Er stellte Patrick niemals irgendwelche Fragen.
Patrick hatte so etwas nie wieder getan - einfach weil er nie mehr eine Gelegenheit dazu gehabt hatte. Er hatte keine Schuldgefühle, keine schlechten Träume. Mit der Zeit wurde ihm allerdings bewußt, was passiert wäre, wenn man ihn erwischt hätte. Dabei spielte es keine Rolle, daß eigentlich nur er selbst >real< war; es konnte trotzdem unangenehme Folgen haben, wenn man die Regeln nicht beachtete... oder jedenfalls dann, wenn man sich dabei erwischen ließ. Man konnte eingesperrt werden oder auf dem elektrischen Stuhl landen.
Aber jener Erregungszustand - jenes überwältigende Gefühl von Farbigkeit und Realität - war einfach zu herrlich und zu übermächtig, als daß er ganz darauf verzichten konnte. Patrick tötete Fliegen. Zuerst erledigte er sie nur mit der Fliegenklatsche seiner Mutter; später stellte er fest, daß sein Plastiklineal sich ausgezeichnet dafür eignete. Er liebte es, die toten Fliegen aufzubewahren. Er entdeckte auch die Freuden von Fliegenpapier. Ein solcher langer klebriger Streifen kostete im Fairmount Market nur zwei Cent, und manchmal stand Patrick bis zu zwei Stunden in der Garage und sah zu, wie die Fliegen am Papier klebten und zappelten. Sein Mund war dabei etwas geöffnet, seine normalerweise trüben Augen leuchteten vor Erregung, und Schweiß lief ihm über das runde Gesicht. Er tötete auch Käfer. Manchmal stahl er eine lange Nadel aus dem Nähkasten seiner Mutter, spießte damit einen Käfer auf und beobachtete, wie er starb. Sein Gesichtsausdruck glich bei solchen Gelegenheiten dem eines Jungen, der ein besonders gutes, spannendes Buch liest. Einmal hatte er im Rinnstein der Lower Main Street eine überfahrene Katze entdeckt und sich danebengesetzt, bis eine alte Frau, die ihren Gehweg fegte, gesehen hatte, wie er das sterbende Tier mit den Füßen herumstieß. Die Frau hatte ihm mit ihrem Besen eins übergezogen und geschrien: Mach, daß du hier wegkommst! Bist du denn total verrückt? Patrick war nach Hause gegangen. Er war nicht böse auf die Alte gewesen. Er hatte sich beim Übertreten der Regeln erwischen lassen, das war alles.
Dann, Ende letzten Jahres (es hätte keines der Mitglieder des Klubs der Verlierer sich gewundert, daß es am selben Tag gewesen war, an dem George Denbrough ermordet wurde), hatte Patrick den rostigen Kühlschrank entdeckt, der auf dem Weg zur Müllhalde an der großen Rottanne lehnte.
In der Schule waren die Kinder davor gewarnt worden, in solche ausrangierten Gegenstände zu kriechen - etwa beim Versteckspielen -, weil die Tür zufallen könnte und sie dann ersticken würden. Patrick hatte lange vor dem Kühlschrank gestanden und mit den Münzen in seinen Hosentaschen gespielt. Ihn hatte wieder jene Erregung befallen, so stark, wie er sie seit Adrians Beseitigung nicht mehr verspürt hatte. Denn in den kalten, aber aufgewühlten Untiefen seines Gehirns hatte er plötzlich eine Idee gehabt.
Eine Woche später vermißten die Luces, die drei Häuser von den Hock-stetters entfernt wohnten, ihren Kater Bobby. Die Kinder der Luces suchten stundenlang in der ganzen Nachbarschaft nach ihm und gaben sogar in den >Derry News< von ihrem Taschengeld eine Suchanzeige auf. Es kam nichts dabei heraus. Und selbst wenn eines der Kinder Patrick an jenem Tag mit einem großen Pappkarton unter dem Arm gesehen hätte, so hätten sie darin keinen Zusammenhang mit dem Verschwinden ihres Katers vermutet.
Die Engstroms, deren Hinterhof an den von Hockstetters stieß, vermißten zehn Tage vor Thanksgiving ihren Cockerspanielwelpen. In den nächsten sechs bis acht Monaten verschwanden auch noch bei zahlreichen anderen Familien in der näheren Umgebung Hunde und Katzen, und natürlich hatte Patrick sie alle gefangen und dazu noch fast ein Dutzend aus dem Stadtviertel Hell's Half-Acre.
