Vier Stunden später kauerten alle Klubmitglieder außer Eddie im Gebüsch, in der Nähe jener Stelle, von wo aus Bev beobachtet hatte, wie Patrick Hockstetter den Kühlschrank öffnete. Am Himmel zogen düstere Gewitterwolken auf, und ein Geruch nach Regen lag wieder in der Luft. Bill hielt das Ende einer langen Wäscheleine in beiden Händen. Die sechs Kinder hatten ihr Geld zusammengelegt und die Leine sowie einen Erste-Hil-fe-Kasten für Beverly gekauft. Bill hatte das blutverkrustete Loch in ihrem Arm behutsam verbunden.
»S-S-S-Sag deinen E-E-Eltern, d-du w-w-wärst beim R-R-R-Rollschuh-laufen gestürzt«, meinte Bill.
»Meine Rollschuhe!« schrie Bev erschrocken. Sie hatte sie total vergessen.
»Sind sie das nicht?« fragte Ben und deutete darauf. Sie lief rasch hin und holte sie, bevor einer der Jungen das tun würde. Sie erinnerte sich jetzt daran, daß sie sie beiseite gelegt hatte, bevor sie urinierte. Und sie wollte nicht, daß einer ihrer Freunde diese Stelle entdeckte.
Sie hatten sich vorsichtig dem Kühlschrank genähert, bereit, beim geringsten Anzeichen einer Bewegung wegzurennen. Bev hatte ihre Schleuder in der Hand gehalten, Mike sein Spielzeuggewehr. Aber nichts hatte sich bewegt. Obwohl der Pfad vor dem Kühlschrank mit Blut bespritzt war, waren die Parasiten verschwunden - vielleicht weggeflogen.
»Man könnte Mr. Borton und Mr. Nell und hundert andere Bullen herbringen, und es würde überhaupt nichts nützen«, hatte Stan bitter gesagt. »Sie würden nichts sehen.«
»Nicht das geringste«, hatte Richie zugestimmt. »Wie geht's deinem Arm, Bev?«
»Er brennt.« Sie hatte von Bill zu Richie und wieder zurück zu Bill geblickt. »Glaubt ihr, daß meine Eltern das Loch sehen könnten, das dieses Ding in meinen Arm gebohrt hat?«
»I-I-Ich g-glaube n-n-n-nicht.« Dann hatte Bill hinzugefügt: »M-M-Macht euch b-bereit zum R-R-Rennen. Ich b-b-b-befestige jetzt d-die L-L-Leine.«
Er hatte ein Ende der Leine um die rostige Chromklinke geschlungen und einen Großmutterknoten gemacht, mit der Vorsicht eines Mannes, der eine Bombe entschärft. Dann war er zurückgetreten, hatte die Wäscheleine ein Stückchen abgerollt und sich mühsam ein Lächeln abgerungen. »Puh!«
Jetzt, in - wie sie hofften - sicherer Entfernung vom Kühlschrank, sagte Bill ihnen wieder, sie sollten sich darauf einstellen, schnell wegrennen zu müssen. Direkt über ihren Köpfen donnerte es, und alle zuckten erschrok-ken zusammen. Die ersten kalten Regentropfen begannen zu fallen.
Bill zerrte mit aller Kraft an der Wäscheleine. Der Knoten löste sich, aber die Kühlschranktür ging von dem Ruck auf. Eine Lawine orangefarbener Pompons fiel heraus, und Stan stöhnte leise auf. Die anderen starrten nur wortlos, mit offenen Mündern.
Es regnete jetzt stärker. Donner krachte, und ein blauroter Blitz zuckte,
während die Kühlschranktür weit aufschwang. Richie sah es als erster und stieß einen hohen schrillen Schrei aus. Bill schrie zornig und zugleich angsterfüllt auf. Die anderen waren still.
Auf der Innenseite der Tür standen, mit noch nicht ganz trockenem Blut geschrieben, folgende Worte:
HÖRT AUF, BEVOR ICH EUCH ALLE UMBRINGE! ELN WEISER RAT VON
EUREM FREUND PENNYWISE!
In den Wolkenbruch mischten sich Hagelkörner. Die Kühlschranktür bewegte sich im aufkommenden heftigen Wind, die Buchstaben begannen zu zerlaufen und sahen aus, als stammten sie von einem Horrorfilmplakat.
Bev bemerkte gar nicht, daß Bill aufgestanden war, bis sie ihn auf den Kühlschrank zugehen sah. Er schüttelte die Fäuste. Wasser lief ihm übers Gesicht, und das Hemd klebte ihm am Rücken.
»W-W-Wir w-werden dich t-t-t-töten!« schrie Bill. Donner krachte. Ein greller Blitz schlug ganz in der Nähe in einen Baum ein.
