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Das Gehen fiel ihm schwer; jeder Schritt verursachte ziehende

Schmerzen in seinem Bauch. Aber er erreichte den Gehweg, wo er stehenblieb und das achtstöckige Gebäude betrachtete, an das er sich aus alten Zeiten noch gut erinnerte. In den oberen Stockwerken brannten nur wenige Lampen, aber die runden Mattglaslampen am Haupteingang spendeten weiches Licht.

Henry stolperte auf sie zu, an ihnen vorbei und stieß mit der Schulter einen Flügel der Tür auf.

Die Hotelhalle war leer und sehr still. Nur aus irgendeinem Büro war der leise gestellte Ton eines Fernsehers zu hören. Die Aufzugtüren öffneten sich sofort, als er auf den Knopf drückte. Nach kurzem Zögern drückte er dann auf den Knopf zur sechsten Etage. Ich fange am besten ganz oben an und arbeite mich dann allmählich nach unten weiter.

Er lehnte sich mit halb geschlossenen Augen an die hintere Wand des Aufzugs, der beruhigend, ja einschläfernd summte. Es war ein ähnliches Summen wie das der Pumpen des Kanalisationssystems. Jener Tag - er fiel ihm immer wieder ein. Wie damals alles fast vorbestimmt zu sein schien, so als spielten sie nur ihre vorgeschriebenen Rollen... Wie Vic und Belch damals fast den Eindruck machten, als wären sie... na ja, als wären sie irgendwie betäubt oder hypnotisiert. Er erinnerte sich...

Der Aufzug hielt mit einem Ruck, der eine neue Schmerzeswelle durch seinen Bauch jagte. Die Türen öffneten sich. Henry trat auf den stillen Korridor. Kaspbrak hatte Zimmer 609. Er stützte sich an der Wand ab, hinterließ auf der Tapete eine schwache Blutspur und schwankte auf dieses Zimmer zu. Sein Atem war rauh und trocken.

Er erreichte Zimmer 609 und holte sein Messer aus der Tasche. Er fuhr sich mit der trockenen Zunge über die ausgetrockneten Lippen und klopfte an die Tür. Er klopfte noch einmal, diesmal lauter.

»Wer ist da?« Ein schläfrige Stimme. Das war ausgezeichnet. Er würde im Pyjama sein, noch schlaftrunken. Und wenn er die Tür öffnete, würde Henry ihm die Messerklinge direkt in die Vertiefung am unteren Ende des Halses stoßen, in die empfindliche Stelle direkt unterhalb des Adamsapfels.

»Der Hotelboy, Sir«, rief Henry. »Ich habe für Sie eine Nachricht von Ihrer Frau.« Hatte Kaspbrak überhaupt eine Frau? Vielleicht hatte er etwas Dummes gesagt. Er wartete angespannt. Er hörte Schritte - das Schlurfen von Pantoffeln.

»Von Myra?« Kaspbraks Stimme klang beunruhigt. Ausgezeichnet. In wenigen Sekunden würde er noch viel beunruhigter sein. In Henrys rechter Schläfe hämmerte sein Puls. Ich werde mich rächen. 0 ja - das werde ich.

»Ich nehm's an, Sir. Ich habe hier keinen Namen stehen. Nur, daß es sich um ihre Frau handelt.«

Kurze Stille... und dann das metallische Klirren der Türkette, an der Kaspbrak herumfummelte. Grinsend drückte Henry auf den Knopf am Messergriff. Klick Er hob die Klinge in Wangenhöhe, um sofort zustoßen zu können. Er hörte, wie der Schlüssel sich im Schloß drehte. Nur noch ein kurzer Augenblick, dann würde er dem mageren kleinen Schwächling das Messer in die Kehle jagen.

Er wartete. Die Tür öffnete sich, und Eddie

10. Die Verlierer alle beisammen 13.20 Uhr

sah Stan und Richie, die eben aus dem Costello Avenue Market herauskamen, jeder mit einem Eis am Stiel in der Hand. »He!« rief er. »Hallo, wartet auf mich!«

Sie drehten sich um, und Stan winkte. Eddie rannte auf sie zu, so schnell er konnte - ehrlich gesagt, war das nicht gerade sehr schnell. Ein Arm war in Gips, und unter dem anderen hatte er das Parcheesi-Brett.

»Na, wie geht's, Eddie? Wie geht's, alter Junge?« fragte Richie mit seiner >Stimme eines Gentlemans aus dem Süden<, die sich allerdings eher anhörte wie Foghorn Leghorn in den Cartoons der Warner Brothers. »Na so was... na so was... der Junge hat ja einen gebrochenen Arm. Schau dir das nur mal an, Stan, der Junge hat wirklich und wahrhaftig einen gebrochenen Arm, na so was... sei doch so nett und nimm dem armen Jungen sein Parcheesi-Brett ab.«

»Ich kann's gut selber tragen«, sagte Eddie etwas außer Atem. »Kann ich mal an deinem Eis schlecken?«

»Das würde deine Mutter aber gar nicht gern sehen, Eddie«, sagte Richie traurig und begann schneller zu essen. Er war gerade beim Schokoeis in der Mitte, seiner Lieblingssorte, angelangt. »Bazillen, mein Junge, Bazillen! Ich sag dir nur, man kann Bazillen bekommen, wenn man mit jemand anderem am selben Eis leckt!«

»Darauf laß ich's gern ankommen«, sagte Eddie.

