Выбрать главу

»O ja, das verspreche ich«, sagte Eddie eifrig.

»Gut. Wir haben also ein Abkommen getroffen. Wie fühlst du dich jetzt, Eddie?«

»Besser.«

»Viel besser?«

Eddie nickte.

»Warum?«

»Warum?« wiederholte Eddie erstaunt. »Nun... weil ich meine Medizin hatte.« Er sah Mr. Keene so an, wie er in der Schule Mrs. Casey ansah, wenn er nicht ganz sicher war, die richtige Antwort gegeben zu haben.

»Aber du hast gar keine Medizin gehabt«, sagte Mr. Keene, »sondern nur ein Placebo.«

»Was ist das?«

»Es ist etwas, das wie Medizin aussieht und wie Medizin schmeckt, aber keine Medizin ist«, erklärte Mr. Keene. Er seufzte tief und betrachtete sein kaum angerührtes Eiscremesoda. Er schien Eddies Anwesenheit fast vergessen zu haben, und Eddie riß ihn nicht aus seiner Versunkenheit. Schließlich blickte der Apotheker wieder hoch. »Du mußt entschuldigen, wenn ich ein bißchen umständlich rede«, sagte er. »Ich habe so etwas noch nie gemacht - mich noch nie in eine Angelegenheit zwischen Eltern und Kind eingemischt, um die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Das ist eine heikle Sache, Eddie. Eine sehr heikle Sache.«

Er verstummte wieder. In Eddies Kopf drehte sich alles. Was Mr. Keene vorhin gesagt hatte, kam ihm erst jetzt richtig zu Bewußtsein: Du hast gar keine Medizin gehabt.

»Ein Placebo ist keine Medizin, weil keine medizinisch wirksamen Bestandteile darin enthalten sind«, fuhr Mr. Keene fort. »Oder vielleicht ist es eine Medizin... eine Medizin ganz spezieller Art. Ein Placebo kann... kann eine Medizin für den Kopf sein. Verstehst du das, Eddie? Eine Medizin für den Kopf.«

Mit tauben Lippen flüsterte Eddie: »Nein, ich versteh's nicht.« Aber er hatte schreckliche Angst, daß er es doch verstand - er hatte Angst, daß Mr. Keene ihm auf Umwegen beizubringen versuchte, daß er verrückt war.

»Ich will dir mal eine kleine Geschichte erzählen, Eddie«, sagte Mr. Keene. »Im Jahre 1954 wurde in der DePaul-Universität eine medizinische Testreihe bei Patienten mit Geschwüren durchgeführt. In diesen Tests bekamen die hundert Patienten Tabletten. Ihnen wurde gesagt, daß die Tabletten ihnen helfen würden. 50 Prozent der Tabletten waren richtige Geschwürmedikamente, die anderen 50 Prozent waren nur Placebos, von den Ärzten manchmal auch >M&M-Pillen< genannt. Von diesen 100 Patienten sagten 93 hinterher, sie verspürten eine deutliche Besserung, und bei 81 zeigte sich auch eine Besserung. Was sagst du dazu?«

»Ich weiß nicht«, flüsterte Eddie.

Mr. Keene klopfte sich ernst an den Kopf. »Die meisten Krankheiten nehmen hier ihren Anfang, das ist es, was ich glaube, Eddie. Ich bin schon sehr lange in diesem Geschäft, und ich wußte schon lange vor diesen Experimenten in der DePaul-Universität oder auch vor jenen, die während des Krieges in englischen Militärhospitälern durchgeführt wurden, über Placebos Bescheid. Normalerweise sind es alte Menschen, denen Placebos verschrieben werden. Der alte Mann oder die alte Frau geht zu ihrem Arzt und ist überzeugt davon, eine Herzkrankheit oder Krebs oder Grünen Star oder Diabetes oder sonst irgendwas Gefährliches zu haben. Nun, in den meisten Fällen trifft das nicht zu. Sie fühlen sich nicht gut, weil sie alt sind, das ist alles. Sie fühlen sich nicht gut, weil ihre Zeit langsam abläuft. Aber was soll ein Arzt in solchen Fällen tun? Soll er einem alten Mann sagen: >Sie fühlen sich nicht gut, weil Sie alt sind, und Sie können die kleine Schrift in Ihrer Bibel einfach deshalb nicht mehr ohne Lupe lesen, weil Ihre Augen versagen. Dagegen läßt sich überhaupt nichts machen. < Soll er das sagen? Oder soll ich sagen, wenn ein alter Mensch zu mir kommt: »Es tut mir leid, es gibt keine Pillen, die ich Ihnen geben könnte. Sie sollten Ihre Hoffnungen lieber nur noch auf die Auferstehung des Leibes und auf das ewige Leben setzen<? Soll ich ihnen das sagen, Eddie?«

Eddie zuckte stumm die Achseln; er verstand nicht ganz, was Mr. Keene meinte... aber er hatte noch immer Angst. Du hast gar keine Medizin gehabt -diese Worte dröhnten in seinem Kopf.

