»Ja, ich habe sie weggeschickt«, sagte sie und stellte fest, daß ihre Stimme kräftig und energisch klang... solange sie ihn nicht ansah. »Du bist ernsthaft verletzt, Eddie. Du kannst im Augenblick außer deiner Mutter keine Besucher gebrauchen, und solche Besucher kannst du überhaupt nicht gebrauchen. Wenn sie nicht gewesen wären, würdest du jetzt zu Hause gemütlich vor dem Fernseher sitzen oder in der Garage an deiner Seifenkiste basteln.«
Es war Eddies Traum, eine schnelle Seifenkiste zu bauen, damit in Bangor das Seifenkistenrennen zu gewinnen und anschließend auch das in Akron, Ohio. Rose ermutigte ihn bei diesem Traum... solange sie sicher war, daß es eben nur ein Traum blieb. Selbstverständlich hatte sie nicht die Absicht, Eddie bei einem so gefährlichen Unternehmen sein Leben riskieren zu lassen, weder in Bangor noch in Akron. Allein schon der Gedanke, daß ihr Eddie mit einem Flugzeug nach Akron fliegen müßte - hoch über der Erde! - ließ sie schaudern.
»Meine Freunde haben mir nicht den Arm gebrochen«, sagte Eddie mit jener tonlosen Stimme. »Ich habe es Dr. Handor gestern abend erklärt, und heute morgen auch noch Mr. Nell, als er mich besuchte. Henry Bowers hat mir den Arm gebrochen. Einige andere Jungen waren dabei, aber getan hat es Henry. Es wäre nie passiert, wenn meine Freunde bei mir gewesen wären. Es ist nur passiert, weil ich allein war.«
Diese Bemerkung brachte Rose Mrs. Van Pratts Kommentar in Erinnerung, es sei sicherer, Freunde zu haben, und sie geriet sofort in Wut. Herausfordernd warf sie den Kopf zurück. »Das spielt überhaupt keine Rolle, das weißt du selbst genau! Was glaubst du denn, Eddie? Glaubst du, daß deine Mutter total bekloppt ist? Natürlich weiß ich, daß Bowers dir den Arm gebrochen hat, aber ich weiß auch, warum. Dieser irische Polizist ist auch bei mir gewesen. Bowers hat dir den Arm gebrochen, weil du und deine sogenannten Freunde euch irgendwie mit ihm angelegt habt. Na, glaubst du, daß das auch passiert wäre, wenn du auf mich gehört und diesen Umgang gemieden hättest?«
»Das oder etwas noch viel Schlimmeres«, erwiderte Eddie.
»Eddie, das meinst du doch nicht im Ernst?«
»O doch«, sagte er, und sie spürte die Kraft, die in Wellen von ihm ausging, die er ausströmte. »Bill und meine anderen Freunde werden wiederkommen, Ma. Das weiß ich. Und wenn sie kommen, wirst du kein Wort sagen. Sie werden mich besuchen, und du wirst kein Wort dagegen sagen. Sie sind meine Freunde, und ich lasse mir von dir nicht meine Freunde stehlen, nur weil du Angst hast, allein zu sein.«
Sie starrte ihn verblüfft und entsetzt an. In diesem Ton hatte Eddie noch nie im Leben mit ihr gesprochen, und sie hätte es auch nie für möglich gehalten, daß er es je tun würde. Hatte sie ihn nicht gelehrt, daß man seine Eltern ehren mußte?
Tränen traten ihr in die Augen, rollten über ihre Wangen und verschmierten den Puder. »So also redest du jetzt mit deiner Mutter«, schluchzte sie. »Vermutlich reden so deine sogenannten Freunde mit ihren Eltern. Und du hast es von ihnen gelernt.«
Ihre Tränen verliehen ihr Sicherheit. Wenn sie weinte, weinte normalerweise auch Eddie oder war zumindest den Tränen sehr nahe. Eine unfaire Waffe, würden manche Leute sagen, aber gab es so etwas wie unfaire Waffen überhaupt, wenn es darum ging, ihren Sohn zu beschützen? Sie war nicht dieser Meinung.
Sie blickte mit tränenüberströmtem Gesicht auf; sie fühlte sich traurig, beraubt und betrogen... aber gleichzeitig triumphierte sie bereits. Eddie würde eine solche Flut von Tränen und Leid nicht ertragen können. Jener kalte, scharfe Blick würde aus seinen Augen verschwinden. Vielleicht würde er anfangen zu keuchen und nach Luft zu schnappen, und das würde - wie immer - das Zeichen dafür sein, daß der Kampf vorüber war, daß sie wieder einen Sieg errungen hatte... natürlich zu seinem Besten. Immer nur zu seinem Besten.
