Выбрать главу

»Okay«, sagte Ben. Er knackte mit den Knöcheln, dann schaute er Bill an. »Hast du die Gußformen?«

»Oh!« Bill zuckte zusammen. »H-hier.« Er griff in seine Hosentasche und zog sein Taschentuch heraus. Er legte es auf die Werkbank und entfaltete es. Zwei Stahlbälle kamen zum Vorschein; jedes hatte ein kleines Loch. Es waren Gußformen für Lagerkugeln.

Nachdem beschlossen worden war, Schleudergeschosse statt Pistolenkugeln zu machen, hatten Bill und Richie in der Bücherei nachgeforscht, wie Kugellager hergestellt wurden. »Ihr Jungs seid aber fleißig!« hatte Mrs. Starrett gesagt. »Und das in den Sommerferien.«

»Wir wollen verhindern, daß unser Gehirn einrostet«, hatte Richie erwidert. »Stimmt's, Bill?«

»Sch-sch-stimmt genau.«

Sie hatten herausgefunden, daß die Herstellung von Kugellagern nicht weiter schwierig war, wenn man über die nötigen Gußformen verfügte. Eine vorsichtige Befragung Zack Denbroughs hatte ergeben, daß solche Gußformen in Derry nur bei Kitchner Precision Tool & Die erhältlich waren.

Der Inhaber dieser Maschinenfabrik mit zugehörigem Laden war ein Ur-urgroßneffe der Gebrüder Kitchner, denen auch die Eisenhütte gehört hatte.

Bill und Richie waren mit der gesamten Barschaft hingegangen, die alle Klubmitglieder mit vereinten Kräften aufgebracht hatten - genau 10 Dollar und 59 Cent hatte Bill in der Tasche gehabt. Als er fragte, wieviel eine Zwei-Zoll-Gußf orm kostete, erkundigte sich Carl Kitchner - der aussah wie ein alter Säufer und wie eine alte Pferdedecke roch -, wozu Kinder wie sie so etwas denn benötigten.

Richie ließ Bill reden, denn er wußte aus Erfahrung, daß sie ihre Gußformen dann leichter bekommen würden - Kinder machten sich über Bills Stottern lustig; Erwachsene hingegen reagierten darauf meistens ziemlich verlegen.

Manchmal konnte das sehr hilfreich sein.

Bill war erst in der Mitte der Erklärung angelangt, die er und Richie sich unterwegs ausgedacht hatten - es ging dabei um ein Windmühlenmodell für das wissenschaftliche Projekt des nächsten Schuljahres -, als Kitchner auch schon abwinkte und sagte, daß eine Gußform 50 Cent koste.

Vor Freude über den niedrigen Preis ganz fassungslos, schob Bill Mr. Kitchner einen Dollarschein hin.

»Ihr werdet wohl nicht erwarten, daß ich euch eine Tüte dafür gebe«, sagte Carl Kitchner und betrachtete sie mit der Herablassung eines Mannes, der alles schon kennt, was die Welt zu bieten hat. »Tüten gibt's erst ab einer Kaufsumme von 5 Dollar.«

»Es g-g-geht g-gut auch s-so, S-S-Sir«, sagte Bill.

»Und lungert mir ja nicht draußen vor dem Laden herum«, sagte Kitchner.

»Ihr müßtet beide mal dringend zum Friseur.«

»I-I-Ist dir auch sch-sch-schon aufgefallen, R-R-Richie«, sagte Bill draußen, »daß Erwachsene einem abgesehen v-von S-S-Süßigkeiten oder Comics oder K-K-Kinokarten n-nichts verkaufen, ohne erst zu f-f-fragen, wozu man es h-haben will?«

»Ja.«

»W-Warum? Warum ist d-das nur so?«

»Weil sie uns für gefährlich halten.«

»Ja? G-G-Glaubst du?«

»Ja«, sagte Richie und kicherte. »Sollen wir nicht hier draußen herumlungern? Wir könnten unsere Kragen hochstellen und Leute verspotten und unsere Haare noch länger wachsen lassen.«

»Blödhammel!« rief Bill. »K-K-Komm, m-machen wir lieber ein W-W-Wettrennen bis vorne zur Ecke.«

Bill besiegte Richie mit Leichtigkeit.

»Okay«, sagte Ben, nachdem er die Gußformen genau betrachtet und auf die Werkbank gelegt hatte. »Gut. Und jetzt...«

Die anderen traten etwas zur Seite, damit er mehr Platz hatte, und sahen ihn hoffnungsvoll an, so wie ein Mann, der keine Ahnung von Autos hat, einen Mechaniker anschaut, der sich das eigenartige Klopfen des Motors anhört. Ben achtete nicht auf ihre Gesichter. Er konzentrierte sich völlig auf seine Arbeit.

