»W-Wer hätte dich gesehen?«
»Sie«, sagte Beverly. »Henry Bowers, Victor Criss, Belch Huggins und Patrick Hockstetter. Sie waren unten in der Müllhalde und...«
Zum großen Erstaunen der anderen beginnt sie plötzlich zu kichern wie ein kleines Mädchen. Ihre Wangen laufen rot an, und sie kichert so, daß ihr Tränen in die Augen treten.
»Verdammt, Bev, was ist los?« sagt Richie. »Wir wollen doch auch unseren Spaß haben,.«
»O ja, es war spaßig, echt komisch, aber ich glaube, sie hätten mich umgebracht, wenn sie mich entdeckt hätten.«
»Jetzt fällt's mir wieder ein!« ruft Ben und beginnt nun auch zu lachen. »Du host's uns damals erzählt!«
Immer noch kichernd, sagt Beverly: »Sie hatten ihre Hosen runtergelassen und zündeten Furze an.«
Einen Augenblick herrscht Schweigen - und dann hallt die Bücherei vom allgemeinen schallenden Gelächter wider.
Nachdem sie sich beruhigt haben, überlegt Beverly wieder, wie sie ihnen am besten von Patrick Hockstetters Tod erzählen soll, und als erstes fällt ihr diesmal ein, daß sie auf dem Weg von der Kansas Street zur Müllhalde immer den Eindruck hatte, als würde sie in einen seltsamen Asteroidengürtel eintreten. Ein ausgefahrener Lehmweg (er hatte sogar einen Namen - Old Lyme Street) war die einzige Straße, die in die Barrens führte - die Müllwagen benutzten sie. Beverly war an jenem Tag jedoch nicht die Old Lyme Street hinabgegangen; seit Eddies Armbruch war sie - wie auch alle anderen Klubmitglieder - noch vorsichtiger geworden, besonders wenn sie allein war.
Sie hatte sich lieber einen Weg durchs dichte Unterholz gebahnt, war dem hier wachsenden giftigen Efeu mit seinen öligen rötlichen Blättern ausgewichen, hatte die Schreie der Möwen gehört und den Gestank der Müllhalde deutlich wahrgenommen. Hin und wieder hatte sie links von sich durch das Laubwerk hindurch die Old Lyme Street sehen können.
Alle Blicke sind ihr zugewandt; alle warten gespannt auf ihre Erzählung. Sie will nach einer Zigarette greifen, aber ihre Schachtel ist leer. Wortlos gibt Richie ihr eine von seinen.
Sie zündet sie an, wirft einen Blick in die Runde und beginnt: »Sich der Müllhalde von der Kansas Street her zu nähern war ein bißchen so, als...
2
würde man in einen seltsamen Asteroidengürtel eintreten. Zuerst durchquerte man nur Unterholz, das auf dem sumpfigen Boden gedieh; dann erblickte man den ersten Müllhalden-Asteroiden: eine rostige Konservendose von Del-Monte-Pfirsichen oder eine Flasche, in der Insekten herumkrochen, die von den klebrigen Resten von Saft oder Bier angezogen wurden. Wenig später sah man ein Stück Alufolie, das in einem Baum hing, in der Sonne funkeln. Wenn man nicht aufpaßte, konnte man leicht über eine Sprungfeder stolpern oder auf einen abgenagten Knochen treten.
Das Dumme an der Müllhalde war, daß sie sich so ausdehnte. Sie hatte wirklich Ähnlichkeit mit jenem Planeten - Saturn, soviel sie wußte -, der von einem Asteroidengürtel umgeben war.
Sie hörte einen Schrei von der Müllhalde, gefolgt von Gelächter. Sie grinste. Also waren ihre Freunde wirklich da, nicht im Klubhaus, sondern auf der Müllhalde, wo sie vermutlich Flaschen mit Steinen zerschlugen.
Sie ging etwas schneller; ihr aufgeschlagenes Knie hatte sie ganz vergessen, in ihrer Vorfreude, gleich ihre Freunde wiederzusehen, ihn wiederzusehen, Bill mit seinen roten Haaren, die ihren eigenen so sehr glichen, Bill mit seinem seltsam anziehenden schiefen Lächeln. Sie wußte, daß sie eigentlich viel zu jung war, um einen Jungen zu lieben, aber sie liebte Bill. Und deshalb beschleunigte sie ihre Schritte.
Sie wäre um ein Haar in die Gruppe hineingerannt, bevor sie bemerkte, daß es gar nicht ihre Freunde, sondern Bowers und seine Kumpel waren.
