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Ben befolgte grinsend seinen Rat.

Wenige Minuten später übergab er die Lötlampe Eddie, der sie behutsam mit der gesunden Hand festhielt. »Das Silber ist geschmolzen«, sagte Ben zu Bill. »Gib mir den anderen Handschuh. Schnell! Schnell!«

Bill gab ihn ihm. Ben zog ihn an, hielt die Hülse mit der behandschuhten Hand fest und drehte mit der anderen am Schraubstock.

»Nicht wackeln, Bev!«

»Keine Sorge, ich bin bereit«, erwiderte sie.

Ben neigte die Hülse vorsichtig über den Trichter. Die anderen beobachteten fasziniert den dünnen Strahl geschmolzenen Silbers. Ben verschüttete keinen einzigen Tropfen. Und einen Augenblick lang fühlte er sich wie elektrisiert. Er war nicht mehr der fette Ben Hanscom, der Sweatshirts trug, um seinen dicken Bauch und seine Brust zu verbergen; er war Thor, der in der Schmiede der Götter Donner und Blitz erzeugte.

Dann verging dieses Gefühl wieder.

»Okay«, sagte er. »Ich muß das Silber noch einmal erhitzen. Steckt mal einen Nagel oder so was Ähnliches in das Trichterröhrchen, bevor das Zeug hart wird.«

Stan tat es rasch.

Ben schraubte die Hülse wieder fest und nahm Eddie die Lötlampe ab.

»Okay«, sagte er. »Und jetzt Nummer zwei.«

Er machte sich erneut an die Arbeit.

Zehn Minuten später war er fertig.

»Und was jetzt?« fragte Mike.

»Jetzt spielen wir eine Stunde Monopoly«, antwortete Ben. »Das Silber muß erst mal in den Formen abkühlen und hart werden. Dann öffne ich sie mit einem Meißel entlang der Schnittlinien, und das war's dann schon.«

Richie warf einen besorgten Blick auf seine Timex, die schon viele Prügeleien heil überstanden hatte, obwohl das Glas gesprungen war. »Wann kommen deine Leute zurück, Bill?«

»N-N-Nicht vor z-zehn oder h-h-halb elf«, sagte Bill. »Es ist eine D-D-Doppelvorstellung im A-A-A-A...«

»Aladdin«, sprang Stan hilfreich ein.

»Ja. Und h-h-hinterher essen sie m-meistens noch 'ne P-P-P-Pizza.«

»Wir haben also genügend Zeit«, stellte Ben fest.

Bill nickte.

»Kommt, gehen wir rein«, sagte Bev. »Ich möchte bei mir daheim anrufen. Das hab' ich versprochen. Und seid bitte alle mucksmäuschenstill. Mein Vater glaubt, ich wäre im Jugendzentrum und würde von dort nach Hause gefahren werden.«

»Und was ist, wenn er auf die Idee kommt, dich selbst abzuholen?« fragte Mike.

»Dann bekomme ich jede Menge Ärger.«

Ich würde dich beschützen, Beverly, dachte Ben. Vor seinem geistigen Auge rollte ein kurzer Wachtraum ab, der so herrlich endete, daß ihn ein süßer Schauder überlief. Bevs Vater begann ihr das Leben schwerzumachen, sie anzuschnauzen, abzukanzeln und dergleichen (nicht einmal in seinem Wachtraum wäre Ben auf die Idee gekommen, daß AI Marsh eine sehr lok-kere Hand hatte und seine Tochter oft schlug). Ben stellte sich schützend vor sie und erklärte Marsh, er solle sie in Ruhe lassen.

Wenn du Ärger willst, Fettkloß, brauchst du nur weiterhin meine Tochter in Schutz zu nehmen.

Hanscom, für gewöhnlich ein stiller Bücherwurm, kann zum wilden Tiger werden, wenn man ihn reizt. Ganz gelassen sagt er zu AI Marsh: Wenn Sie ihr etwas zuleide tun wollen, dann nur über meine Leiche.

Marsh macht einen Schritt vorwärts... sieht den stählernen Glanz in Hanscoms Augen und bleibt stehen.

Das wird dir noch leid tun, murmelt er, aber ganz offenkundig ist ihm die Lust zum Kämpfen gründlich vergangen. Er ist eben doch nur ein Papiertiger.

Das bezweifle ich, sagt Hanscom mit einem knappen Gary-Cooper-Lä-cheln, und Beverlys Vater schleicht von dannen.

Was war nur los mit dir, Ben? ruft Bev, aber ihre Augen strahlen und funkeln wie Sterne. Du hast ausgesehen, als wolltest du ihn umbringen!

