Sein letztes Opfer war eine Taube gewesen, die er vor zwei Tagen auf der Jackson Street entdeckt hatte. Die Taube war von einem Auto angefahren worden und konnte nicht mehr fliegen. Er war nach Hause gegangen, hatte seinen Karton aus der Garage geholt und die Taube hineingelegt. Sie hatte ihm die Hand blutig gepickt, aber das hatte ihm nichts ausgemacht. Als er am nächsten Tag den Kühlschrank geöffnet hatte, war die Taube tot gewesen, doch Patrick hatte sie noch nicht weggeworfen. Nach Henrys Drohung, ihn zu verpetzen, beschloß er allerdings, daß es besser war, sie loszuwerden. Vielleicht sollte er auch einen Eimer Wasser und ein paar Lappen holen und den Kühlschrank innen auswaschen. Er roch nicht sehr gut. Wenn Henry es erzählte, und wenn Mr. Nell nachsehen kam, würde er vermutlich feststellen können, daß in dem Kühlschrank jemand gestorben war, und zwar nicht nur ein einziges Lebewesen.
Wenn er mich verpetzt, dachte Patrick, während er auf dem Pfad stand und den rostigen Kühlschrank anstarrte, werde ich verraten, daß er Eddie Kaspbraks Arm gebrochen hat. Vermutlich wußten sie das ohnehin, aber sie konnten ihm nichts beweisen, weil sie alle erklärt hatten, an jenem Tag draußen bei Henry gespielt zu haben, und weil Henrys verrückter Vater ihre Aussage bestätigt hatte. Aber wenn er mich verpetzt, verpetze ich ihn auch. Wie du mir, so ich dir.
Doch jetzt mußte er erst einmal den Vogel loswerden. Er würde die Kühlschranktür offenstehen lassen und dann mit dem Lappen und dem Eimer wiederkommen und gründlich saubermachen.
Patrick öffnete den Kühlschrank - die Tür zu seinem eigenen Tod.
Zuerst war er einfach total verwirrt, unfähig zu glauben, was er da sah. Es sagte ihm überhaupt nichts. Er stand einfach da, den Kopf zur Seite geneigt, und starrte mit weit aufgerissenen Augen in den Kühlschrank hinein.
Von der Taube war nur noch das nackte Skelett übrig, und zerfetzte Federn lagen herum. Und überall an dem Skelett, an den Innenwänden des Kühlschranks, an der Unterseite des Gefrierfachs hingen Dutzende fleischfarbener Gegenstände, die wie dicke Makkaronistücke aussahen. Patrick bemerkte, daß sie sich leicht bewegten, als würden sie in einer Brise flattern. Aber es war völlig windstill. Er runzelte die Stirn.
Plötzlich breitete eins der Dinger insektenartige Flügel aus, und noch bevor Patrick irgendwie reagieren konnte, ließ es sich mit einem schmatzenden Laut auf seinem linken Arm nieder. Er spürte ein kurzes Brennen, dann fühlte sein Arm sich wie immer an... aber das weißlichgelbe Fleisch des seltsamen Lebewesens färbte sich erst rosa, dann rot.
Obwohl Patrick sich im eigentlichen Sinne kaum vor etwas fürchtete (es ist schwer, sich vor Dingen zu fürchten, die nicht >real< sind), so gab es doch etwas, vor dem ihm furchtbar ekelte. Mit sieben Jahren war er an einem warmen Augusttag aus dem Brewster-See gestiegen und hatte festgestellt, daß sich vier oder fünf Blutegel an seinem Bauch und seinen Beinen festgesaugt hatten. Er hatte sich heiser gebrüllt, während sein Vater sie entfernt hatte.
Und nun begriff er plötzlich, daß dies eine unheimliche fliegende Abart von Blutegeln sein mußte. Sie hatten seinen Kühlschrank heimgesucht.
Patrick begann zu schreien und nach dem Ding auf seinem Arm zu schlagen, das inzwischen fast zur Größe eines Tennisballs aufgequollen war. Beim dritten Schlag platzte es. Blut - sein Blut - spritzte über seinen Unterarm, aber der gallertartige augenlose Kopf steckte noch in seiner Haut. Dieser Kopf endete in einem schnabelartigen Gebilde, nur war es kein flacher, spitzer Vogelschnabel; er war vielmehr rund und abgestumpft wie ein Rüssel. Und dieser Rüssel hatte sich tief in Patricks Arm hineingebohrt.
