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Sie stand auf, zog ihre Schleuder aus der Tasche und nahm zwei der Stahlkugeln in die andere Hand. Sie hörte Patrick ein Stück weiter unten auf dem Pfad schreien. Es ist ein Trick Er hat dich gesehen, und weil er weiß, daß er dich auf faire Weise nicht fangen kann, versucht er, dich aus deinem Versteck zu lok-ken. Geh nicht hin, Bevvie!

Aber eine andere innere Stimme sagte ihr, daß aus jenen Schreien zuviel Angst und Entsetzen herauszuhören war. Sie trat aus dem Gebüsch auf den Pfad, mit geschärften Sinnen, bereit loszurennen, sobald sie sah, daß Patrick ihr irgendwo auflauerte. Sie blickte auf den Pfad hinab und riß die Augen weit auf. Da war Blut, eine Menge Blut.

Unechtes Blut, beharrte ihr Verstand. Man kann bei Dahlie's eine Flasche davon für 49 Cent kaufen. Sei vorsichtig, Bevvie!

Sie kniete rasch nieder und berührte das Blut mit den Fingern, rieb sie aneinander, betrachtete sie aufmerksam. Es war echtes Blut, daran konnte gar kein Zweifel bestehen.

Sie spürte ein kurzes Brennen im linken Arm, dicht unterhalb des Ellbogens. Sie schaute hin und sah etwas, das soeben noch nicht dort gewesen war. Im ersten Moment hielt sie es für eine Art Klette. Dann stellte sie fest, daß es lebte, daß es sie biß. Sie schlug mit der rechten Handkante kräftig zu, und es flog weg, wobei einige Blutstropfen auf Bevs Arm fielen. Sie wich etwas zurück und spürte jetzt, nachdem es vorbei war, einen Schrei in ihrer Kehle aufsteigen... und dann sah sie, daß es noch nicht vorbei war. Der Kopf des Lebewesens steckte noch in ihrem Arm, der Rüssel hatte sich tief in ihr Fleisch hineingebohrt.

Mit einem schrillen Schrei zerrte sie angeekelt daran und sah den blutigen Rüssel aus ihrem Arm herauskommen wie einen kleinen Dolch. Jetzt verstand sie das Blut auf dem Pfad, o ja, und ihre Blicke schweiften ängstlich zum Kühlschrank.

Die Tür war wieder zugeschlagen, aber eine ganze Anzahl der Parasiten

kroch schwerfällig auf dem rostigweißen Emaille herum. Einer davon entfaltete seine fliegenartigen Membranflügel und kam surrend auf sie zugeflogen.

Ohne nachzudenken, legte Beverly eine der Stahlkugeln in die Schleuder ein und spannte das Gummiband. Dabei sah sie, daß aus dem Loch, das das Ding in ihren Arm gebohrt hatte, Blut hervorschoß. Sie achtete nicht darauf, zielte auf das fliegende Ding und ließ das Band los.

Ich hab's verfehlt, dachte sie, als die in der Sonne funkelnde kleine Kugel losflog. Und später erzählte sie den anderen, sie habe gewußt, daß sie es verfehlt hatte, so wie ein Kegler einen mißlungenen Wurf erkennt, sobald er die Kugel geworfen hat. Aber dann sah sie, wie die Kugel eine Kurve beschrieb. Im Bruchteil einer Sekunde war alles vorüber, doch der Eindruck war sehr klar, sehr scharf: Die Kugel hatte eine Kurve beschrieben. Sie traf das fliegende Lebewesen, und es zerplatzte in der Luft. Gelbliche Tropfen fielen auf den Pfad.

Zuerst machte Beverly einige taumelnde Schritte rückwärts. Ihre Augen waren riesig, ihre Lippen zitterten, ihr Gesicht war vor Schrecken aschfahl. Sie starrte auf den alten Kühlschrank und wartete, ob noch einer der Parasiten sie wittern würde. Aber die blutegelartigen Dinger krochen nur langsam hin und her, wie Herbstfliegen, die von der Kälte halb betäubt sind.

Schließlich drehte sie sich um und rannte los.

Sie fühlte, daß sie einer Panik nahe war, aber sie kämpfte erfolgreich dagegen an. Sie hielt die Schleuder in der linken Hand und warf von Zeit zu Zeit einen Blick über die Schulter. Der Pfad war immer noch mit Blut besprengt, und auch die Blätter mancher Büsche trugen Blutspuren, so als sei Patrick beim Laufen wie ein Betrunkener von einer Seite auf die andere getorkelt.