Ihn umbringen? sagt Hanscom, und jenes leichte Gary-Cooper-Lächeln spielt immer noch um seine Lippen. Keineswegs, Baby. Er mag zwar ein Dreckskerl sein, aber immerhin ist er dein Vater. Vielleicht hätte ich ihn ein biß-

chen verdroschen, aber nur, weil mir das Blut zu Kopf steigt, wenn jemand dich dumm anredet, weißt du?

Sie wirft ihre Arme um seinen Hals und küßt ihn (auf den Mund! auf den mund! Ich liebe dich, Ben! schluchzt sie. Er spürt, wie ihre kleinen Brüste sich fest an seine Brust pressen und...

Er schüttelte dieses herrliche Fantasiegespinst mühsam ab, als Richie ihn von der Türschwelle aus fragte, ob er nun endlich käme. Er stellte fest, daß er allein in der Werkstatt war.

»Ja«, antwortete er. »Klar.«

»Du wirst allmählich senil, Haystack«, sagte Richie, als Ben über die Schwelle trat, aber er klopfte ihm dabei auf die Schulter. Ben grinste und schlang kurz einen Arm um Richies Nacken.

5

Es gab keine Probleme mit Bevs Vater. Er war erst spät von der Arbeit nach Hause gekommen, war vor dem Fernseher eingeschlafen, kurz aufgewacht and sofort zu Bett gegangen, erzählte Bevs Mutter ihr am Telefon.

»Fährt dich jemand nach Hause, Bevvie?«

»Ja, Mom. Bill Denbroughs Vater - er nimmt gleich mehrere von uns

mit.

Mrs. Marsh hörte sich ziemlich besorgt an. »Du hast doch nicht etwa ein

Rendezvous, oder?«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Bev und schaute vom halbdunklen Flur, wo das Telefon stand, ins Eßzimmer der Denbroughs, wo die anderen sich gerade ans Monopoly-Brett setzten. Aber ich wünschte, ich hätte eins, Ma. »Sie haben hier so 'ne Liste aushängen, und jeden Abend fährt ein anderer Vater oder eine Mutter die Kinder nach Hause.« Zumindest das entsprach der Wahrheit. Der Rest war eine so freche Lüge, daß sie fühlte, wie sie im Dunkeln errötete.

»Okay«, sagte ihre Mutter. »Ich wollte nur ganz sicher sein. Du weiß ja, wenn dein Vater je erfahren würde, daß du in deinem Alter ein Rendezvous mit einem Jungen hast, würde er außer sich sein.« Dann fügte sie rasch hinzu: »Und ich natürlich auch.«

»Ja, ich weiß«, sagte Bev und blickte immer noch zu den anderen hinüber. Sie war nicht nur mit einem Jungen zusammen, sondern gleich mit sechs; und es waren keine Erwachsenen im Haus. Ben schaute besorgt zu ihr herüber, und sie lächelte ihm zu und winkte mit dem rechten Zeigefinger. Er errötete heftig und erwiderte ihren Gruß. »Das weiß ich, Ma.«

»Sind auch irgendwelche von deinen Freundinnen da, Bevvie?«

Welche Freundinnen?

»Patty O'Hara ist da. Und Ellie Geiger. Sie spielt unten Billard, glaube ich.« Die Lügen kamen ihr so leicht über die Lippen, daß sie sich schämte. Sie wünschte, ihr Vater wäre am Telefon; dann hätte sie zwar viel mehr Angst, aber sie würde sich weniger schämen.

»Ich liebe dich, Mommy«, sagte sie.

»Ich dich auch, Bevvie«, sagte ihre Mutter und fuhr nach kurzem Schweigen fort: »Sei vorsichtig. In den Zeitungen steht was von einem weiteren Vermißten. Einem Jungen namens Patrick Hockstetter. Er ist verschwunden. Hast du ihn gekannt, Bev?«

Sie schloß kurz die Augen. »Nein, Mom.«

»Na ja... also dann, Wiedersehn.«

»Wiedersehn.«

Sie setzte sich zu den anderen, und sie spielten eine Stunde lang Monopoly. Stan war der große Gewinner.

»Juden sind eben gut im Geldverdienen«, erklärte Stan, während er ein weiteres Hotel auf die Atlantic Avenue und zwei weitere grüne Häuser auf die Ventnor Avenue stellte. »Das weiß doch jeder.«

»Dann mach mich zu 'nem Juden!« rief Ben prompt, und alle lachten. Ben war fast pleite.

Beverly warf von Zeit zu Zeit über den Tisch hinweg verstohlene Blicke auf Bill und registrierte genau seine sauberen Hände, seine blauen Augen, seine feinen roten Haare. Während er den kleinen Silberschuh, der ihm als Spielstein diente, über das Brett bewegte, dachte sie: Wenn er meine Hand hielte, würde ich vor Glück sterben, glaube ich. Es war ihr, als strahlte in ihrer Brust ein warmes Licht, und sie legte kurz die Hand auf ihren Sweater, so als könnten die anderen sonst dieses Licht sehen.