länger hier aufgehalten und Mr. Keenes Mörser und Stößel, seine Waagen und Gewichte und die vielen verschiedenen Kapseln genau betrachtet. Aber Mr. Keene hielt ihm die Tür zu seinem Büro auf, und Eddie trat ein. Als die Tür wieder geschlossen war, spürte Eddie, wie ihm die Kehle eng wurde. Er kämpfte gegen dieses warnende Vorzeichen. Unter den Einkäufen war ja auch ein neuer Aspirator, und er konnte lange inhalieren, sobald er hier wieder draußen war.
Eddies Unruhe und Angst wuchs noch, als Mr. Keene sich auf seinen Drehstuhl hinter dem Schreibtisch setzte, den Aspirator plötzlich auf die Löschunterlage legte und sich dann so weit zurücklehnte, daß sein Kopf fast den Wandkalender berührte. Auf dem Kalenderblatt für Juli waren irgendwelche Pillen abgebildet. Und...
Und einen schrecklichen Augenblick lang, als Mr. Keene gerade den
Mund öffnete, erinnerte sich Eddie an den Vorfall im Schuhgeschäft, als er ein kleiner Junge war und seinen Fuß in die Röntgenmaschine gesteckt hatte. In diesem schrecklichen Moment dachte Eddie, daß Mr. Keene gleich sagen würde: >Eddie, neun von zehn Ärzten sind der Ansicht, daß Asthmamedizin Krebs verursacht, ebenso wie die Röntgenmaschinen, die man früher in Schuhgeschäften hatte. Ich dachte, das solltest du wissen.«
Aber was Mr. Keene dann wirklich sagte, war so eigenartig, daß Eddie sich überhaupt keinen Reim darauf machen konnte.
»Das hat jetzt wirklich lange genug gedauert«, sagte Mr. Keene.
Eddie öffnete den Mund, klappte ihn aber wortlos wieder zu.
»Wie alt bist du, Eddie? Zehn, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Eddie ziemlich leise. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Er pfiff zwar noch nicht wie ein Teekessel (das war natürlich Richies Ausdrucksweise: Stell man jemand Eddie ab. Er kocht!), aber das konnte jederzeit passieren. Er warf einen sehnsüchtigen Blick auf seinen Aspirator, der auf Mr. Keenes Schreibtisch lag, und weil er den Eindruck hatte, noch etwas sagen zu müssen, fügte er hinzu: »Ich werde am 5. November elf.«
Mr. Keene nickte, dann beugte er sich vor wie ein Apotheker im Werbefernsehen und faltete die Hände. Seine Brille funkelte im grellen Licht der Neonröhren an der Decke. »Weißt du, was ein Placebo ist, Eddie?«
Nervös riet Eddie, so gut er konnte: »Das sind die Dinger bei den Kühen, wo die Milch rauskommt, glaube ich.«
Mr. Keene lachte und lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. »Nein«, sagte er, und Eddie errötete bis zu den Haarwurzeln. Er konnte jetzt schon das Pfeifen in seinem Atem hören. »Ein Placebo...«
Er wurde durch ein lautes Klopfen an der Tür unterbrochen. Ohne sein >Herein< abzuwarten, betrat Ruby das Büro, in jeder Hand ein altmodisches Eiscremesoda-Glas. »Deins muß das mit Schokolade sein«, sagte sie zu Eddie und lächelte ihm zu. Er erwiderte ihr Lächeln, aber es gelang ihm nicht so recht; sein Interesse an Eiscremesoda war vermutlich noch nie in seinem ganzen Leben so gering gewesen. Er saugte am Strohhalm, während Ruby hinausging, aber er nahm den Geschmack kaum wahr.
Mr. Keene wartete, bis Ruby hinter sich die Tür geschlossen hatte, dann sagte er: »Entspann dich doch, Eddie. Ich beiße dich ganz bestimmt nicht, und ich tu' dir auch sonst nichts.«
Halbherzig saugte er wieder am Strohhalm, aber es nützte nichts: das Pfeifen wurde immer schlimmer. Er betrachtete den Aspirator auf Mr. Keenes Schreibtisch, traute sich aber nicht, Mr. Keene darum zu bitten oder ihn sich selbst zu nehmen. Er wünschte von ganzem Herzen, jetzt mit seinen Freunden in den Barrens zu sein.