Schreiend packte er das geplatzte Ding mit den Fingern und zog es mitsamt Rüssel heraus. Es hatte auf völlig schmerzlose Weise ein Loch von der Größe einer Zehncentmünze in seinen Arm gebohrt, aus dem jetzt eine Mischung von Blut und einer gelblichweißen eiterartigen Flüssigkeit sickerte.
Und obwohl dieses unheimliche Ding doch geplatzt war, wand es sich immer noch zwischen seinen Fingern.
Patrick warf es weg, drehte sich um, griff nach der Kühlschranktürklinke... und in diesem Moment flog der ganze Schwärm heraus und fiel über ihn her. Sie landeten auf seinen Händen, seinen Armen, seinem Hals. Eines ließ sich auf seiner Stirn, in der Nähe der rechten Schläfe, nieder. Als Patrick die Hand hob, um es zu erschlagen, sah er, daß an dieser Hand gleich vier der Dinger hingen und sich rosa und dann rot verfärbten.
Es tat nicht weh... aber er spürte ein gräßliches Saugen. Schreiend, herumspringend, mit blutegelübersäten Händen nach den Blutegeln auf Kopf und Nacken schlagend, jammerte Patrick Hockstetters Verstand: Das ist nicht real, es ist nur ein Alptraum, mach dir keine Sorgen, es ist nicht real, nichts ist real...
Doch das Blut, das aus den zerquetschten Egeln herausschoß, wirkte sehr real, das Surren ihrer Flügel wirkte sehr real... und ebenso sein eigenes Entsetzen.
Einer der fliegenden Blutegel fiel in sein Hemd und saugte sich an seiner Brust fest. Während er danach schlug und sah, wie sein Hemd sich an jener Stelle rot färbte, ließ ein anderer sich schon auf seinem Auge nieder. Patrick schloß es rasch, aber das nützte ihm auch nichts; er spürte das kurze Brennen, als der Rüssel sich durch sein Lid bohrte und begann, die Flüssigkeit auszusaugen. Patrick spürte, wie sein Auge in der Höhle in sich zusammenfiel, und er schrie noch lauter. Ein Egel flog ihm in den Mund und saugte sich an seiner Zunge fest.
Das alles war schmerzlos.
Patrick stolperte taumelnd den Pfad zurück, auf die Autowracks zu. Die Parasiten hingen jetzt an seinem ganzen Körper. Manche tranken über ihr Fassungsvermögen hinaus und platzten dann von selbst wie Luftballons. Er spürte, wie der Blutegel in seinem Mund immer mehr aufquoll, und er riß seinen Kiefer weit auf, weil der einzige klare Gedanke, der ihm geblieben war, ihm einsagte, das Ding dürfe nicht da drin platzen.
Aber es platzte doch, und Patrick spuckte eine Blutfontäne aus. Er fiel auf den schmutzigen Kies und wand sich schreiend hin und her. Allmählich drangen seine Schreie aber nur noch schwach an seine Ohren, und er begriff, daß er das Bewußtsein verlor.
Kurz vorher sah er jedoch noch eine Gestalt hinter dem letzten Autowrack hervorkommen. Zuerst dachte Patrick, es wäre ein Mann, vielleicht Hendy Fazio, und er wäre gerettet. Aber als die Gestalt näher kam, sah Patrick, daß das Gesicht wie Wachs ineinanderlief. Manchmal begann es sich zu verfestigen und wie etwas - oder jemand - auszusehen, aber dann zerfloß es wieder, so als könnte Es sich nicht für eine bestimmte Erscheinungsform entscheiden.
»Guten Tag und auf Wiedersehen«, sagte eine blubbernde gräßliche Stimme aus dem Innern des zerfließenden Talggesichts, und Patrick versuchte wieder zu schreien. Er wollte nicht sterben; als einzige >reale< Person durfte er nicht sterben. Wenn er starb, würde mit ihm die ganze Welt sterben.
Die gesichtslose Gestalt packte ihn an den blutegelübersäten Armen und begann ihn auf die Barrens zuzuschleppen.
Patrick verlor das Bewußtsein.
Er kam nur noch einmal zu sich: als in irgendeiner dunklen, stinkenden und tropfenden Höhle, in die kein Lichtstrahl drang, Es ihn anzufressen begann.
6
Beverly war sich nicht sicher, was sie gesehen hatte... oder ob sie überhaupt etwas gesehen hatte. Ein Teil von ihr neigte zu dem Glauben, daß Patrick sie entdeckt hatte, und daß alles weitere nur einer seiner grausamen Spaße gewesen war.
Aber... war nicht etwas aus dem Kühlschrank herausgeflogen und hatte sich auf seinen Arm gesetzt? Vielleicht - doch ganz sicher war sie sich nicht.