»Laß mich ausreden«, sagte Mr. Keene noch einmal, so eindringlich, daß Eddie sitzen blieb. Erwachsene hatten manchmal so eine schreckliche Macht - er haßte sie dafür.
»Ein Teil des Problems besteht darin, daß dein Arzt, RUSS Handor, schwach ist. Und der andere Teil des Problems liegt darin, daß deine Mutter starrköpfig und herrschsüchtig ist. Und du, Eddie, zappelst dazwischen wie ein Fisch im Netz.«
»Ich bin nicht verrückt«, flüsterte Eddie heiser.
Mr. Keene beugte sich vor; sein Stuhl knarrte. »Was?«
»Ich sagte, ich bin nicht verrückt!« schrie Eddie und errötete gleich darauf hefig.
Er dachte, daß Mr. Keene ärgerlich sein würde, weil er geschrien hatte -man schrie Erwachsene niemals an, das hatte seine Mutter ihn gelehrt -, aber statt dessen sah Mr. Keene im ersten Moment völlig verdattert aus... und dann fing er an zu lachen.
»Nein, natürlich bist du nicht verrückt. Hast du geglaubt, daß ich dir das beibringen will? Nein, keineswegs.«
Mr. Keene hörte auf zu lachen und sah Eddie wieder mit eindringlichem Ernst an.
»Ich sage doch nicht, daß du geistig oder körperlich krank bist, Eddie; ganz im Gegenteil, ich versuche dir zu erklären, daß du nicht krank bist.«
Eddie starrte den Apotheker fassungslos an.
»Hör mir gut zu, Eddie. Auch wenn du nie wieder jemandem aufmerksam zuhören wirst - bitte tu's jetzt. Deine Mutter hat, wie du weißt, zahlreiche gesundheitliche Probleme. Viele beruhen auf der Tatsache, daß sie starkes Übergewicht hat und nicht abnehmen will oder kann. Andere haben
Gründe, die wir heute noch nicht kennen und vielleicht nie kennen werden. Außerdem hat sie mit ansehen müssen, wie dein Vater, den sie sehr liebte, qualvoll an Gehirntumor starb. Und bei deiner Geburt wäre sie fast selbst gestorben - auch das in erster Linie aufgrund ihres Übergewichts. Das alles hat bei ihr zu einer beinahe schon pathologischen Hypochondrie geführt, die sie an dich weitergegeben hat.«
»Was ist das?« fragte Eddie.
»Ein Hypochonder ist ein Mensch, der kleine Beschwerden immer zu schlimmen Krankheiten aufbläht oder glaubt, er wäre krank, obwohl er es nicht ist, oder glaubt, daß seine Krankheit ganz andere Ursachen als die tatsächlichen hat.«
»Ich finde, Sie sollten aufhören, gegen meine Mom zu reden«, sagte Eddie, der den Tränen wieder sehr nahe war.
»Vermutlich hast du recht«, stimmte Mr. Keene ihm zu, »und vermutlich werde ich dafür bezahlen müssen. Aber indem ich gegen deine Mutter rede, rede ich für dich. Seit du ein Baby warst, war deine Mutter immer überzeugt davon, daß du krank bist. Als Dr. Pearson anfing, ihr zu widersprechen ... als er versuchte, ihr die absurde Idee auszureden, du müßtest mindestens sechsmal im Jahr gründlich untersucht werden, oder als sie darauf beharrte, daß du unbedingt ins Krankenhaus müßtest, als du dir mit drei Jahren an einem regnerischen Tag in der Garage den Knöchel verstaucht hattest - wechselte sie zu Dr. Seymour über. Als der ihr erklärte, es sei unmöglich, ein Kind unter einer Glasglocke aufzuziehen, wie sie es offenbar tun wollte, da wechselte sie zu Dr. Handor über, der einfach zu feige ist, um ihr zu widersprechen.«
Mr. Keenes welke Wangen hatten vor Erregung jetzt Farbe bekommen.
