Das sind seine Eier, dachte Beverly. Müssen Jungs ständig damit rumlaufen? Mein Gott! Mich würde das verrückt machen!
Henry starrte wie hypnotisiert auf Patricks Hand. Sein Feuerzeug lag neben ihm im Kies und reflektierte die Sonnenstrahlen.
»Willst du, daß ich's in den Mund nehme?« fragte Patrick. Seine wulstigen Lippen verzogen sich zu einem selbstgefälligen Grinsen.
»Häh?« fragte Henry, als wäre er abrupt aus tiefem Schlaf gerissen worden.
»Ich werd's in den Mund nehmen und daran saugen, wenn du willst. Es macht mir nichts au...«
Henrys Hand schoß plötzlich vor, nicht ganz zur Faust geballt. Patrick flog zu Boden, und sein Kopf schlug auf dem Kies auf. Beverly duckte sich rasch wieder; ihr Herz hämmerte in der Brust und sie mußte fest die Zähne zusammenbeißen, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Nachdem er Patrick niedergeschlagen hatte, hatte Henry den Kopf gedreht, und Bev hatte den Eindruck gehabt, als hätten sich seine und ihre Blicke für den Bruchteil einer Sekunde getroffen, bevor sie wieder untertauchte.
Bitte, lieber Gott, mach, daß die Sonne ihn geblendet hat, betete sie. Bitte, lieber Gott, laß ihn mich nicht gesehen haben. Es tut mir leid, daß ich hingeschaut habe. Bitte, lieber Gott, bitte.
Dann hörte sie Henrys Stimme und stellte mit wachsendem Entsetzen fest, daß er näher gekommen sein mußte. »Ich mache mir nichts aus solchem Quatsch.«
Aus weiterer Entfernung ertönte Patricks Antwort: »Es hat dir gefallen.« »Es hat mir nicht gefallen!« schrie Henry. »Und wenn du jemandem erzählst, es hätte mir Spaß gemacht, dann bring' ich dich um, du verfluchte kleine Drecksau!«
»Du hast 'nen Steifen bekommen«, sagte Patrick, und es hörte sich so an, als würde er lächeln. Das hätte Beverly gar nicht überrascht. Sie selbst hatte zwar Angst vor Henry, aber Patrick war verrückt - und Verrückte fürchten sich vor nichts. »Ich hab's genau gesehen.«
Knirschende Schritte auf dem Kies - sie kamen immer näher. Beverly blickte hoch; ihr Gesicht war bleich und verschwitzt und angstverzerrt, die Augen weit aufgerissen. Durch die Windschutzscheibe konnte sie jetzt Henrys Hinterkopf sehen. Noch schaute er in Patricks Richtung, aber wenn er sich umdrehte...
»Wenn du jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen verrätst, erzähl' ich überall herum, daß du ein verdammter Schwanzlutscher bist, und dann bring' ich dich um«, drohte Henry.
»Du kannst mir keine Angst einjagen, Henry«, kicherte Patrick. »Aber vielleicht halt' ich den Mund - wenn du mir 'nen Dollar gibst.«
Henry trat unruhig von einem Bein aufs andere und drehte sich etwas um; jetzt konnte Beverly ein Viertel seines Profils sehen.
Bitte, lieber Gott, bitte! betete sie inbrünstig, und plötzlich verspürte sie das dringende Bedürfnis, Wasser zu lassen.
»Wenn du was sagst«, hörte sie Henrys leise, aber überdeutliche und scharfe Stimme, »dann erzähl' ich, was du mit den Katzen und Hunden machst! Ich erzähl' ihnen von dem Kühlschrank. Und weißt du, was dann passiert, Hockstetter? Dann stecken sie dich in die Klapsmühle, darauf kannst du dich verlassen! Denk also daran, was ich gesagt habe! Und wenn du dich je wieder in meiner Nähe sehen läßt, schlag' ich dir die Fresse ein!«
Patrick schwieg jetzt.
Plötzlich drehte sich Henry vollends um. Beverly sah ihn neben dem Fahrersitz des Fords vorbeigehen. Wenn er auch nur etwas nach links geschaut hätte, hätte er sie unweigerlich gesehen. Aber er wandte den Kopf nicht nach links. Einen Augenblick später hörte sie, wie er sich auf demselben Weg, den auch Victor und Belch eingeschlagen hatten, entfernte.
Jetzt war nur noch Patrick übrig.