Sie war so fassungslos, immer noch jenen Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen - womöglich hatte er sich noch verstärkt -, daß sie sogar im Schluchzen innehielt. In seinem Gesicht stand auch Kummer geschrieben, aber sogar das war beängstigend, denn es war irgendwie der Kummer eines Erwachsenen, und jeder Gedanke an Eddie als erwachsenen Menschen ließ in ihrem Kopf einen kleinen Vogel in wilder Panik herumflattern. Diesen Vogel, der in ihrem Kopf eingesperrt zu sein schien wie ein Spatz in einer Garage, spürte sie jedesmal, wenn sie sich fragte - was sie allerdings möglichst selten tat -, was aus ihr werden sollte, wenn Eddie größer wurde, wenn er sich weigerte, auf die University of Maine in Bangor zu gehen und jeden Abend nach Hause zu kommen, wenn er sich in ein Mädchen verlieben und heiraten würde. Wo ist dann der Platz für mich? schrie bei solchen Überlegungen jener zu Tode geängstigte Vogel in ihrem Kopf. Wo wäre mein Platz in einem solchen Leben? Ich liebe dich, Eddie! Ich liebe dich! Ich sorge für dich, und ich liebe dich! Du kannst nicht kochen, du kannst dein Bett nicht selbst frisch beziehen, du kannst deine Unterwäsche nicht selbst waschen: Ich liebe dich!
Er sagte es jetzt selbst auch: »Ich liebe dich, Ma. Aber ich liebe auch meine Freunde. Ich glaube... ich glaube, du bringst dich selbst zum Weinen.«
»Eddie, du tust mir so furchtbar weh!« flüsterte sie und begann wieder, wild zu schluchzen. Ein paar Tränen fielen auf sein blasses Gesicht, benetzten es. Und diesmal weinte sie nicht aus Berechnung. Auf ihre Weise war sie stark - sie hatte ihren Mann begraben, ohne zusammenzubrechen, sie hatte eine Stellung gefunden, obwohl der Arbeitsmarkt sehr ungünstig gewesen war, sie hatte ihren Sohn allein aufgezogen und, wenn nötig, für ihn gekämpft - und dies waren ihre ersten echten Tränen seit Jahren, nicht Tränen, die von ihr als Waffe eingesetzt wurden; Tränen dieser Art hatte sie nicht mehr vergossen, seit Eddie mit fünf Jahren Bronchitis gehabt hatte, und sie überzeugt davon gewesen war, daß er sterben würde. Sie weinte wegen dieses furchtbar erwachsenen, ihr so völlig fremden Gesichtsausdrucks. Sie hatte Angst um ihn, aber absurderweise hatte sie auch Angst vor ihm... sie hatte Angst vor jener Aura der Kraft, die ihn zu umgeben schien... die ihr etwas abzuverlangen schien.
»Zwing mich nicht, zwischen dir und meinen Freunden zu wählen, Ma«, sagte Eddie. Seine Stimme klang angespannt, aber immer noch fest. »Denn das ist nicht fair.«
»Es sind schlechte Freunde, Eddie!« schrie sie völlig außer sich. »Ich weiß das, ich spüre das mit jeder Faser meines Herzens. Sie werden dir nur Kummer und Schmerz bringen. Ich weiß es!« Und das Schlimmste war, daß sie tatsächlich dieses Gefühl hatte; sie hatte es intuitiv erfaßt, hatte es dem Den-brough-Jungen an den Augen abgelesen, diesem Jungen, der mit den Händen in den Hosentaschen vor ihr gestanden hatte, dessen rote Haare in der Sommersonne einer lodernden Flamme geglichen hatten. Seine Augen hatten einen so ernsten, sonderbar fernen Blick gehabt... genauso wie jetzt Eddies Augen. Und hatte nicht auch er jene merkwürdige Kraft ausgestrahlt, die jetzt von Eddie ausging? Nur in noch stärkerem Maße? Ja, das hatte er.
»Ma...«
Sie stand so abrupt auf, daß sie fast ihren Stuhl umgeworfen hätte. »Ich komme heute abend wieder«, sagte sie. »Es ist der Schock, der Unfall, die Schmerzen - all diese Dinge sind es, die dich so reden lassen. Ich weiß es. Du... du...« Sie suchte in ihrem verwirrten Gehirn nach Worten und fand sie in ihrer ursprünglichen Litanei, an die sie sich jetzt klammerte wie eine Ertrinkende an eine im Wasser treibende Schiffsplanke. »Du hast einen schlimmen Unfall gehabt, aber es wird dir bald wieder gut gehen. Und du wirst sehen, daß ich recht habe, Eddie. Es sind schlechte Freunde. Sie sind nicht unsresgleichen. Sie sind nichts für dich. Denk darüber nach und frag dich, ob deine Mutter dir je etwas Falsches gesagt hat. Denk darüber nach und... und...«