»Entspann dich doch«, sagte Mr. Keene wieder. »Deine Beschwerden kommen teilweise - größtenteils - daher, daß du immer so angespannt, so verkrampft bist. Nimm nur mal beispielsweise dein Asthma. Sieh mal.«
Mr. Keene öffnete seine Schreibtischschublade, kramte darin herum und brachte zu Eddies größtem Erstaunen einen Luftballon zum Vorschein, den er aufblies. center street Drugstore stand darauf. Mr. Keene verknotete den Ballonhals. »Stellen wir uns jetzt mal vor, dieser Ballon wäre eine Lunge«, sagte er. »Deine Lunge. Natürlich müßte ich eigentlich zwei davon
aufblasen, aber ich habe nur noch diesen einen, der vom Sonderverkauf nach Weihnachten übriggeblieben ist...«
»Mr. Keene, könnte ich bitte meinen Aspirator haben?« keuchte Eddie. Sein Kopf dröhnte. Er spürte, wie seine Luftröhre sich immer mehr verengte. Er hatte rasendes Herzklopfen, und Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Sein Eiscremesoda stand vergessen auf der Ecke von Mr. Keenes Schreibtisch.
»Gleich«, sagte Mr. Keene. »Paß jetzt erst mal gut auf, Eddie. Ich möchte dir helfen. Es ist höchste Zeit. Und wenn RUSS Handor nicht Manns genug ist, so muß ich es eben tun. Deine Lunge ist wie dieser BaiIon, nur ist sie von einer Muskelhülle umgeben - dem Diaphragma oder Zwerchfell. Bei einem normalen, gesunden Menschen hilft das Zwerchfell den Lungen, sich mühelos zusammenzuziehen und auszudehnen. Wenn aber der Besitzer dieser Lungen - dieser gesunden Lungen - sich immer verkrampft, beginnt das Zwerchfell gegen die Lungen anstatt mit ihnen zu arbeiten. Etwa so!«
Mr. Keene preßte den Ballon mit seiner schwieligen, mageren Hand zusammen. Eddie sah, wie der Ballon sich über und unter der Faust auswölbte und machte sich auf den scheinbar unvermeidlichen Knall gefaßt. Gleichzeitig spürte er, daß er überhaupt keine Luft mehr bekam. Er beugte sich vor und griff nach seinem Aspirator auf der Löschunterlage. Dabei streifte er mit der Schulter das schwere Sodaglas. Es viel vom Schreibtisch und zerschellte mit lautem Klirren auf dem Fußboden.
Eddie nahm das nur verschwommen wahr. Er schob sich den Aspirator in den Mund und drückte auf die Flasche. Er inhalierte gierig, und seine Gedanken rasten in wilder Panik, wie immer in solchen Momenten: Bitte, Mom, ich ersticke, ich kann nicht ATMEN; oh lieber Gott, oh, lieber Jesus sanftund-mild, ich kann nicht ATMEN, bitte, ich will nicht sterben, will nicht sterben, o bitte...
Dann kondensierte sich der nach Medizin schmeckende Nebel aus dem Aspirator auf den geschwollenen Wänden seiner Kehle, und er konnte wieder atmen.
»Es tut mir leid«, stammelte er fast weinend. »Es tut mir leid... ich werde das Glas bezahlen und alles aufwischen... nur sagen Sie meiner Mutter nichts davon, bitte! Es tut mir so leid, Mr. Keene, aber ich konnte nicht atmen...«
Wieder klopfte es an de Tür, und Ruby steckte ihren Kopf herein. »Ist alles. ..«
»Alles in Ordnung«, sagte Mr. Keene scharf. »Laß uns allein.«
»Hmm!« gab Ruby von sich und schloß die Tür.
Eddies Atem wurde wieder pfeifend, und er nahm noch einmal seinen Aspirator zu Hilfe. Dann fing er wieder an, sich stammelnd zu entschuldigen. Er verstummte erst, als Mr. Keene plötzlich die Hand hob wie Mr. Nell, wenn dieser den Verkehr anhielt, damit die kleinen Kinder nach Schulschluß die Jackson Street überqueren konnten.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte der Apotheker. »Ruby wird nachher alles aufwischen, und - ehrlich gesagt - bin ich ganz froh, daß du das Glas zerbrochen hast, Eddie.« Er lächelte, und nachdem Eddie jetzt wieder richtig atmen konnte, kam dieses Lächeln ihm plötzlich sehr freundlich... und ziemlich melancholisch vor. »Ich bin froh darüber, weil wir jetzt nämlich ein gegenseitiges Interesse haben, Eddie. Ich verspreche dir, deiner Mutter nichts von dem zerbrochenen Glas zu sagen, wenn du mir versprichst, deiner Mutter nichts von unserer Unterhaltung zu sagen.«