Selbst in frühester Kindheit hatte er andere Menschen nicht für >real< gehalten. Er glaubte, nur er selbst existiere tatsächlich. Das Bewußtsein, anderen Lebewesen Schmerzen zuzufügen, ging ihm völlig ab, und auch sein eigenes Schmerzempfinden war sehr unterentwickelt (die Teilnahmslosigkeit, mit der er Henrys Schlag auf den Mund hingenommen hatte, war ein Beweis dafür). Die Realität außerhalb seiner eigenen Person war für ihn völ-
Hg bedeutungslos; die Bedeutung von >Regeln< und > Vorschriften begriff er allerdings durchaus. Und obwohl alle seine Lehrer ihn für einen höchst eigenartigen Jungen hielten (sowohl Mrs. Douglas als auch Mrs. Weems, die Patrick in der dritten Klasse unterrichtet hatte, wußten von dem Bleistiftkasten voller Fliegen; aber trotz gewisser Schlußfolgerungen, die sie daraus zogen, hatten sie mit den übrigen 20 bis 28 Schülern genügend andere Probleme), so bereitete er ihnen doch kaum Schwierigkeiten, was die Disziplin betraf. Er brachte es fertig, bei Klassenarbeiten ein völlig leeres Blatt abzugeben - oder ein leeres Blatt, das nur mit einem großen Fragezeichen geschmückt war -, und Mrs. Douglas wußte, daß man ihn möglichst von Mädchen fernhalten mußte, weil er seine Hände nicht bei sich behalten konnte. Aber er war sehr still, so still, daß man ihn manchmal für eine Lehmfigur hätte halten können. Es war leicht, den stillen Patrick einfach zu ignorieren, wenn man mit Jungen wie Henry Bowers und Victor Criss fertig werden mußte, die frech und aufsässig waren, das Milchgeld anderer Kinder stahlen oder absichtlich ihre Schulbücher zerrissen; oder wenn man es mit Mädchen wie der armen Edwina Taylor zu tun hatte, einer Epileptikerin, deren Gehirnzellen nur sporadisch arbeiteten, und die daran gehindert werden mußte, auf dem Spielplatz ihr Kleid hochzuziehen und ihr neues Unterhöschen vorzuführen. Kurz gesagt - die Grundschule von Derry war ein typisches Beispiel für den komplizierten Erziehungszirkus, einen Zirkus mit so vielen Arenen, daß vielleicht sogar Pennywise in höchsteigener Person nicht aufgefallen wäre. Und natürlich vermutete keiner von Patricks Lehrern auch nur im Traum, daß er im Alter von fünf Jahren sein kleines Brüderchen Adrian ermordet hatte.
Es hatte Patrick gar nicht gefallen, als seine Mutter mit Adrian aus dem Krankenhaus zurückgekommen war. Es war ihm egal, ob seine Eltern zwei Kinder hatten, fünf oder fünf Dutzend, solange dadurch sein eigenes Leben keine Veränderung erfuhr. Aber er stellte fest, daß das in hohem Maße der Fall war ..Das Essen kam zu spät auf den Tisch. Das Baby schrie nachts und weckte ihn auf. Wenn er versuche, die Aufmerksamkeit seiner Eltern auf sich zu lenken, gelang es ihm oft nicht. Er hatte das Gefühl, als beschäftigten sie sich nur noch mit dem Baby. Patrick bekam es mit der Angst zu tun, was bei ihm sehr selten war. Aber ihm kam zu Bewußtsein, daß - wenn seine Eltern ihn, Patrick, aus dem Krankenhaus mit nach Hause gebracht hatten und er >real< war- Adrian vielleicht auch >real< sein könnte. Und das könnte sogar dazu führen, daß seine Eltern beschließen würden, ihn, Patrick, ganz loszuwerden, sobald Adrian gehen und sprechen, seinem Vater die >Derry News< von der Treppe holen und seiner Mutter beim Brotbacken die Schüsseln reichen konnte. Er befürchtete nicht, daß seine Eltern Adrian mehr liebten als ihn; das stand für ihn ohnehin fest, aber es machte ihm nicht viel aus. Wovor er Angst hatte, war die Möglichkeit, daß sie ihn Adrian zuliebe ganz hinauswerfen würden.
Eines Nachmittags gegen halb drei, kurz nachdem er mit dem Schulbus vom Kindergarten zurückgekommen war, ging er in Adrians Zimmer. Es war Januar. Draußen schneite es, und ein heftiger Wind fegte über den McCarron-Park und rüttelte an den vereisten Fenstern im ersten Stock. Patricks Mutter war in ihrem Schlafzimmer eingeschlafen; Adrian war in der
Nacht sehr unruhig gewesen. Sein Vater war bei der Arbeit. Adrian schlief auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gewandt.
