»Na ja... mach dir nichts draus«, sagte Mr. Keene, als wisse er es besser. »Du hast Freunde, und das ist sehr wichtig. Freunde können einen unterstützen. Sie können einem manchmal auch dabei helfen, über gewisse Dinge nachzudenken. Ich würde vorschlagen, Eddie, daß du mit deinen Freunden darüber redest und ihre Meinungen hörst, bevor du deiner Mutter etwas von unserer Unterhaltung erzählst, denn daran kann ich dich natürlich nicht hindern - zerbrochenes Glas hin, zerbrochenes Glas her.«
Eddie gab keine Antwort; es schien ihm sicherer, sich nicht weiter mit Mr. Keene zu unterhalten. Und er befürchtete, wirklich noch in Tränen auszubrechen, wenn er nicht möglichst rasch hier herauskam.
»Nun«, sagte Mr. Keene und stand auf. »Ich glaube, das war's, Eddie. Es tut mir leid, wenn ich dich verstört habe. Ich habe nur getan, was ich für meine Pflicht hielt. Ich...«
Aber bevor er noch etwas sagen konnte, hatte Eddie schon nach der weißen Tüte mit den Medikamenten gegriffen und stürzte davon, rannte aus dem Drugstore, als wäre der Teufel hinter ihm her, trotz seines pfeifenden Atems.
An der großen Kreuzung von Kansas-, Main- und Center Street blieb er stehen und benutzte wieder seinen Aspirator; dann setzte er sich auf die niedrige Steinmauer neben der Bushaltestelle - seine Kehle war jetzt schon ganz schleimig von der Medizin
(nichts weiter als Wasser mit einer Spur Kampfer)
und er dachte, daß er sich höchstwahrscheinlich übergeben würde, wenn er heute noch einmal seinen Aspirator benutzen mußte.
Er schob ihn langsam in die Tasche und beobachtete den Verkehr. Er versuchte, an nichts zu denken. Die Sonne brannte glühend heiß auf seinen Kopf. Von jedem vorbeifahrenden Auto bekam er reflektierte Sonnenstrahlen in die Augen, und in seinen Schläfen regte sich ein leichtes Kopfweh. Er brachte es nicht fertig, böse auf Mr. Keene zu sein, aber er tat sich selbst leid. Er tat sich selbst sehr leid. Er vermutete, daß Bill Denbrough nie Zeit mit Selbstmitleid vergeudete, aber er selbst kam einfach nicht dagegen an.
Lieber als alles andere hätte er jetzt genau das getan, was Mr. Keene vorgeschlagen hatte: in die Barrens zu gehen und seinen Freunden alles zu erzählen und ihre Meinung darüber zu hören und zu erfahren, welche Antworten sie hatten. Aber das konnte er jetzt nicht tun. Seine Mutter erwartete ihn bald mit den Medikamenten zurück.
(deine Mutter impfte dir die Symptome ein, die sie erwartete)
und wenn er nicht kam
(du gehorchtest... schwierige häusliche Verhältnisse.., ich wette, deine Mutter mag sie nicht besonders, stimmt's?)
würde es Schwierigkeiten geben. Sie würde sofort vermuten, daß er mit Bill oder Richie zusammengewesen war oder mit dem >Judenjungen<, wie sie Stan nannte (wobei sie immer betonte, diese Bezeichnung sei kein Vorurteil, nichts Abfälliges, sie würde einfach >die Karten auf den Tisch legen< -ihr Ausdruck dafür, in schwierigen Situationen die Wahrheit zu sagen). Und während er auf der Steinmauer saß und versuchte, seine wirren Gedanken zu ordnen, wußte Eddie genau, was sie sagen würde, wenn ihr zu Ohren käme, daß zu seinen Freunden auch ein schwarzer Junge und ein Mädchen gehörten.
Er begann langsam den Up-Mile Hill hinaufzugehen - bei dieser Hitze war der steile Hügel eine Qual. Es war fast heiß genug, um auf dem Gehweg Spiegeleier zu braten. Zum erstenmal wünschte er sich, die Schule würde wieder anfangen, und er könnte sich mit dem neuen Schuljahr und den Eigenheiten eines neuen Lehrers auseinandersetzen. Er wünschte sich, daß dieser schreckliche Sommer bald vorüber wäre.
Auf halber Höhe des Hügels blieb er stehen und zog seinen Aspirator aus der Tasche. hydrox-spray stand auf dem Aufkleber, nach bedarf verwenden.
Und plötzlich wurde ihm etwas klar. nach bedarf verwenden. Er war nur ein Kind, noch nicht trocken hinter den Ohren (wie seine Mutter ihm manchmal erklärte, wenn sie >die Karten auf den Tisch legte<), aber sogar ein zehnjähriges Kind wußte, daß man nicht jemandem ein richtiges Medikament gab und draufschrieb: Nach Bedarf verwenden. Mit einer richtigen Medizin könnte man sich nur zu leicht umbringen, wenn man sie sorglos nach Bedarf verwendete. Eddie vermutete, daß man sich bei solcher Anwendung sogar mit einfachem Aspirin umbringen konnte.
