Auch Ben, der mit schwabbelndem Bauch keuchend hinter ihr angerannt kam, sah sehr besorgt aus.
»Können nicht runter in die Barrens«, stammelte Bev. »die Jungen... Henry... Victor... sie sind irgendwo da unten... das Messer... er hat ein Messer...«
»B-B-Beruhige dich erst einmal«, sagte Bill, der sofort auf die ihm eigene fast unbewußte, mühelose Weise das Kommando übernahm. Er sah Ben fragend an, der mit hochrotem Kopf und ziemlich atemlos bei ihnen ankam.
»Sie sagt, er sei verrückt, Big Bill«, berichtete Ben.
»W-W-Was ist 1-los?« fragte Bill, und Eddie schob seine Hand in die Tasche und berührte seinen Aspirator. Er wußte zwar noch nicht, was los war, aber ihm war schon jetzt klar, daß es sich um etwas Schlimmes handelte.
Beverly zwang sich zur Ruhe und erzählte, was passiert war - es war allerdings nur ein verkürzter Situationsbericht, der damit begann, wie Henry und die anderen sie auf der Straße gefangen hatten. Von ihrem Vater erzählte sie ihnen nichts - sie schämte sich dieser Sache viel zu sehr.
Nachdem sie geendet hatte, stand Bill schweigend mit gesenktem Kopf da, die Hände in den Hosentaschen, Silvers Lenkstange an die Brust gelehnt. Die anderen warteten geduldig, warfen dabei aber immer wieder nervöse Blicke über das Geländer auf den Abhang und hielten Ausschau nach den drei großen Jungen. Bill dachte lange nach, und niemand störte ihn dabei. Es kam Eddie plötzlich in den Sinn, daß das der Auftakt zum Schlußakt sein könnte und daß die unnatürliche Stille irgendwie dazugehörte - jener Eindruck, als hätten sämtliche Einwohner die Stadt verlassen, als wären nur noch die leeren Hülsen der Gebäude da.
»K-K-Kommt«, sagte Bill schließlich. »W-Wir gehen r-r-r-runter.«
»Bill...«, brachte Ben gequält hervor. »Beverly sagt, daß Henry verrückt ist. Ich meine, wirklich verrückt. Sie sagt, er hätte sie töten...«
»D-Das alles gehört n-n-n-nicht ihnen!« sagte Bill und deutete demonstrativ auf die riesige grüne Fläche der Barrens rechts unter ihnen - auf das dichte Unterholz, die Büsche und Bäume, die Bambusstauden, das funkelnde Wasser des Kenduskeags. »Die B-B-Barrens s-sind nicht ihr Eigent-t-tum!« Er blickte mit grimmigem Gesicht in die Runde. »Ich hab's s-s-satt, von ihnen b-b-belästigt zu werden. Wir haben sie in der Sch-Sch-Stein-sch-schlacht besiegt, und wenn es sein muß, k-k-k-können wir sie w-wieder b-besiegen.«
»Aber, Bill«, wandte Eddie ein, »was ist, wenn es nicht nur sie sind?«
Bill wandte sich ihm zu, und Eddie stellte entsetzt fest, wie erschöpft, bleich und angespannt Bill aussah - dieses Gesicht hatte etwas Furchterregendes an sich, aber erst sehr viel später, kurz vor dem Einschlafen nach dem Treffen in der Bücherei, begriff er, woran das lag: Es war das Gesicht eines Jungen, der an den Rand des Wahnsinns getrieben worden war, eines Jungen, der letztlich vielleicht ebenso wenig Herr seiner eigenen Entscheidungen war wie Henry. Aber der eigentliche Bill war trotzdem noch da, sah Eddie aus jenen gehetzten, verwundeten Augen an... ein zorniger, zu allem entschlossener Bill.
»Na und«, sagte er, »was ist d-d-dann?«
Niemand antwortete ihm. Der Donner grollte, jetzt schon näher. Eddie blickte zum Himmel empor und sah von Westen her große schwarze Gewitterwolken aufziehen. Das würde einen ordentlichen Wolkenbruch geben.
»Ich s-s-sag' euch jetzt mal w-was!« rief Bill. »K-K-Keiner von euch b-braucht mitzugehen, wenn er n-nicht w-w-will. Es liegt g-ganz bei euch.«
»Ich komme mit, Big Bill«, sagte Richie ruhig.
»Ich auch«, sagte Ben.
»Klar«, sagte Mike achselzuckend.
Beverly und Stan erklärten ebenfalls, sie würden mitkommen, und zuletzt auch Eddie.
»Ich glaube, du solltest lieber nicht mitkommen, Eddie«, meinte Richie. »Weißt du, dein Arm sieht nicht allzugut aus.«
Eddie sah Bill an.