Mit völlig ausdruckslosem Mondgesicht drehte Patrick Adrians Kopf so, daß das Gesicht direkt ins Kissen gepreßt wurde. Adrian gab einen schnüffelnden Laut von sich und drehte den Kopf wieder zur Seite. Patrick beobachtete das und dachte darüber nach, während der Schnee an seinen gelben Stiefeln schmolz und auf dem Boden eine Pfütze bildete. Nach etwa fünf Minuten drückte er Adrians Gesicht wieder ins Kissen und hielt dabei seinen Kopf fest. Das Baby bewegte sich unter seiner Hand, sträubte sich aber nur schwach. Patrick ließ es los. Adrian drehte den Kopf wieder zur Seite, schnaufte ein wenig, stieß einen leisen Schrei aus und schlief weiter. Der Wind heulte und rüttelte an den Fenstern. Patrick lauschte, ob seine Mutter von dem Schrei aufgewacht war. Das war aber nicht der Fall.
Nun überkam Patrick eine wahnsinnige Erregung. Zum erstenmal in seinem Leben schien die Welt völlig klare Konturen anzunehmen. Seine emotionalen Kräfte waren sehr unterentwickelt, aber in diesen wenigen Augenblicken fühlte er sich wie ein völlig Farbenblinder, den irgendeine Spritze plötzlich in die Lage versetzen würde, für kurze Zeit Farben wahrzunehmen ... oder wie ein Drogensüchtiger zu Beginn seines Rauschzustands. Es war für Patrick eine ganz neue Erfahrung. Er hatte nicht gewußt, daß es so etwas gab.
Sehr behutsam preßte er Adrians Gesicht wieder ins Kissen. Als das Baby diesmal anfing, sich zu sträuben, ließ er nicht los, sondern drückte noch fester zu. Es weinte jetzt ins Kissen hinein, und Patrick wußte, daß es wach war. Er hatte die vage Idee, daß es ihn vielleicht bei seiner Mutter verpetzen könnte. Er hielt es fest. Das Baby zappelte, um sich zu befreien. Patrick ließ nicht los. Adrians Bewegungen wurden immer schwächer und hörten schließlich ganz auf. Patrick preßte sein Gesicht noch weitere fünf Minuten ins Kissen, bis sein Erregung langsam abflaute, bis die Welt wieder grau wurde.
Er ging nach unten, goß sich ein Glas Milch ein und aß dazu Kekse. Eine halbe Stunde später kam seine Mutter herunter und sagte, sie habe ihn nicht einmal nach Hause kommen hören, so müde sei sie gewesen. Das wirst du von nun an nicht mehr sein, Mom, dachte Patrick. Ich habe diese Sache in die Hand genommen. Sie setzte sich zu ihm, aß einen Keks und fragte ihn, wie es im Kindergarten gewesen sei. Er zeigte ihr seine Zeichnung von einem Haus und einem Baum. Das Papier war mit braunem und schwarzem Farbstift sinnlos bekritzelt. Seine Mutter sagte, es sei sehr hübsch. Patrick brachte jeden Tag solche braunschwarzen Kritzeleien - wilde, ineinander verschlungene Kreise und Spiralen - mit nach Hause. Manchmal sollten sie einen Truthahn darstellen, manchmal einen Weihnachtsbaum, manchmal einen Jungen. Seine Mutter sagte immer, die Zeichnung sei sehr schön... obwohl sie sich manchmal im tiefsten Innern ernste Sorgen machte. Diese großen wilden braunschwarzen Spiralen hatten in ihrer düsteren Eintönigkeit etwas Beunruhigendes an sich.
Sie entdeckte Adrians Tod erst kurz vor fünf; bis dahin hatte sie geglaubt, er schlafe einfach besonders lang. Um diese Zeit schaute Patrick sich im Fernsehen >Crusader Rabbü< an, und er blieb während des ganzen folgenden
Aufruhrs vor dem Fernseher sitzen. Der Arzt glaubte, Patrick hätte einen schweren Schock erlitten, und gab ihm eine Tablette, die er willig schluckte.
Als Todesursache wurde Ersticken im Schlaf festgestellt. Jahre später wären vielleicht Fragen aufgetaucht, hätte man vielleicht gewisse Abweichungen vom üblichen Kleinkindertod durch Ersticken bemerkt. Aber 1951 wurde einfach der Tod festgestellt und das Baby begraben. Patrick war heilfroh, daß das Essen wieder pünktlich auf den Tisch kam, nachdem der ganze Rummel erst einmal vorüber war.
An jenem schrecklichen Nachmittag und Abend kam nur Patricks Vater der Wahrheit sehr nahe. Etwa zwanzig Minuten, nachdem die Leiche weggebracht worden war, stand er vor der leeren Wiege und konnte immer noch nicht fassen, was passiert war. Zufällig sah er auf dem Holzboden zwei Fußspuren - die Spuren des geschmolzenen Schnees von Patricks gelben Gummistiefeln. Er starrte sie an, und ein fürchterlicher Gedanke schoß ihm durch den Kopf. Er preßte sich eine Hand auf den Mund, und seine Augen wurden riesengroß. In seinem Gehirn begann sich ein Bild zu formen. Aber noch bevor es klare Konturen annehmen konnte, schob er es energisch beiseite, verließ das Zimmer und schlug hinter sich die Tür so heftig zu, daß der obere Rahmen zersplitterte.