Ben steht auf, knöpft sein Hemd auf und streift es zur Seite. Eine alte silberweiße Narbe führt von der Mitte seiner Brust zum Bauch. Beverly hält vor Schreck die Hand vor den Mund. »Der Werwolf! In jenem Haus! O Gott! O mein Gott!«
Und sie wirft einen Blick auf die Fenster, so als warte sie darauf den Werwolf draußen in der Dunkelheit lauern und geifern zu sehen.
»Ja«, sagt Mike, während Ben sein Hemd wieder zuknöpft. »Der Werwolf. Damals haben wir Es alle als Werwolf erlebt.«
»W-W-Weil R-Richie Es beim erstenmal als W-Werwolf gesehen hat«, murmelt Bill. »Das w-war doch der G-G-Grund, nicht wahr?«
»Ja«, sagt Mike.
»Wir müssen uns zu der Zeit sehr nahe gewesen sein«, wirft Bev mit leicht verwunderter Stimme ein. »So nahe, daß jeder von uns die Gedanken der anderen lesen konnte.«
»Jedenfalls war Es damals verdammt nahe daran, sich aus deinen Eingeweiden Sockenhalter zu machen, Haystack«, sagt Richie, aber er lächelt nicht dabei. Er schiebt seine alte Brille die Nase hoch, und sein Gesicht wirkt bleich, abgehärmt und gespensterhaft.
»Bill hat dich davor bewahrt«, sagt Eddie abrupt. »Ich meine - gerettet hat uns alle damals Beverly, aber wenn du vorher nicht gewesen wärst, Bill...«
»Ja«, stimmt Ben zu. »Du hast uns zusammengehalten. Ich war in jenem unheimlichen Haus einer Panik nahe.«
Bill deutet auf den leeren Stuhl. »Stan Uris hat mir g-g-geholfen. Und er h-hat dafür b-b-bezahlt. V-Vielleicht ist er letztlich s-sogar dafür gestorben.«
»Sag so was nicht, Bill«, flüstert Ben.
»Aber es sch-sch-stimmt. W-Wir alle sind vermutlich sch-schuld an seinem T-Tod, weil wir weitergemacht haben. Und ich w-w-wäre dann am m-meisten schuld daran, denn ich w-w-wollte, daß wir weitermachen. W-Wegen George.
Vielleicht sogar, weil ich dachte, w-wenn ich Georges M-M-Mörder tötete, müßten m-meine Eltern mich wieder l-l-l-l-l...«
»Lieben?« fragte Beverly sanft.
»Ja. Natürlich. Aber v-v-vielleicht war es doch nicht unsere Sch-Sch-Schuld. Vielleicht l-lag es einfach an Stans innerstem W-W-Wesen.«
»Er konnte damit einfach nicht fertig werden«, sagt Eddie. Er denkt dabei an Mr. Keenes Enthüllungen über seine Asthmamedizin, und wie er trotzdem nicht davon lassen konnte. Er denkt, daß er es vielleicht geschafft hätte, die Überzeugung, krank zu sein abzubauen; was er aber nicht geschafft hatte, was er einfach nicht verkraftet hätte, war, die Gewohnheit des Glaubens abzulegen. Vielleicht hatte ihm aber gerade das letztlich das Leben gerettet.
»Er war großartig«, sagt Ben. »Stan und seine Vögel.« Alle wenden ihre Blicke unwillkürlich dem Stuhl zu, wo Stan von Rechts wegen jetzt hätte sitzen müssen. Ich vermisse ihn, dachte Ben. Mein Gott, wie ich ihn vermisse!