»Gebt mir mal die Hülse und die Lötlampe«, sagte er.

Bill reichte ihm eine Granatwerferhülse. Es handelte sich um ein Kriegssouvenir, das Zack gefunden und aufgehoben hatte, fünf Tage, nachdem er mit General Pattons Armee den Fluß überquert und in Deutschland einmarschiert war. Als Bill ein kleiner Junge gewesen war - George hatte noch in den Windeln gelegen -, hatte sein Vater die Hülse als Aschenbecher benutzt. Später hatte Zack dann das Rauchen aufgegeben, und die Hülse war verschwunden. Zufällig hatte Bill sie vor einer Woche hinten in der Garage entdeckt.

Ben schraubte die Hülse in Zacks Schraubstock ein, dann nahm er die Lötlampe zur Hand, die Beverly ihm hinhielt. Er griff in seine Tasche, holte einen Silberdollar heraus und legte ihn in den behelfsmäßigen Schmelztiegel.

»Dein Vater hat dir diese Silbermünzen geschenkt, nicht wahr?« fragte Beverly.

»Ja«, antwortete Ben. »Aber ich erinnere mich kaum noch an ihn.«

»Bist du sicher, daß du das tun willst?«

»Ganz sicher.« Er lächelte ihr zu.

Sie erwiderte sein Lächeln. Das war für Ben Belohnung genug, und für ein zweites Lächeln von ihr hätte er mit Freuden soviel Silberkugeln hergestellt, daß sie für eine ganze Kompanie Werwölfe ausgereicht hätten. Hastig wandte er seinen Blick wieder von ihr ab. »Okay. Jetzt geht's los. Kein Problem. Die Sache ist kinderleicht, stimmt's?«

Die anderen nickten zögernd.

Als Ben Jahre später in der Bücherei seine Geschichte erzählte, dachte er: Heutzutage könnte ein Kind mit Leichtigkeit überall eine Propan-Lötlampe kaufen... oder sein Vater hätte eine in der Werkstatt.

Aber im Jahre 1958 hatte es so etwas noch nicht gegeben; Zack Den-broughs Lötlampe arbeitete mit Benzin, und das machte Beverly nervös. Ben spürte es deutlich, wollte sie beruhigen, hatte aber Angst, daß seine Stimme dabei zittern könnte.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagte er deshalb zu Stan, der neben Bev stand.

»Häh?« machte Stan und warf ihm einen erstaunten Blick zu.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, wiederholte Ben.

»Tu' ich doch gar nicht!«

»Na, nichts für ungut. Ich wollte dich nur beruhigen, die Sache ist völlig ungefährlich. Für den Fall, daß du dir doch Sorgen gemacht hättest, meine ich.«

»Ist mit dir alles in Ordnung, Ben?«

»In bester Ordnung«, murmelte Ben. »Gib mir die Streichhölzer, Richie.«

Richie reichte ihm ein Streichholzheftchen. Ben drehte am Ventil des Benzintanks und hielt ein brennendes Streichholz an die Düse der Lötlampe. Dann regulierte er die Flamme, bis sie blauweiß war, und begann den Boden der Granatwerferhülse zu erhitzen.

»Hast du den Trichter?« fragte er Bill.

»Hier.« Bill zeigte ihm den Trichter, den Ben vor einigen Tagen selbst angefertigt hatte. Er paßte genau in das kleine Loch der Gußformen, obwohl Ben nur nach Augenmaß gearbeitet hatte. Bill war darüber völlig verblüfft gewesen, hatte aber nichts gesagt, weil Ben verlegen wurde, wenn man ihn lobte.

Nun, da er von seiner Beschäftigung völlig in Anspruch genommen war, brachte Ben es fertig, mit Beverly zu reden - ganz trocken und sachlich, wie ein Chirurg, der einer Krankenschwester Anweisungen gibt.

»Bev, du hast die ruhigste Hand. Steck den Trichter ins Loch. Zieh einen Handschuh an, damit du dich nicht verbrennst, wenn du ihn festhältst.«

Bill gab ihr einen Arbeitshandschuh seines Vaters. Beverly schob den kleinen Trichter in die Gußform. Alle schwiegen. Das Zischen der Lötlampe kam ihnen sehr laut vor. Sie kniffen die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und blickten auf die Flamme.

»W-W-Warte«, rief Bill plötzlich und rannte ins Haus. Gleich darauf kam er mit einer billigen Sonnenbrille zurück, die seit über einem Jahr unbenutzt in einer Küchenschublade herumgelegen hatte. »S-S-Setz sie 1-lieber auf, H-H-Hay Stack.«