»Bill, komm zurück!« brüllte Richie. »Komm zurück, Mann!« Er wolle aufspringen, aber Ben hielt ihn am Arm fest.
»D-Dw hast m-m-meinen B-Bruder George erm-m-m-mordet! Du H-H-Huren-sohnl Du B-B-B-Bastard! Du Drecksch-sch-schwein! Zeig dich doch! Z-Z-Z-Zeig dich jetzt!«
Der Hagel prasselte nur so nieder und traf sie trotz der Büsche. Beverly hielt ihren Arm hoch, um ihr Gesicht zu schützen. Sie konnte auf Bens dicken Backen rote Striemen sehen.
»Bill, komm zurück!« schrie sie verzweifelt, aber ihre Stimme wurde von einem heftigen Donnerschlag übertönt, der unter den tiefhängenden schwarzen Wolken über die Barrens hinwegrollte.
»Z-Z-Zeig dich k-k-k-komm heraus v-v-verfluchter Drecksk-k-kerl!«
Bill trat wild nach den Pompons, die aus dem Kühlschrank gerollt waren. Dann drehte er sich um und ging mit gesenktem Kopf auf die anderen zu. Er schien den Hagel überhaupt nicht zu spüren, der jetzt den Boden bedeckte wie Schnee.
Er stolperte wie ein Blinder ins Gebüsch hinein, und Stan mußte ihn am Arm packen, damit er nicht in ein Dornengestrüpp fiel. Beverly sah, daß er weinte.
»Ist schon gut, Bill«, sagte Ben und legte ihm ungeschickt einen Arm um die Schultern.
»Ja«, fiel Richie ein. »Mach dir keine Sorgen. Wir kneifen nicht. Wir lassen dich nicht im Stich.« Seine Augen funkelten wild, als er in die Runde blickte. »Oder will einer von euch kneifen?«
Alle schüttelten die Köpfe.
Bill blickte auf und wischte sich die Augen ab. Sie waren jetzt alle bis auf die Haut durchnäßt. »W-Wißt ihr«, sagte er, »Es h-hat A-A-Angst vor uns. Das sch-sch-spüre ich, ich sch-schwör's bei G-Gott.«
Ben nickte nüchtern. »Ich glaube, du hast recht.«
»H-H-H-Helft mir«, flüsterte Bill. »B-B-Bitte! H-Helft mir!«
»Das werden wir«, sagte Beverly und nahm ihn in die Arme. Sie hatte nicht gedacht, daß sie ihn so leicht umfangen konnte, daß er so mager
war. Sie fühlte, wie sein Herz unter seinem Hemd pochte; es war dem ihrigen ganz nahe. Keine Umarmung war ihr je so süß, so tröstlich vorgekommen.
Richie schlang seine Arme um die beiden und legte seinen Kopf auf Beverlys Schulter. Ben tat das gleiche von der anderen Seite her. Stan legte seine Arme um Richie und Ben. Mike zögerte etwas, dann schlang er einen Arm um Beverlys Taille, den anderen um Bills zitternde Schultern.
So standen sie aneinandergeschmiegt da, und der Hagel ging wieder in einen heftigen Wolkenbruch über. Blitze zuckten, Donner grollte. Niemand sprach.
Beverly hatte die Augen fest geschlossen. Sie standen da, umarmten einander und lauschten dem Regen, der auf die Büsche herniederprasselte. Daran erinnerte Beverly sich am besten: an das Prasseln des Regens, an das gemeinsame Schweigen und an ihr leises Bedauern, daß Eddie nicht bei ihnen sein konnte.
Sie erinnerte sich daran, daß sie sich sehr jung und sehr stark gefühlt hatte.
Achtzehntes Kapitel
Die Schleuder 1
»Okay, Haystack«, sagt Richte. »Jetzt bist du an der Reihe. Der Rotschopf hier hat inzwischen auch meine Zigaretten fast aufgeraucht. Und es ist schon spät.«
Ben wirft einen Blick auf die Uhr. Ja, es ist spät; fast Mitternacht. Gerade noch Zeit für eine weitere Geschichte, denkt er. Noch eine Geschichte vor zwölf, um uns bei Laune zu halten. Welche? Aber er weiß genau, daß nur noch eine Geschichte aussteht, zumindest nur eine, an die er sich erinnert, und das ist die Geschichte der silbernen Schleuderkugeln - wie sie am Abend des 23. Juli in Zack Denbroughs Werkstatt gegossen wurden, während Bills Eltern -Zack und Sharon - im Kino waren, und wie diese Kugeln sich am 25. Juli tatsächlich bewährten.
»Ich habe auch eine Narbe«, sagt er. »Wißt ihr noch?«
Beverly und Eddie schütteln die Köpfe; Bill und Richie nicken. Mike sitzt ruhig da, aber seine Augen in dem erschöpften Gesicht sind hellwach.