»Nein, das sage ich ihnen nicht. Es gibt nämlich eine bessere, menschenfreundlichere Möglichkeit. Manchmal kommen die Alten mit einem Rezept zu mir, auf dem es deutlich steht: Placebos oder 25 gr. Blauer Himmel, wie der alte Doktor Pearson das zu umschreiben pflegte. Und Doktor Hill, der jetzt irgendwo in Colorado ist, sagte es mir geradeheraus - Geben Sie diesem Patienten ein paar M&M-Pillen - nur war seine Handschrift so unleserlich, daß ohnehin kein Patient sie hätte entziffern können.«

Mr. Keene kicherte ein wenig und saugte an seinem Eiscremesoda.

»Nun, Placebos sind ein wahrer Segen für alte Menschen«, fuhr er fort, »und dann gibt es auch jene anderen Fälle - Krebs, schwerze Herzkrankheiten und ähnliches mehr - Fälle, die wir bis jetzt noch nicht heilen können; nun, wenn in solchen Fällen ein Placebo dem Patienten das Gefühl gibt, sich besser zu fühlen, so kann ich darin nichts Negatives sehen. Du etwa, Eddie?«

»Nein«, murmelte Eddie und betrachtete die von ihm angerichtete Sauerei auf dem Fußboden. Dieser Anblick bereitete ihm großes Unbehagen, und er spürte, wie ihm die Kehle wieder eng wurde.

»Nein, ich glaube, dadurch entsteht wirklich kein Schaden. Weißt du, vor fünf Jahren, als Vernon Maitland Speiseröhrenkrebs hätte - eine besonders schmerzhafte Krebsart - und die Ärzte mit keinen Medikamenten mehrge-gen seine Schmerzen ankamen, besuchte ich ihn im Krankenhaus und brachte ihm eine Flasche Zuckerpillen mit. Er war ein enger Freund von mir. Und ich sagte: >Vern, dies sind spezielle Schmerztabletten, die zur Zeit noch getestet werden. Die Ärzte wissen nicht, daß ich sie dir gebe, also sei, um Gottes willen, vorsichtig. Ich kann nicht garantieren, daß sie dir helfen werden, aber ich vermute es. Nimm nicht mehr als eine Tablette pro Tag,

wenn die Schmerzen besonders heftig sind.< Er dankte mir mit Tränen in den Augen. Und in den nächsten drei oder vier Wochen nahm er dann diese eine Tablette pro Tag, und ganz zuletzt nahm er dann zwei, bis er im Oktober starb. Sie wirkten bei ihm, Eddie - es waren nur Zuckerpillen, aber sie betäubten seine Schmerzen... weil Schmerzen hier entstehen.« Wieder klopfte er sich an den Kopf.

Eddie sagte: »Meine Medizin wirkt aber wirklich.«

»Sie wirkt auf deine Kehle und Lunge, weil sie auf deinen Kopf wirkt«, sagte Mr. Keene. »Deine Asthmamedizin besteht aus Wasser, dem eine Spur von Kampfer beigemischt ist, damit es wie ein Medikament schmeckt.«

»Nein!« rief Eddie. Sein Atem ging jetzt wieder pfeifend.

Mr. Keene trank von seinem Soda, aß etwas halb geschmolzenes Eis und wischte sich bedächtig das Kinn mit seinem Taschentuch ab, während Eddie wieder seinen Aspirator benutzte.

»Ich möchte jetzt gehen«, sagte Eddie.

»Laß mich bitte ausreden«, erwiderte Mr. Keene.

»Nein, ich möchte jetzt gehen. Sie haben Ihr Geld bekommen, und ich möchte gehen!« In Eddies Augen standen Tränen. Er hatte recht gehabt. Jetzt würde Mr. Keene sich gleich vorbeugen und sagen: Das eigentliche Problem besteht darin, Eddie, daß du verrückt bist. Total meschugge. Bist du nicht auch dieser Meinung?