Er starrte auf den Aspirator und bemerkte nicht einmal die neugierigen Blicke einer alten Frau, die mit ihrer Einkaufstasche am Arm den Up-Mile Hill hinunterging. Er fühlte sich betrogen. Und einen Moment lang war er nahe daran, die Druckflasche aus Plastik in den Rinnstein zu werfen - noch besser wäre es, dachte er, sie in den Gully hinabzuwerfen. Na klar! Warum auch nicht? Sollte es diesen blöden Aspirator doch dort unten in seinen Kanalisationsrohren und tropfenden Rattenwegen haben! Da hast du ein Pla-ce-bo, du hundertgesichtiges Scheusal! Er lachte kurz auf. Fast hätte er es getan - um ein Haar hätte er es getan. Aber die Gewohnheit war schließlich doch zu mächtig. Er schob den Aspirator wieder in seine rechte vordere Hosentasche und ging weiter; das gelegentliche Hupen eines Autos oder das Dröhnen eines Dieselmotors eines vorbeifahrenden Stadtbusses nahm er kaum wahr. Und natürlich ahnte er nicht, wie nahe er daran war, richtige starke Schmerzen kennenzulernen; er ahnte natürlich nicht, daß er diesen heißen Tag in einem Einzelzimmer des Krankenhauses von Derry beschließen würde.
3
Als Eddie 25 Minuten später aus dem Castello Avenue Market herauskam, ein Cola in der Hand, eine Papiertüte mit zwei Payday-Schokoriegeln in der anderen, sah er zu seinem Entsetzen Henry Bowers, Victor Criss, Moose Sadler und Patrick Hockstetter auf dem Kies vor dem kleinen Geschäft knien und auf Victors Baseball-Hemd mit dem Aufdruck >Lion's Club< ihr gemeinsames Kapital zählen. Ihre Sommerschulbücher lagen achtlos neben ihnen. Einen Moment lang hätte Eddie vielleicht die Chance gehabt, sich einfach wieder in den Laden zurückzuziehen und Mr. Gerdreau zu bitten, den Hinterausgang benutzen zu dürfen. An einem gewöhnlichen Tag hätte er vielleicht dieses Geistesgegenwart besessen, aber dies war alles andere als ein gewöhnlicher Tag, und so blieb Eddie einfach wie gelähmt auf der obersten Stufe stehen, ohne die noch einen Spalt breit geöffnete Tür loszulassen.
Victor Criss blickte auf, sah ihn und stieß Henry mit dem Ellbogen an.
Henry schaute hoch, Patrick Hockstetter ebenfalls. Moose, der nicht so schnell schaltete, zählte noch etwa fünf Sekunden lang weiter Pennies, bevor die plötzlich eingetretene Stille auch ihm auffiel.
Henry Bowers stand auf und strich lose Kieselsteinchen von den Knien seiner Latzhose.
»Na, da laust mich doch der Affe!« sagte er. »Einer von den Steinwerfern. Wo sind denn deine Freunde, Arschloch? Im Laden?«
Eddie schüttelte leicht den Kopf; im selben Moment wurde ihm klar, daß das ein verhängnisvoller Fehler war.
Henry grinste jetzt übers ganze Gesicht. »Na großartig«, rief er. »Ich nehm' euch auch gern nacheinander vor. Komm runter, Arschloch.«
Victor trat neben Henry, und Patrick Hockstetter stellte sich hinter sie; er grinste auf die geistlose, schweinische Art, die Eddie von der Schule her kannte. Moose erhob sich gerade erst.
»Nun komm schon, Arschloch!« sagte Henry. »Und dann wollen wir uns mal ein bißchen übers Steinewerfen unterhalten.«
Sehr verspätet fiel Eddie ein, daß es klüger wäre, sich in den Laden zurückzuziehen. Aber bei der ersten Bewegung schoß Henrys Arm vor und packte ihn unterhalb des linken Knies. Er zog mit aller Kraft, und die Türklinke glitt Eddie aus der Hand. Die Tür fiel zu. Eddie wurde die Stufen heruntergezogen und wäre der Länge nach auf dem Kies gelandet, wenn Victor ihn nicht grob unter den Armen gepackt und dann von sich geschleudert hätte. Eddie drehte sich zweimal um sich selbst, aber irgendwie gelang es ihm, auf den Beinen zu bleiben. Die vier Jungen waren höchstens zehn Fuß von ihm entfernt, Henry sogar noch etwas weniger. Er lächelte bösartig, und seine Haare standen am Hinterkopf hoch. Eddie registrierte wieder, wie heiß es war.