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Um ein Haar wäre es Eddie gelungen, sein schweißnasses Handgelenk aus Henrys Griff zu befreien. Vielleicht verdrehte Henry ihm nur deshalb daraufhin den Arm noch stärker als zuvor; wahrscheinlicher war jedoch, daß er von Anfang an diese Absicht gehabt hatte. Das Resultat war jedenfalls dasselbe: Eddie hörte ein Knirschen, und ein wahnsinniger Schmerz schoß durch seinen Körper. Er schrie, aber seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. Die Welt verlor ihre Farben, und als Henry seinen Arm losließ und ihm einen Stoß versetzte, schien er auf den Gehweg zuzuschweben. Es dauerte lange, bis er aufschlug. Er hatte viel Zeit, sich jeden Riß im Beton einzuprägen, während er darauf zuschwebte. Er hatte Zeit, die Sonnenringe darauf zu bewundern und die verwaschenen Reste eines mit Kreide auf den Gehweg gemalten >Himmel und Hölle<-Spiels wahrzunehmen.

Vielleicht wäre er ohnmächtig geworden, wenn er nicht gerade auf seinen soeben erst von Henry gebrochenen Arm gefallen wäre; der neue Schmerz durchzuckte ihn heiß und messerscharf. Er spürte, wie die gesplitterten Knochen aneinanderrieben. Er biß sich auf die Zunge, die sofort zu bluten begann. Langsam rollte er auf den Rücken und sah Henry, Victor, Moose und Patrick über sich stehen. Sie sahen unglaublich groß, unglaublich hoch aus, wie Sargträger, die in ein Grab hinabschauen, wo der teure Verstorbene ohne Sarg beerdigt wurde.

»Gefällt dir das, Steinwerferlein?« fragte Henry. Seine Stimme drang von ferne, durch Wolken von Schmerz, an Eddies Ohren. »Gefällt dir dieses Spielchen?«

Patrick Hockstetter kicherte.

»Dein Vater ist verrückt«, hörte Eddie sich plötzlich sagen, »und du genauso.«

Henrys Grinsen verschwand so plötzlich, als hätte er eine Ohrfeige bekommen. Er holte mit dem Fuß aus, um Eddie zu treten... und dann zerriß das Heulen einer Sirene die Stille des heißen Nachmittags. Henry hielt mitten in der Bewegung inne. Victor und Moose schauten sich unbehaglich um.

»Henry, ich glaube, wir sollten lieber verschwinden«, sagte Moose.

»Ich bin mir jedenfalls verdammt sicher, daß ich verschwinde«, sagte Victor - wie weit entfernt ihre Stimmen waren! Sie schienen zu schweben, wie die Ballons des Clowns. Victor drehte sich um und rannte in Richtung Bücherei, bog aber gleich darauf in den McCarron-Park ab, um von der Straße wegzukommen.

Henry zögerte einen Moment, und wieder ertönte die Sirene, diesmal schon näher. »Okay, kommt«, sagte er und rannte mit Moose Victor nach.

Patrick Hockstetter blieb noch stehen und beugte sich über Eddie. »Hier hab' ich noch ein kleines Extrageschenk für dich«, flüsterte er mit seiner tiefen, heiseren Stimme. Er zog scharf den Atem ein, und dann spuckte er di-

rekt in Eddies emporgewandtes verschwitztes und blutiges Gesicht. Platsch! »Iß nicht alles auf einmal, wenn du nicht willst«, zischte Patrick und verzog seine wulstigen Lippen zu einem breiten unheimlichen Grinsen. »Heb dir was für später auf.«

Dann rannte auch er davon.

Eddie versuchte, die Spucke mit seinem heilen Arm abzuwischen, aber sogar diese kleine Bewegung jagte eine neue heiße Schmerzwelle durch seinen Körper. Als du dich auf den Weg zum Drugstore gemacht hast, hättest du dir nicht träumen lassen, daß du etwas später mit gebrochenem Arm und mit Patricks Spucke im Gesicht auf dem Gehweg der Costello Avenue liegen würdest, was? Du bist nicht mal dazu gekommen, deine Cola zu trinken. Das Leben hält viele Überraschungen bereit, stimmt's?

Und unglaublicherweise lachte er wieder. Es war ein schwacher Laut, und das Lachen tat in seinem gebrochenen Arm weh, aber trotzdem tat es ihm gut. Und auch noch etwas anderes war bemerkenswert: kein Asthma. Er atmete ganz normal. Das war wirklich ein Glück, denn er hätte seinen Aspirator nicht aus der Tasche ziehen können. Auf gar keinen Fall.

Die Sirene heulte jetzt schon ganz in der Nähe. Eddie schloß die Augen und sah rot unter seinen Lidern. Dann fiel ein dunkler Schatten auf ihn. Es war der kleine Junge auf dem Dreirad.