»Erinnerst du dich noch an jenen Tag, Richie, als du Stan aufzogst, daß er Christus umgebracht hätte«, sagt er, »und wie er ganz trocken erwiderte: >Das muß mein Vater gewesen sein<?«
»O ja, ich erinnere mich«, flüstert Richie kaum hörbar. Er zieht sein Taschentuch heraus, nimmt seine Brille ab, wischt sich die Augen ab und setzt seine Brille wieder auf. Er schiebt das Taschentuch in seine Gesäßtasche, und ohne hochzublik-ken, sagt er: »Warum erzählst du's uns nicht einfach, Ben?«
»Es tut weh, nicht wahr?«
»O ja«, sagt Richie mit belegter Stimme. »Natürlkh tut es weh.«
Ben wirft einen Blick in die Runde, dann nickt er. »Also gut. Noch eine Geschichte vor zwölf. Um uns bei Laune zu halten. Es war Bills und Richies gemeinsame Idee, Pistolenkugeln...«
»Nein«, widerspricht Richie. »Es war Bills Idee, und Bill wurde später auch als erster nervös...«
»Ich w-w-war einfach b-besorgt...«
»Na ja, das ist auch nicht weiter wichtig«, sagt Ben. »Jedenfalls verbrachten wir im Juli ganz schön viel Zeit in der Bücherei. Wir versuchten herauszufinden, wie man silberne Pistolenkugeln herstellt. Das nötige Silber hatte ich: vier Silberdollarmünzen, die meinem Vater gehört hatten. Dann wurde Bill nervös, weil er sich vorstellte, in welch katastrophale Lage wir geraten würden, wenn die Geschütze versagten, während irgendein Monster sich auf uns stürzte. Und als wir dann sahen, wie toll Beverly mit Bills Schleuder umgehen konnte, beschlossen wir, aus meinem Silberdollar lieber Schleudergeschosse zu machen. Wir besorgten alles Notwendige, und dann haben wir uns bei Bill getroffen. Eddie, du warst doch auch wieder mit von der Partie...«
»Ja, ich hatte meiner Mutter erzählt, wir würden Monopoly spielen. Mein Arm tat ziemlich weh, und jedesmal, wenn ich hinter mir auf dem Trottoir Schritte hörte, drehte ich mich ängstlich um, weil ich dachte, es wäre Henry Bowers. Das trug nicht gerade zu meinem Wohlbefinden bei.«
Bill grinst. »Und dann standen wir alle nur herum und sahen zu, wie Ben die Munition herstellte. Ich glaube, er hätte tatsächlich auch die Pistolenkugeln zustande gebracht.«
»Oh, dessen bin ich mir nicht so sicher«, widerspricht Ben wider besseres Wissen. Er erinnert sich daran, wie draußen die Abenddämmerung hereinbrach (Mr.
Denbrough hatte versprochen, sie alle heimzufahren, deshalb war die Dunkelheit kein Problem), wie die Grillen im Gras zirpten, wie die ersten Glühwürmchen in der Luft flimmterten. Bill hatte im Eßzimmer das Monopoly-Brett aufgebaut und so hergerichtet, daß es aussah, als wäre das Spiel seit mindestens einer Stunde im Gange.
Er erinnert sich auch an den hellen gelben Lichtschein, der auf Zacks Werkbank fiel. Er erinnert sich an Bills Warnung: »W-W-Wir m-müssen v-v-v-v-
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vorsichtig sein. Ich w-will h-h-hier keine Unordnung hinterlassen. S-S-Sonst wird mein D-Dad sch-sch...« Nach mehreren Anläufen brachte er schließlich >stinksauer< heraus.
»He!« rief Richie und wischte sich übertrieben an der Wange herum. »Stellst du für deine Speichelduschen wenigstens Handtücher zur Verfügung, Stotter-Bill?«
Bill tat so, als wollte er nach ihm schlagen, und Richie duckte sich und kreischte mit seiner Negermädchen-Stimme.
Ben beachtete ihr Geplänkel kaum. Er verfolgte aufmerksam, wie Bill die nötigen Werkzeuge bereitlegte. Er wünschte sich, eines Tages selbst eine so gut ausgestattete Werkstatt zu besitzen. Hauptsächlich konzentrierte er sich aber auf die bevorstehende Aufgabe. Sie war zwar bei weitem nicht so kompliziert, wie wenn es darum gegangen wäre, Pistolengeschosse herzustellen, aber er wollte trotzdem mit aller Gewissenhaftigkeit vorgehen. Schlampige Arbeit war etwas Unverzeihliches; das wußte er, ohne daß jemand es ihm beigebracht hatte.
Bill hatte darauf bestanden, daß Ben die Schleuderkugeln herstellt, ebenso wie er darauf bestand, daß Beverly die Schleuder benutzen sollte, wenn sie dem Haus an der Neibolt Street einen Besuch abstatten würden. Über diese Dinge war diskutiert worden; aber erst 27 Jahre später, als Ben seine Geschichte erzählte, kam ihm zu Bewußtsein, daß niemand von ihnen auch nur im geringsten daran gezweifelt hatte, daß eine Silberkugel - ob sie nun als Munition für eine Pistole oder eine Schleuder diente - ein Monster zur Strecke bringen konnte - schließlich legten davon unzählige Horrorfilme Zeugnis ab.