»Ma«, brachte Eddie mühsam hervor, »... in Ordnung... ich bin ganz in Ordnung.«
»Das bist du nicht, das bist du nicht«, stöhnte Mrs. Kaspbrak. Sie rang ihre Hände, und Eddie hörte ihre Knöchel knacken. Er fühlte, wie seine Kehle sich zusammenzog, als er wieder zu ihr aufblickte und sah, in welchem Zustand sie war, wie seine neueste Eskapade sie getroffen und verletzt hatte. Er wollte ihr sagen, sie solle sich nicht so aufregen, sonst würde sie noch einen Herzinfarkt bekommen. Aber er konnte nichts mehr sagen. Seine Kehle war zu trocken. »Dir geht's überhaupt nicht gut, du hattest einen schweren Unfall, einen sehr schweren Unfall, aber es wird alles wieder gut, das verspreche ich dir, Eddie, es wird alles wieder in Ordnung kom-
men, und wenn wir dazu sämtliche Spezialisten herschaffen müssen, oh, Eddie... Eddie... dein armer Arm...«
Sie brach in lautes, schnaubendes Schluchzen aus. Eddie sah, daß die Krankenschwester, die ihm das Gesicht gewaschen hatte, seine Mutter ohne große Sympathie betrachtete.
Während dieser ganzen Arie hatte Dr. Handor immer wieder gestammelt: »Rose... bitte, Rose... Rose...« Er war ein kleines, mageres Männlein mit einem schütteren Schnurrbärtchen, das außerdem noch schief geschnitten und links länger als rechts war. Er sah sehr nervös aus. Eddie fiel ein, was Mr. Keene ihm vor kurzem erzählt hatte, und er verspürte ein gewisses Mitleid mit dem Arzt.
Schließlich raffte Dr. Handor sich aber doch zu der Bemerkung auf: »Wenn Sie sich nicht zusammennehmen können, müssen Sie gehen, Rose.«
Sie ging auf ihn los wie eine Furie, und er wich etwas zurück. »Das werde ich nicht tun! Sagen Sie so etwas nicht noch einmal! Das ist mein Sohn, der hier liegt und Qualen leidet! Mein Sohn!«
Eddie erstaunte alle dadurch, daß er plötzlich seine Stimme wiederfand. »Ich möchte, daß du gehst, Ma. Wenn es weh tun wird, möchte ich, das du gehst.«
Sie wandte sich ihm zu, überrascht... und verletzt. Beim Anblick ihres verletzten Gesichts spürte Eddie, wie seine Brust wieder unerträglich eng wurde. »Das werde ich nicht tun!« schrie sie. »Wie kannst du nur etwas so Schreckliches sagen, Eddie? Du bist nicht bei dir! Du weißt nicht, was du sagst, das ist die ein/ige Erklärung.« Sie sah die Krankenschwester wild an, die ihren Blick mit gerunzelter Stirn erwiderte. »Das ist die einzige Erklärung.«
»Ich weiß nicht, welche Erklärung es dafür gibt, und es ist mir auch völlig egal«, sagte die Krankenschwester. »Ich weiß nur, daß wir hier herumstehen und nichts tun, obwohl wir den Arm Ihres Sohnes schienen müßten.«
»Wollen Sie damit etwa sagen...«, begann Rose, und ihre Stimme wurde immer lauter und durchdringender, wie immer, wenn sie sich sehr aufregte oder ärgerte.
»Bitte, Rose«, sagte Dr. Handor. »Wir wollen doch jetzt nicht streiten. Wir sollten lieber Eddie helfen.«
Rose verstummte, aber in ihren wutentbrannten Augen - den Augen einer Bärenmutter, deren Junges bedroht wird - stand geschrieben, daß die Krankenschwester sich später noch auf etwas gefaßt machen konnte -vielleicht sogar auf eine Anzeige. Dann wandte sich ihre Aufmerksamkeit wieder Eddie zu, griff nach seiner unverletzten Hand und drückte sie so fest, daß er aufstöhnte.
»Es ist schlimm, aber bald wird es dir wieder gut gehen«, versicherte sie. »Es wird dir bald wieder gut gehen, das verspreche ich dir.«
»Klar, Ma«, japste Eddie. »Könnte ich meinen Aspirator haben?«
»Aber selbstverständlich«, sagte Rose Kaspbrak und warf der Krankenschwester einen triumphierenden Blick zu, so als wäre sie soeben von irgendeiner lächerlichen Anklage, ein Verbrechen begangen zu haben, freigesprochen worden. »Mein Sohn hat Asthma«, erklärte sie, »ziemlich schweres Asthma, aber er wird großartig damit fertig.«
»Oh«, sagte die Krankenschwester nur.