»Geht's dir gut?« fragte der Kleine.

»Sehe ich so aus?« erwiderte Eddie.

»Du siehst schrecklich aus«, sagte der kleine Junge und trat in die Pedale, wobei er >The Farmer in the Dell< schmetterte.

Eddie begann zu kichern. Die Sirene war jetzt ganz nahe, und er hörte die quietschenden Reifen des Polizeiautos.

Warum in Gottes Namen kicherst du so?

Er wußte es nicht, und ebensowenig wußte er, warum er sich trotz der starken Schmerzen so erleichtert fühlte. War es vielleicht einfach deshalb, weil er noch am Leben war, weil er wußte, daß er nur einen gebrochenen Arm davongetragen hatte, daß man ihn wieder zusammenflicken konnte? Er kam zu dem Schluß, daß es so sein mußte, aber als er Jahre später in der Stadtbücherei von Derry saß, ein Glas Pflaumensaft mit Gin vor sich, erklärte er den Freunden, er glaube inzwischen, es sei noch etwas anderes gewesen; er sei damals alt genug gewesen, um dieses andere zu spüren, aber nicht alt genug, um es sich erklären zu können. Ich glaube, es war der erste wirkliche Schmerz, den ich je im Leben hatte, sagte er ihnen. Ich hatte mir Schmerz immer ganz anders vorgestellt. Er ließ mich als Person unversehrt. Ich glaube... herauszufinden, daß man trotz des Schmerzes weiterlebt, das verschaffte mir eine Art Vergleichsbasis.

Dann quietschten Bremsen. Er drehte den Kopf etwas nach rechts und sah große schwarze Firestone-Reifen, glänzende Radkappen aus Chrom und Blaulicht. Und dann hörte er Mr. Nells Stimme mit breitem irischen Akzent; sie klang mehr nach Richies Stimme-eines-irischen-Bullen als nach Mr. Nells richtiger Stimme... aber vielleicht lag das auch nur an der Entfernung:

»Du lieber Himmel, das ist der Kaspbrak-Junge!«

Dann wurde Eddie endlich ohnmächtig.

Er kam im Krankenwagen zu sich und sah, daß Mr. Nell ihm gegenüber saß, an seiner kleinen braunen Flasche nippte und einen Taschenbuchkrimi von Mickey Spillane mit dem Titel >I the ]ury< las. Eddies Blicke schweiften von Mr. Nell zum Fahrer des Wagens. Dieser drehte sich nach Eddie um; er hatte ein breites schlaues Grinsen im Gesicht, seine Haut war weiß geschminkt, seine Augen funkelten wie neue Münzen. Es war Pennywise.

»Mr. Nell«, flüsterte Eddie heiser.

Mr. Nell blickte lächelnd von seinem Buch auf. »Wie fühlst du dich, mein Junge?«

»... Fahrer... der Fahrer...«

»Ja, wir werden gleich da sein«, sagte Mr. Nell. »Trink mal 'nen Schluck. Es wird dir guttun.«

Eddie trank aus der braunen Flasche, die Mr. Nell ihm an den Mund hielt. Es schmeckte wie flüssiges Feuer. Er hustete, und sein Arm schmerzte davon. Er schaute nach vorne und sah, daß der Fahrer nur irgendein Mann mit Bürstenhaarschnitt war. Kein Clown.

Dann verlor er wieder das Bewußtsein.

Als er das nächste Mal zu sich kam, lag er in einem Notraum, und eine Krankenschwester wischte ihm mit einem kalten, nassen Tuch das Blut und den Schmutz vom Gesicht ab. Das brannte, aber gleichzeitig war es sehr angenehm. Er hörte seine Mutter draußen auf schreien und toben, und er wollte der Krankenschwester sagen, sie solle seine Mutter nicht hereinlassen, aber so sehr er es auch versuchte - er brachte keinen Laut heraus.

»... er stirbt, will ich wissen!« schrie seine Mutter. »Hören Sie mich? Es ist mein Recht, das zu erfahren, und es ist mein Recht, ihn zu sehen! Ich kann Sie gerichtlich belangen, hören Sie? Ich kenne Anwälte, jede Menge Anwälte. ..«

»Versuch nicht zu reden«, sagte die Krankenschwester. Sie war jung, und er spürte ihre Brüste an seinem Arm.

Er verlor wieder das Bewußtsein.

Und dann war seine Mutter im Zimmer und redete wie ein Maschinengewehr auf Dr. Handor ein. Rose Kaspbrak war eine sehr große, sehr dicke Frau. Ihre Beine unter dem geblümten Kleid waren elefantenartig. Ihr Gesicht war jetzt bleich, abgesehen von den hektischen roten Flecken, und ihre Tränen hatten ihr Make-up verschmiert.