Ich laufe ja davon! dachte sie mit schmerzhaftem Schrecken. Ich laufe vor meinem eigenen Sohn davon! O Gott, bitte, das darfst Du nicht zulassen!
»Ma«, sagte er wieder.
Sie durchquerte dessen ungeachtet sein Zimmer in wilder Hast; sie hatte jetzt richtig Angst vor ihm; er war Eddie, aber er war zugleich mehr als das; sie spürte die anderen in ihm, seine >Freunde<, und noch etwas anderes, etwas, das hinter ihnen stand, und davor hatte sie Angst. Es war so, als hätte etwas von ihm Besitz ergriffen, so wie damals jene Bronchitis.
Die Hand auf der Türklinke, blieb sie doch noch stehen, obwohl sie nicht hören wollte, was er ihr vielleicht sagen würde... und als er es sagte, war es etwas so völlig Unerwartetes, daß sie es im ersten Moment gar nicht richtig verstand. Und als ihr dann zu Bewußtsein kam, was er gesagt hatte, war es so, als wäre ihr ein Sack Zement auf den Kopf gefallen, und sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe.
Eddies Worte waren: »Mr. Keene sagte, meine Asthmamedizin bestehe nur aus Wasser.«
»Was? Was?« Sie starrte ihn mit verwirrten, wütenden Augen an.
»Nur aus Wasser, dem irgendwas zugefügt ist, damit es nach Medizin schmeckt. Er sagte, es sei ein Pla-ce-bo.«
»Das ist eine Lüge! Warum sollte Mr. Keene dir so eine Lüge erzählen? Na ja, es gibt auch noch andere Drugstores in Derry! Ich vermute...«
»Ich hatte Zeit, darüber nachzudenken«, sagte Eddie leise und unerbittlich, ohne sie aus den Augen zu lassen, »und ich glaube, daß er mir die Wahrheit gesagt hat.«
»Eddie, ich sage dir, das hat er nichtl« Sie geriet wieder in Panik.
»Ich habe darüber nachgedacht«, fuhr Eddie fort. »Ich glaube, es ist die Wahrheit - sonst würde auf der Flasche nämlich irgendeine Warnung stehen, daß man sterben oder zumindest krank werden kann, wenn man das Zeug zu oft anwendet. Sogar...«
»Eddie, ich will das nicht hörenl« schrie sie und hielt sich die Ohren zu. »Du bist... du bist... du bist einfach nicht ganz bei dir, das ist es!«
»Sogar bei Sachen, die man so einfach kaufen kann, stehen besondere Gebrauchsanleitungen drauf«, fuhr er fort, ohne die Stimme zu heben. Er schaute ihr fest in die Augen, und sie war außerstande, ihren Blick abzuwenden. »Sogar wenn es nur Vicks Hustensirup ist... oder dein Geritol.«
Er schwieg einen Augenblick. Sie nahm die Hände von den Ohren; ihre Arme fühlten sich bleischwer an, und sie hatte das Gefühl, sie nicht länger hochhalten zu können.
»Und... und du mußt das die ganze Zeit über gewußt haben, Ma.«
»Eddie!« kreischte sie.
»Du weißt nämlich über Arzneimittel Bescheid«, fuhr er fort, ohne sie zu beachten - er runzelte jetzt vor Konzentration die Stirn - »und ich benutze diesen Aspirator fünf- oder auch sechsmal am Tag. Und das würdest du mir nie erlauben, wenn es mir... na ja, irgendwie schaden könnte. Also... hast du es gewußt, Ma? Hast du gewußt, daß es praktisch nur Wasser ist?«
Sie schwieg. Ihre Lippen zitterten. Sie hatte das Gefühl, als zitterte ihr ganzes Gesicht. Sie weinte nicht mehr. Zum Weinen war ihre Panik jetzt viel zu groß.
»Wenn du es nämlich gewußt hast«, sagte Eddie, immer noch mit gerunzelter Stirn, »wenn du es gewußt und mir nichts davon gesagt hast, so wüßte ich gern, warum. Ich kann mir manches erklären, aber nicht, warum meine Mutter mir weismachen will, daß Wasser Medizin ist oder daß ich hier Asthma habe« - er deutete auf seine Brust - »wenn ich es, wie Mr. Keene sagt, in Wirklichkeit nur hier oben habe.« Und er deutete auf seinen Kopf.