Beverly wartete, aber nichts geschah. Fünf Minuten verstrichen. Es war ein unangenehmes Gefühl, nicht genau zu wissen, wo Patrick war.
Sie spähte wieder durch die Windschutzscheibe und sah, daß Patrick neben seinen Schulbüchern saß. Victor, Henry und Belch hatten ihre Bücher mitgenommen, aber sein Feuerzeug hatte Henry vergessen. Patrick saß auf dem mit Abfällen übersäten Kies; seine Hose und Unterhose hingen immer noch um seine Knöchel herum, und er spielte hingebungsvoll mit dem Feuerzeug, knipste es immer wieder an und aus. Er schien wie hypnotisiert zu sein. Ein dünnes Blutrinnsal lief ihm aus dem Mundwinkel übers Kinn, und seine Lippen schwollen auf der rechten Seite an. Patrick schien das überhaupt nicht zu bemerken, und wieder fühlte sich Beverly von ihm furchtbar abgestoßen. Patrick war verrückt, das stand fest, und sie hatte noch nie im Leben so stark den Wunsch gehabt, von jemandem wegzukommen.
Sie kroch rückwärts aus dem Ford heraus, schlich hinter den Wagen und rannte geduckt den Weg zurück, den sie gekommen war. Erst im Schutz der Fichten riskierte sie einen Blick zurück. Niemand war zu sehen. Die Müllhalde und die Autowracks brüteten in der Sonne. Sie entspannte sich erleichtert, aber gleich darauf machte ihre Blase sich wieder schmerzhaft bemerkbar, und sie eilte ein Stück weit den Pfad entlang, schlug sich dann in die Büsche und öffnete schon unterwegs den Reißverschluß ihrer Shorts. Nach einem raschen Blick, ob hier kein giftiger Efeu wuchs, kauerte sie sich nieder und hielt sich dabei am Stamm eines kräftigen Busches fest.
Sie zog gerade wieder ihre Shorts hoch, als sie Schritte hörte, die sich von ,der Müllhalde her näherten. Zwischen den Büschen hindurch sah sie blauen Jeansstoff und die verwaschenen Karos eines Schulhemdes auftauchen. Es war Patrick Hockstetter. Sie setzte sich hin, um abzuwarten, bis er in Richtung Kansas Street verschwunden sein würde.
Aber Patrick ging nicht vorbei. Statt dessen blieb er auf dem Pfad stehen, fast direkt ihr gegenüber. Er betrachtete den rostigen ausrangierten Kühlschrank, der an der Rottanne auf der anderen Seite des Pfades lehnte. Dann begann er sich summend hin und her zu wiegen, und bei diesem Anblick überlief es Bev wieder kalt. Er glich einer Gestalt aus einem Horrorfilm, die versuchte, mit Beschwörungen eine Leiche aus einer Krypta herauszulok-ken.
Was treibt er da nur? Wenn Beverly das gewußt hätte, oder wenn sie gewußt hätte, was passieren würde, sobald Patrick sein privates Ritual beendet hatte und die rostige Tür des alten Kühlschranks öffnete, dann wäre sie weggerannt, so schnell sie nur konnte.
5
Niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, wie verrückt Patrick Hockstetter war. Er war zwölf Jahre alt, der Sohn eines Farbenverkäufers. Seine Mutter, eine fromme Katholikin, starb 1962 an Brustkrebs, vier Jahre, nachdem Patrick in der düsteren Unterwelt Derrys verschwunden war. Obwohl sein IQ zwar niedrig war, aber noch als normal eingestuft wurde, hatte Patrick schon zwei Klassen - die erste und die dritte - wiederholt, und in diesem Jahr besuchte er die Sommerschule, um nicht auch die fünfte wiederholen zu müssen. Seine Lehrer hielten ihn für einen apathischen Schüler (das schrieben sie auch auf seine Zeugnisse) und für einen ziemlich unheimlichen noch dazu (das stand allerdings nicht auf jenen sechs Zeilen, die für Bemerkungen des lehrers vorgesehen waren). Wäre Patrick Hockstetter zehn Jahre später geboren worden, so hätte ein Schulberater vielleicht bemerkt, daß er nicht normal war; möglicherweise wäre er zu einem Kinderpsychologen geschickt worden, und dieser hätte vermutlich die finsteren, beängstigenden Abgründe hinter diesem glatten, blassen Mondgesicht entdeckt (vielleicht aber auch nicht, denn Patrick war weitaus schlauer als sein niedriger IQ vermuten ließ).