»Ich w-w-will aber, daß er m-mit von der P-P-Partie ist«, sagte Bill. »Du b-bleibst einfach in m-m-meiner N-Nähe, Eddie. Ich p-p-paß schon auf dich auf.«
»Danke, Bill«, sagte Eddie und mußte gegen Tränen ankämpfen. Bills müdes, nervöses Gesicht kam ihm plötzlich wunderschön vor - er liebte dieses Gesicht. Verwirrt dachte er: Ich würde für ihn sterben, glaube ich, wenn er mich dazu aufforderte. Was ist das nur für eine Macht? Auch wenn sie dazu führt, daß man so aussieht wie Bill jetzt, ist es vielleicht gar nicht so gut, diese Macht zu haben.
Der nächste Donnerschlag war so laut, daß alle zusammenzuckten und unwillkürlich näher zusammenrückten. Ein Wind kam auf und spielte mit den Abfällen im Rinnstein. Die erste schwarze Wolke verhüllte die diesige Sonnenscheibe und löste damit ihre Schatten auf. Der Wind war kalt und trocknete den Schweiß auf Eddies nacktem Arm; plötzlich fröstelte ihn.
Bill sah Stan an und sagte etwas Merkwürdiges: »H-H-Hast du dein V-V-V-Vogelbuch dabei, Stan?«
Stan klopfte auf seine Hüfttasche.
Bill blickte wieder in die Runde. »Gehen wir«, sagte er.
Sie stiegen im Gänsemarsch die Böschung hinab; nur Bill blieb, wie er versprochen hatte, an der Seite Eddies. Richie schob Silver, und unten angelangt, versteckten Mike und Bill die Räder wie immer unter der Brücke. Dann standen alle dicht nebeneinander da und schauten sich um.
Das aufziehende Unwetter bewirkte keine Dunkelheit, aber das Licht hatte sich verändert, und alle Dinge traten in einer Art traumhaftem, stählernem Relief hervor - schattenlos, klar, fast wie gemeißelt. Und Eddie begriff zu seinem Entsetzen, weshalb dieses Licht ihm so vertraut vorkam - es war die gleiche Art von Licht, an die er sich von dem Haus an der Neibolt Street erinnerte.
Ein greller Blitz zuckte durch die Wolken, und Eddie fuhr zusammen. Unwillkürlich zählte er: Eins... zwei... drei... Und dann explodierte der Donner wie ein M-8o-Feuerwerkskörper; es hörte sich wie ein hartes Bellen an, und sie rückten alle noch näher zusammen.
»Heute morgen wurde kein Regen angesagt«, murmelte Ben unbehaglich. »Heiß und dunstig, hieß es da.«
Mike blickte empor. Die Wolken dort oben glichen schweren, hohen Schiffen, die in Windeseile den Himmel bedeckten, der noch dunstig blau gewesen war, als er und Bill nach dem Mittagessen aus dem Haus der Denbroughs getreten waren. »Es zieht sehr schnell auf«, sagte er. »Ich habe noch nie ein Unwetter so schnell aufziehen sehen.« Und gleichsam zur Bestätigung seiner Worte donnerte es wieder laut.
»K-K-Kommt«, sagte Bill. »W-Wir b-b-bringen erst mal Eddies P-P-Par-cheesi-B-B-Brett ins K-K-K-Klubhaus.«
Sie gingen den Pfad entlang, den sie in all den Wochen seit dem Dammbau ausgetreten hatten. Bill und Eddie gingen voraus, die anderen folgten ihnen. Ein neuer Windstoß ließ die Blätter auf Bäumen und Büschen rascheln. Weiter vorne schlugen die Bambusgewächse aneinander wie unheimliche Trommeln in einer Dschungelgeschichte.
»Bill?« sagte Eddie leise.
»Ja?«
»Ich dachte immer, so was gab's nur in Filmen, aber...« Eddie lachte verlegen. »Aber ich habe das Gefühl, als beobachte mich jemand.«
»Oh, sie s-s-sind irgendwo in d-der N-N-Nähe, das ist k-klar«, sagte Bill. Eddie schaute sich nervös um und hielt sein Parcheesi-Brett etwas fester.
Er
11. Eddies Zimmer, 3.05 Uhr
öffnete die Tür und sah sich einem Monster aus einem Horror-Comic gegenüber; da stand eine blutige Gestalt, bei der es sich nur um Henry Bowers handeln konnte; diese gräßliche Erscheinung sah aus, als wäre sie soeben K dem Grab entstiegen. Henrys Gesicht war eine starre Fratze von Haß und Mordlust. Seine rechte Hand hielt etwas umklammert, und während Eddie die Augen vor Schrecken weit aufriß und entsetzt nach Luft schnappte, schoß diese Hand vor, und die lange Messerklinge blitzte auf.