»In den fast elf Jahren deines Lebens ist es deiner Mutter gelungen, Eddie, nicht nur sich selbst, sondern auch dich davon zu überzeugen, daß du ein sehr kranker Junge bist. Als du fünf Jahre alt warst, hattest du eine ganz leichte Bronchitis. Deine Mutter zog ihre medizinischen Bücher zu Rate und war bald überzeugt davon, daß du keine Bronchitis, sondern schweres Asthma hast. Sie schleppte dich jede Woche in Handors Praxis und verlangte, daß er das angebliche Asthma behandelte. Die Bronchitis verging natürlich, und eine Zeitlang hast du ganz normal geatmet. Dann hast du ganz allmählich begonnen, die Symptome zu entwickeln, die du zweimal hier gezeigt hast - das Pfeifen, das Ringen nach Atem, die Blässe. Was passiert war, ist ganz einfach zu erklären: deine Mutter impfte dir ein, welche Symptome sie erwartete - nein, welche Symptome sie verlangte -, und du gehorchtest ihr, indem du diese Symptome entwickeltest.«
»Das ist eine Lüge!« schrie Eddie und war ganz überrascht, daß die Worte so kraftvoll aus seiner engen Brust herauskamen. Er dachte an Bill, überlegte, wie Bill wohl auf so schreckliche Anklagen reagieren würde. Bill wüßte bestimmt trotz seines Stotterns etwas darauf zu erwidern. Bill konnte tapfer sein. »Das ist eine Lüge, ich habe Asthma.«
»Ja, du hast es, aber es gibt keine körperliche Ursache dafür«, sagte Mr. Keene. »Dr. Handor weiß das aufgrund seiner Röntgenuntersuchungen, und ich weiß es auch so - weil ich dich beobachte und weil ich deine Mutter kenne. Vor vier Jahren, 1954 - eigenartigerweise in jenem Jahr, als die Tests an der DePaul-Universität durchgeführt wurden - begann Dr. Handor, dir eine Asthmamedizin mit dem Namen HydrOx zu verschreiben - einer Abkürzung von Hydrogen und Oxygen, den beiden Bestandteilen von Wasser. Ich habe dieses Täuschungsmanöver vier Jahre lang unterstützt, aber jetzt will ich mich nicht mehr dazu hergeben. Es ist eine Sache, sehr alten oder sehr kranken Patienten Placebos zu verabreichen, aber bei jungen Menschen wie dir, einem potentiell völlig gesunden Menschen, halte ich das für völlig falsch. Ja, ich glaube, jetzt habe ich dir alles gesagt, was ich dir sagen wollte, Eddie. Deine Asthmamedizin besteht aus Wasser und etwas Kampfer. Sie hilft dir, weil deine Atemorgane physisch völlig in Ordnung sind. Sie hilft dir, weil du daran glaubst. Dein Asthma ist die Folge eines nervösen Zusammenziehens des Zwerchfells, das von deinem Kopf gesteuert wird. Du bist nicht krank.«
Ein schreckliches Schweigen breitete sich aus.
Eddie saß wie angewurzelt auf seinem Stuhl, aber in seinem Kopf wirbelten die Gedanken nur so herum. Einen Moment lang erwog er die Möglichkeit, daß Mr. Keene ihm die Wahrheit gesagt hatte, aber diese Vorstellung war von so furchtbarer blendender Helligkeit, daß er sich ihr nicht zu stellen vermochte. Aber weshalb sollte Mr. Keene lügen, besonders in einer so ernsten Angelegenheit?
Ich habe Asthma, ich habe es wirklich.
An jenem Tag, als Henry Bowers mich auf die Nase schlug, an jenem Tag, als Bill und ich versuchten, in den Barrens einen Damm zu bauen - da wäre ich fast gestorben. Soll ich wirklich glauben, daß ich mir das einfach eingebildet habe?
Aber weshalb sollte er lügen?
Nur undeutlich hörte er Mr. Keene sagen: »Ich habe dich immer beobachtet, Eddie. Ich habe dich gern, und ich finde, du hast dich so gut gehalten wie es... nun ja, wie es unter so schwierigen häuslichen Verhältnissen überhaupt möglich ist. Ich glaube, ich habe es dir jetzt gesagt, weil du alt genug bist, um es zu verstehen, aber auch, weil ich bemerkt habe, daß du endlich Freunde gefunden hast. Es sind wirklich gute Freunde, stimmt's?«
»Ja.«
Mr. Keene schob seinen Stuhl zurück und schloß ein Auge, was wohl ein Zwinkern sein sollte. »Und ich wette, deine Mutter mag sie nicht besonders, stimmt's?«
»Sie mag sie sehr«, widersprach Eddie und dachte dabei an die abfälligen Bemerkungen seiner Mutter über Richie Tozier (»Er hat ein übles Mundwerk ... und ich habe seinen Atem gerochen, Eddie... ich glaube, er raucht«), an ihren >gutgemeinten< Rat, Stan Uris kein Geld zu leihen, weil er Jude sei, an ihre ausgesprochene Abneigung gegen Bill Denbrough und >jenen fetten Jungen<.
Mr. Keene gegenüber beharrte er jedoch darauf: »Sie mag sie sogar sehr.«