Beverly stürzte aus dem Wald heraus, auf das Gelände zu, wo die Autowracks herumstanden. Direkt vor ihr war eine größere Blutlache, die gerade in den Kies einzusickern begann. Der Boden sah aufgewühlt aus, so als hätte hier ein Kampf stattgefunden. Zwei Furchen, etwa zweieinhalb Fuß voneinander entfernt, gingen von dieser Stelle aus.

Beverly blieb keuchend stehen. Sie betrachtete ihren Arm und stellte fest, daß er kaum noch blutete, obwohl ihr ganzer Unterarm und ihre Handfläche mit Blut beschmiert waren. Jetzt hatte der Schmerz eingesetzt, ein leichtes Pochen. Es war ein ähnliches Gefühl wie nach einem Zahnarztbesuch, wenn die Wirkung der Betäubungsspritze allmählich nachließ.

Sie warf wieder einen Blick hinter sich, sah nichts Bedrohliches und betrachtete die Furchen, die von den Autowracks und der Müllhalde weg in die eigentlichen Barrens führten.

Es hat ihn geschnappt. Diese Biester waren im Kühlschrank. Sie müssen sich überall an ihm festgesaugt haben. Ja, so muß es gewesen sein, schau dir doch nur mal das viele Blut an. Er ist bis hierher gekommen, und dann ist etwas anderes passiert. Aber was?

Sie befürchtete, daß sie das nur allzugut wußte. Die Blutegel waren ein Teil von IHM, und sie hatten Patrick in einen anderen Teil von IHM hineingehetzt, so wie ein Ochse in den Schlachthof hineingetrieben wird.

Verschwinde von hier, Bevvie! Mach, daß du hier wegkommst!

Statt dessen folgte sie den Erdfurchen, ihre Schleuder mit der verschwitzten Hand fest umklammernd.

Hol wenigstens die anderen! Das werde ich auch tun... gleich.

Sie ging weiter. Die Spuren führten in dichtes Gebüsch. Irgendwo zirpte eine Grille, dann wurde es wieder ganz still. Moskitos wurden von dem Blut auf ihrem Arm angezogen. Sie verscheuchte sie. Ihre Zähne waren fest zusammengebissen.

Vor ihr lag etwas auf der Erde. Sie hob es auf und betrachtete es. Es war eine Brieftasche, wie Kinder sie manchmal im Werkunterricht anfertigen. Offensichtlich war dieses Kind jedoch nicht sehr geschickt gewesen: Die großen Stiche mit einem Plastikfaden lösten sich auf, und das Fach für Geldscheine klaffte weit auseinander. Im Kleingeldfach fand Bev eine Vierteldollarmünze.

Ansonsten enthielt die Brieftasche nur noch eine Büchereikarte, ausgestellt auf den Namen Patrick Hockstetter. Bev warf die Brieftasche samt Inhalt weg und wischte sich die Finger an ihren Shorts ab.

Etwa fünfzig Fuß weiter fand sie einen Turnschuh. Das Unterholz wurde so dicht, daß sie die Erdfurchen nicht mehr erkennen konnte, aber man brauchte kein Spurenleser zu sein, um den Blutstropfen auf den Büschen folgen zu können.

Die Spur führte jetzt steil bergab, und einmal rutschte Bev aus und riß sich an Dornen einen Oberschenkel blutig. Ihr Atem ging jetzt laut und schnell, und die Haare klebten ihr am Kopf.

Dann führten die Blutspuren auf einen der schmalen Pfade durch die Barrens. Der Kenduskeag war ganz in der Nähe.

Patricks zweiter Turnschuh lag blutgetränkt auf dem Pfad.

Sie näherte sich dem Fluß mit schußbereit gespannter Schleuder. Nun waren auch die Furchen wieder zu sehen - sie waren jetzt flacher als anfangs - bestimmt, weil er seine Turnschuhe verloren hat, dachte sie.

Sie bog um eine letzte Kurve, und vor ihr lag der Fluß. Die Spuren verschwanden an der Uferböschung. Sie trat an die Kante heran und blickte hinab.

Die Furchen endeten bei einem jener Betonzylinder - einer der Pumpstationen.

Der Metalldeckel des Zylinders stand einen Spalt breit auf.

Während sie noch dastand und nach unten starrte, ertönte aus dem Innern des Zylinders ein lautes grauenvolles Lachen.

Das war zuviel für Bev. Die Panik, die sie bisher niedergekämpft hatte, wurde jetzt übermächtig.

Sie drehte sich um und rannte fast blindlings in Richtung des Klubhauses; mit ihrem blutigen linken Arm schützte sie ihr Gesicht vor den peitschenden Zweigen.

Manchmal mache auch ich mir Sorgen, Daddy, dachte sie wild. Manchmal mache ich mir GROSSE Sorgen.