Seine Mutter hielt seinen Aspirator so, daß er inhalieren konnte. Gleich darauf tastete Dr. Handor Eddies gebrochenen Arm ab. Er ging dabei so behutsam wie irgend möglich vor, aber es tat trotzdem wahnsinnig weh. Eddie biß die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, weil er befürchtete, daß seine Mutter sonst auch schreien würde. Große Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn.
»Sie tun ihm weh!« rief Mrs. Kaspbrak. »Ich weiß das! Und es ist nicht notwendig! Hören Sie auf! Sie dürfen ihm nicht weh tun! Er ist sehr zart, er kann solche Schmerzen nicht ertragen!«
Eddie sah, wie die wütende Schwester und der erschöpfte, besorgte Arzt einen Blick tauschten. Er verstand ihre wortlose Unterhaltung: Schmeißen Sie diese Frau doch raus, Doktor. Und die hilflosen Augen des Arztes: Ich kann nicht. Ich traue mich nicht.
Der Schmerz verschaffte ihm große Klarsicht, und während der wortlosen Unterhaltung zwischen Arzt und Krankenschwester akzeptierte er alles, was Mr. Keene ihm gesagt hatte. Sein Aspirator war mit nichts anderem als Wasser gefüllt, dem etwas Kampfer zugefügt war. Das Asthma hatte seine Ursache nicht in seiner Kehle, in seiner Brust oder in seinen Lungen, sondern in seinem Kopf. Irgendwie würde er mit dieser Wahrheit fertig werden müssen.
Er betrachtete auch seine Mutter mit dieser Klarsicht; er sah jede einzelne Blume an ihrem Kleid, sah die Schweißringe unter ihren Achseln und ihre schiefgetretenen Schuhe. Er sah, wie klein ihre Augen zwischen den Fleischmassen waren, und plötzlich hatte er einen schrecklichen Gedanken: diese Augen waren fast raubvogelartig, wie die Augen des Aussätzigen, der aus dem Keller des Hauses Nr. 29 in der Neibolt Street herausgekrochen war. Hier komme ich, Eddie... es wird dir nichts nützen wegzurennen, Eddie...
Dr. Handor legte seine Hände behutsam um Eddies gebrochenen Arm und drückte zu. Der Schmerz durchzuckte ihn wie eine Flamme.
Er verlor wieder das Bewußtsein.
5
Sie. flößten ihm irgendeine Flüssigkeit ein, und Dr. Handor schiente den gebrochenen Arm. Verschwommen hörte er den Arzt seiner Mutter erklären, es sei ein glatter Bruch, nichts weiter Schlimmes. »Es ist ein Bruch, wie Kinder ihn sich oft zuziehen, wenn sie von einem Baum fallen«, sagte der Arzt, und seine Mutter erwiderte wütend: »Eddie klettert nie auf Bäume! Und jetzt will ich die Wahrheit wissen! Wie schlecht geht es ihm?«
Dr. Handor erwiderte etwas, aber dann gab die Krankenschwester Eddie eine Tablette. Er spürte wieder ihre Brüste an seiner Schulter und war dankbar für diese irgendwie tröstliche Berührung. Trotz seiner Benommenheit sah er, daß die Schwester verärgert war, und er glaubte zu sagen: Sie ist nicht
der Clown, bitte glauben Sie das nicht, sie frißt mich nur auf, weil sie mich liebt, aber vielleicht hatte er das auch nur gedacht, denn das ärgerliche Gesicht der Schwester veränderte sich nicht.
Er bekam undeutlich mit, daß er in einem Rollstuhl einen Korridor entlanggeschoben wurde, und irgendwo hinter sich hörte er die immer schwächer werdende Stimme seiner Mutter: »Was soll denn das heißen - Besuchs-zeitenl Erzählen Sie mir doch nicht so einen Blödsinn! Besuchszeiten! Er ist mein So/m!«
Er war froh, daß ihre Stimme immer schwächer wurde. Die Schmerzen waren verschwunden, und mit ihnen auch seine Klarsicht. Er wollte nicht nachdenken. Er wollte nur vor sich hindösen. Sein rechter Arm kam ihm sehr schwer vor. Er überlegte, ob sie ihn wohl schon eingegipst hatten, aber er konnte es nicht genau sehen. Er nahm undeutlich wahr, daß aus Krankenzimmern Radios zu hören waren, daß auf den breiten Korridoren Patienten herumliefen, die in ihren Krankenhauspyjamas wie Gespenster aussahen, und daß es heiß war... irrsinnig heiß. Als er in sein Zimmer gefahren wurde, konnte er die Sonne als grelle orangefarbene Blutkugel untergehen sehen, und er dachte zusammenhanglos: Wie ein großer dicker Clown-Kopf.