Er schloß die Tiere jeweils in den rostigen alten Kühlschrank in den Barrens ein. Jedesmal, wenn er wieder eins bei sich hatte und sich erregt der Müllhalde näherte, befürchtete er, daß Hendy Fazio die Klinke des Kühlschranks abmontiert oder mit seinem Schmiedehammer die Scharniere abgeschlagen haben könnte. Aber Hendy rührte den alten Kühlschrank nie an. Vielleicht bemerkte er ihn einfach nicht, vielleicht hielt Patrick ihn durch seine Willenskraft fern... oder es war eine andere Macht mit im Spiel.
Engstroms Cockerspaniel hielt am längsten durch. Trotz der grimmigen Kälte (kurz nach der Überschwemmung war es in jenem Herbst bitterkalt geworden) lebte er auch am dritten Tag noch, obwohl von seiner ursprünglichen Lebhaftigkeit nichts mehr übrig war (als Patrick ihn aus dem Karton geholt und in den Kühlschrank gesteckt hatte, hatte er mit dem Schwanz gewedelt und dem Jungen die Hände geleckt). Als Patrick am ersten Tag, nachdem er den Hund eingesperrt hatte, die Kühlschranktür etwas geöffnet hatte, war ihm der Spaniel entwischt, und er hatte ihn erst kurz vor der Müllhalde an einem Hinterbein packen können. Der Hund hatte mit seinen schürfen Zähnen nach ihm geschnappt, aber Patrick hatte ihn trotzdem zum Kühlschrank getragen und wieder eingeschlossen. Dabei hatte er -was ihm bei solchen Gelegenheiten häufig passierte - einen Steifen bekommen.
Am nächsten Tag hatte der Spaniel wieder versucht zu entkommen, aber seine Bewegungen waren schon zu langsam gewesen. Patrick hatte die Kühlschranktür vor seiner Nase zugeschlagen und sich dagegen gelehnt. Der Hund hatte an der Tür gekratzt und gewinselt. Mit geschlossenen Augen, vor Erregung schnaufend, hatte Patrick gemurmelt: »Braver Hund. Braver Hund.« Am dritten Tag hatte der Spaniel, als Patrick die Tür öffnete, nur noch mit den Augen gerollt und ganz flach geatmet. Und am vierten Tag war er tot dagelegen, mit gefrorenem Schaum vor dem Maul. Der Anblick hatte Patrick an Kokosnußflocken erinnert, und er hatte laut gelacht, während er den gefrorenen Kadaver in die Büsche warf.
In diesem Sommer war seine Ausbeute an Opfern ziemlich mager gewesen. Sein Selbsterhaltungstrieb war gut entwickelt, und er hatte eine ausgezeichnete Intuition. Er spürte, daß er verdächtigt wurde, obgleich er nicht sicher war, von wem. Von Mr. Engstrom? Vielleicht. Mr. Engstrom hatte sich eines Tages im Supermarkt nach ihm umgedreht und ihm einen langen, forschenden Blick zugeworfen. Oder von Mrs. Josephs, die manchmal mit einem Fernglas an ihrem Wohnzimmerfenster saß und von Mrs. Hockstetter als >Klatschbase< bezeichnet wurde? Oder von jemand anderem? Patrick war sich nicht sicher, aber er wußte intuitiv, daß er verdächtigt wurde, und er vertraute dieser Intuition. Er hatte ein paar streunende, mager oder krank aussehende Tiere aus der armseligen Siedlung Half-Acre mitgenommen, aber das war auch schon alles gewesen.
Er mußte jedoch feststellen, daß der Kühlschrank in der Nähe der Müllhalde ihn gewaltig in seinen Bann gezogen hatte. Er begann ihn im Unterricht zu zeichnen, wenn er sich langweilte. Manchmal träumte er nachts davon, und in seinen Träumen war der Kühlschrank etwa 70 Fuß groß, eine schwerfällige Krypta, von kaltem Mondlicht überflutet. In diesen Träumen schwang die riesige Tür auf, und er sah große Augen, die ihn aus dem Innern anstarrten. Er erwachte schweißgebadet aus solchen Träumen, und doch konnte er auf die Genüsse des Kühlschranks einfach nicht mehr verzichten.
An diesem Tag hatte er nun endlich erfahren, warum es ihm schon eine ganze Weile so vorgekommen war, als verdächtige man ihn. Zu wissen, daß Henry Bowers das Geheimnis des Kühlschranks kannte, hatte ihn einer Panik so nahe gebracht, wie ihm das überhaupt möglich war. Das war in Wirklichkeit nicht sehr nahe; aber immerhin fand er das Angstgefühl unangenehm und belastend. Henry wußte Bescheid. Er wußte, daß Patrick manchmal die Regeln übertrat.