Sie trat aus dem Gebüsch heraus, und etwa 70 Yards vor ihr lag die steilste Seite der Müllhalde; der Abhang der ehemaligen Kiesgrube war mit Müll und Abfällen aller Art geradezu übersät. Hendy Fazios Bulldozer stand etwas links von ihr, und direkt vor ihr gab es jede Menge Autowracks. Dahinter mußten die Jungen sein, am Rand der eigentlichen Müllgrube. Von dorther drangen die Stimmen und das Gelächter zu ihr.
Als Beverly hinter dem letzten Auto hervortrat, einem Studebaker mit fehlender Motorhaube, blieb ihr das fröhliche >Hallo< im Halse stecken, und ihr erster verwirrter Gedanke war: O mein Gott, warum sind sie denn alle nackt?
Dann erst erkannte sie die Jungen und blieb wie angewurzelt stehen. Sie kauerten im Kreis, und wenn einer von ihnen in diesem Moment aufgeschaut hätte, bevor Bev in Deckung ging, hätte er sie sofort erblickt - ein mittelgroßes Mädchen mit Rollschuhen über der Schulter, mit blutigem Knie, weit offenem Mund und hochroten Wangen.
Bevor Bev hinter das Wrack des Studebakers in Deckung ging, registrierte sie noch, daß die Jungen doch nicht nackt waren; sie hatten Hemden an, und nur ihre Hosen und Unterhosen hatten sie heruntergelassen.
Bevs erster Gedanke war, möglichst rasch wieder von hier zu verschwinden. Sie hatte rasendes Herzklopfen. Aber als sie sich umschaute, fiel ihr etwas auf, worauf sie vorhin - als sie geglaubt hatte, hier ihre Freunde zu finden - überhaupt nicht geachtet hatte: Die Autowracks standen nicht etwa dicht gedrängt, sondern in ziemlich großen Abständen; und es war durchaus möglich, daß sie beim Rückzug nicht so viel Glück haben würde wie eben - daß die Jungen sie sehen würden.
Außerdem wurde sie auch von einer mit Scham vermischten Neugierde geplagt: Was in aller Welt mochten sie dort treiben?
Vorsichtig spähte sie um den Studebaker herum.
In der Nähe der Jungen lagen unordentlich auf dem Boden verstreut Hefte und Bücher herum - Schulbücher. Sie mußten also gerade aus der Sommerschule gekommen sein, die von den meisten Kindern als >Dum-menschule< oder >Hilfsschule< bezeichnet wurde. Und während Belch und Patrick ihr den Rücken zuwandten, hockten Henry und Victor mit dem Gesicht in ihre Richtung da, und sie konnte ihre Dinger sehen. Es waren die ersten Dinger, die sie in ihrem Leben sah, abgesehen von Bildern in einem schmutzigen Büchlein, die Brenda Arrowsmith ihr im Vorjahr einmal gezeigt hatte, auf denen man aber nicht viel erkennen konnte. Diese Dinger hingen den Jungen zwischen den Beinen herab; Henrys war klein und unbehaart, aber Victors Zipfel war ziemlich groß und von schwarzen Haaren umgeben.
Bill hat auch so ein Ding, dachte sie, und mit einemmal schien ihr ganzer Körper zu glühen - ihr wurde ganz schwach und schwindlig von dieser Hitzewelle, und sie hatte ein komisches Zwicken im Magen. In diesem Augenblick machte sie Bekanntschaft mit einem Gefühl ähnlich jenem, das Ben am letzten Schultag gehabt hatte, als er ihr Fußkettchen in der Sonne funkeln sah... nur war ihres mit einer Art Schrecken vermischt.
Sie warf wieder einen Blick nach hinten, und nun kam ihr die Strecke zwischen den Autowracks bis zum schützenden Gebüsch noch viel weiter vor. Sie hatte Angst, sich zu bewegen. Wenn die Jungen wüßten, daß sie ihre
Dinger gesehen hatte, würden sie sie vielleicht wirklich umbringen - sie umbringen oder ihr etwas anderes antun. Sie wußte nicht genau, was dieses andere war, aber sie assoziierte es irgendwie mit den Geräuschen, die sie oft aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern hörte.
Belch Huggins schrie plötzlich auf. Bev zuckte zusammen, und dann hörte sie Henry brüllen: »Drei Fuß! Ungelogen, Belch! Es waren drei Fuß! Stimmt's, Vic?«