Widerwillig hielt Richie ihm sein Eis hin... zog es aber rasch wieder zurück, nachdem dieser ein paarmal kräftig daran geschleckt hatte.

»Du kannst meins ganz haben, wenn du willst«, sagte Stan. »Ich bin noch satt vom Mittagessen.«

Eddie machte gern von dem Angebot Gebrauch, und die drei Jungen schlenderten einträchtig auf die Kansas Street und die Barrens zu. Derry wirkte an diesem frühen Nachmittag fast wie ausgestorben. Die Jalousien der meisten Häuser, an denen sie vorbeikamen, waren heruntergelassen. Spielzeuge lagen verlassen auf Rasen herum, so als seien Kinder hastig ins Haus gerufen oder zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt worden. Aus dem Westen war fernes Donnergrollen zu hören.

»Junge, heute scheinen ja alle zu pennen«, sagte Richie und warf den Holzstiel seines Eises nachlässig in den Rinnstein. »Habt ihr hier schon mal so 'ne Ruhe erlebt? Was ist denn nur los - machen heute alle 'nen Tagesausflug nach Bar Harbor?«

»H-H-Hallo, ihr da!« schrie Bill Denbrough hinter ihnen her. »W-W-W-Wartet auf uns!«

Eddie drehte sich um, wie immer hell begeistert, Bills Stimme zu hören. Und da kam Bill auch schon auf Silver aus der Costello Street herausgeschossen; Mike war etwas hinter ihm zurückgeblieben, obwohl sein Fahrrad lange nicht so alt war wie Bills komischer Drahtesel.

»Hi-yo, Silver, Los!« brüllte Bill. Die Spielkarten an Silvers Speichen knatterten laut, während er mit einer Geschwindigkeit von etwa zwanzig Meilen pro Stunde auf seine Freunde zubrauste. Dann trat er auf den Rücktritt, schlitterte ein Stück weiter und kam neben ihnen zum Stehen.

»Stotter-Bill!« rief Richie. »Wie geht's, Junge? Na so was... na so was... sag mal, Junge, wie geht's dir?«

»G-G-Gut«, sagte Bill, »Habt ihr B-Ben oder Bev gesehen?«

Mike gesellte sich nun auch zu ihnen. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen. »Mann, o Mann!« rief er atemlos. »Dein Rad hat ja 'ne irre Geschwindigkeit drauf.«

Bill lachte. »Ja, es ist g-g-ganz schön sch-schn-schnell.«

»Ich habe sie nicht gesehen«, beantwortete Richie Bills Frage. »Vermutlich sind sie schon unten und singen harmonisch im Duett: >Sha-boom, sha-boom, ya-da-da-da-da-da-da... you look like a dream, sweetheart<.«

Stan Uris würgte, als müßte er sich gleich übergeben.

»Er ist nur neidisch«, erklärte Richie, an Mike gewandt. »Juden können nämlich nicht singen.«

»P-P-P-P-P...«

»Piep-piep, Richie«, half Richie ihm grinsend weiter, und alle lachten.

Sie machten sich wieder auf den Weg in Richtung Barrens; Mike und Bill schoben ihre Räder. Anfangs unterhielten sie sich angeregt, aber dann wurden sie eigenartig einsilbig. Eddie warf einen Seitenblick auf Bill, stellte fest, daß sein Freund irgendwie unruhig und etwas ängstlich aussah und dachte, daß die unnatürliche Stille in Derry vielleicht auch Bill auffiel und ihm auf die Nerven ging. Eddie wußte natürlich, daß Richie nur Spaß gemacht hatte, aber es schien wirklich so, als machte ganz Derry einen Tagesausflug nach Bar Harbor... oder sonst wohin. Kein Auto auf der Straße; keine einzige alte Frau, die ein volles Einkaufswägelchen nach Hause schob.

»Derry ist ja wirklich wie ausgestorben, findest du nicht auch?« sagte er schließlich schüchtern, aber Bill nickte nur.

Sie überquerten die Kansas Street auf jene Seite, von der aus man in die Barrens gelangen konnte. Und dann sahen sie, wie Ben und Beverly auf sie zu gerannt kamen und etwas riefen. Eddie war total perplex über Beverly s Aussehen; normalerweise war sie sauber und gepflegt; ihre Haare waren immer frisch gewaschen und meistens ordentlich zum Pferdeschwanz frisiert. Jetzt war sie schmutzig von Kopf bis Fuß; ihre wirren, ölverschmierten Haare flatterten wild; sie hatte einen Kratzer auf der Wange, und ihre Augen waren schreckensweit aufgerissen.