Sie dachte einen Moment lang, sie würde ihm nun alles erklären. Wie sie geglaubt hatte, daß er damals mit fünf Jahren sterben würde, als er so furchtbar gehustet und Fieber gehabt hatte, und daß sie in diesem Fall bestimmt wahnsinnig geworden wäre, nachdem sie erst zwei Jahre zuvor ihren Mann Frank verloren hatte. Wie sie dann begriffen hatte, daß man sein Kind nur durch Vorsicht und Liebe beschützen konnte, daß man ein Kind -ähnlich wie einen Garten - sorgfältig hegen mußte. Sie würde Eddie erklären, daß es für ein Kind - besonders für ein zartes Kind wie ihn - manchmal besser war zu glauben, er wäre krank, als wirklich krank zu werden. Und zuletzt würde sie ihm von den ungeheuer törichten Ärzten und von der wunderbaren Macht der Liebe erzählen; sie würde ihm sagen, sie wisse, daß er Asthma habe, ganz egal, was die Ärzte behaupteten oder ihm verschrieben; Medizin ließ sich auch anders herstellen als mit einem albernen Apothekermörser.
Eddie, würde sie sagen, es ist Medizin, weil die Liebe deiner Mutter es zu Medizin macht, und ich kann das vollbringen, solange du es willst und es mich tun läßt. Dies ist eine Macht, die Gott liebenden, aufopfernden Müttern verleiht. Bitte, du mußt mir glauben.
Doch dann schwieg sie doch einfach, weil ihre Angst zu groß war.
»Aber vielleicht müssen wir gar nicht darüber reden«, fuhr Eddie fort. »Vielleicht wollte Mr. Keene mich nur aufziehen. Erwachsene tun so etwas doch gern.«
»O ja«, stimmte Rose eifrig zu. »Sie machen gern dumme Scherze, und manchmal sind sie gemein... und bösartig... und... und...«
»Ich werde also nach Bill und meinen anderen Freunden Ausschau halten«, sagte Eddie, »und meine Asthmamedizin auch weiterhin nehmen. Das ist vermutlich am besten, glaubst du nicht auch?«
Sie erkannte erst jetzt, als es schon zu spät war, in welch geschickte -grausame! - Mausefalle er sie gelockt hatte. Was er da machte, war fast schon Erpressung, aber hatte sie noch eine Wahl? Sie wollte ihn fragen, wie er nur so berechnend, so manipulierend gegenüber seiner eigenen Mutter sein konnte. Sie öffnete schon den Mund, um es zu sagen... und dann schloß sie ihn wieder. Es wäre immerhin möglich, daß er ihr die gleiche Frage stellen würde.
Das einzige, was sie sicher wußte, war, daß sie in ihrem ganzen Leben nie, nie, nie wieder jemals einen Fuß in Mr. Keenes Drugstore setzen würde.
Seine auf einmal wieder sehr schüchterne Stimme unterbrach ihre Gedankengänge.
»Ma?«
Sie blickte auf und sah, daß er wieder Eddie war, nur Eddie und sonst niemand, und sie ging überglücklich zu ihm.
»Kann ich einen Kuß bekommen, Ma?«
Sie umarmte und küßte ihn, aber sehr vorsichtig, um nicht an seinen gebrochenen Arm zu stoßen und ihm weh zu tun (oder lose Knochensplitter in Gang zu setzen, die dann durch den Blutkreislauf in sein Herz gelangen würden - welche Mutter wollte schon ihren Sohn durch Liebe töten?), und auch Eddie umarmte und küßte sie.
Sie ging gerade noch rechtzeitig - Eddie hatte während der schrecklichen Auseinandersetzung mit ihr die ganze Zeit schon gespürt, wie sich sein Atem in seinen Lungen und in seiner Kehle bewegungslos staute und ihn zu vergiften drohte.
Er wartete, bis die Tür hinter ihr ins Schloß gefallen war, dann begann er zu keuchen und zu röcheln. Die verbrauchte, bittere Luft stieß in seiner engen Kehle auf und ab wie ein warmer Schürhaken. Er griff hastig nach seinem Aspirator, ohne auf die Schmerzen in seinem gebrochenen Arm zu achten, und inhalierte. Er atmete den Kampfergeschmack tief ein und dachte: Es spielt keine Rolle, daß es nur ein Pla-ce-bo ist, Worte spielen keine Rolle, wenn es mir nur hilft.