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Und sie schlug wieder nicht um fünf Uhr morgens am i. Juni 1985.

In diesem Augenblick öffneten überall in Derry alte Menschen ihre Augen und setzten sich in den Betten auf. Ohne ersichtlichen Grund waren sie verstört. Arzneimittel wurden geschluckt, Zahnprothesen eingesetzt, Pfeifen und Zigarren angezündet.

Die Alten waren plötzlich auf der Hut. Einer von ihnen war der über neunzigjährige Norbert Keene. Er hinkte ans Fenster und betrachtete den Himmel, der sich sehr schnell verdunkelte. Der Wetterbericht hatte am Vorabend schönes klares Wetter für diesen Tag gemeldet, aber seine Knochen sagten ihm, daß es regnen würde, und zwar heftig. Er war tief im Innern beunruhigt; er fühlte sich auf unerklärliche Weise bedroht, so als dringe ein Gift unaufhaltsam in Richtung seines Herzens vor. Ihm fiel plötzlich jener Tag wieder ein, als die Brady-Bande unvorsichtigerweise ihren Einzug in Derry gehalten hatte und unversehens mit 75 Pistolen und Gewehren konfrontiert worden war. Nach solcher Arbeit war einem Mann irgendwie warm ums Herz, und er fühlte sich auf angenehme Art träge, so als sei alles

- nun ja, bestätigt worden. Er konnte es nicht besser ausdrücken. Nach solcher Arbeit fühlte ein Mann sich so, als könnte er ewig leben, und Norbert Keene war inzwischen verdammt nahe dran. Am 24. Juni würde er 96 werden, und er ging immer noch jeden Tag drei Meilen spazieren. Aber jetzt stieg eigenartigerweise plötzlich Angst in ihm auf.

»Jene Kinder«, murmelte er, ohne es zu wissen, vor sich hin, während er aus dem Fenster blickte. »Was treiben jene verdammten Kinder nur? Womit spielen sie jetzt wieder leichtsinnig herum?«

Egbert Thoroughgood, 98 Jahre alt, der im >Silver Dollar< gewesen war, als Claude Heroux mit seiner Axt aus vier Männern Kleinholz gemacht hatte, erwachte im selben Moment, setzte sich auf und stieß einen heiseren Schrei aus, den niemand hörte. Er hatte von Claude geträumt, nur hatte Claude es auf ihn abgesehen gehabt, und die Axt war herniedergesaust, und gleich darauf hatte Thoroughgood seine eigene abgetrennte Hand auf der Theke zucken sehen.

Etwas stimmt nicht, dachte er verworren und zitterte vor Angst am ganzen Leibe. Etwas Schreckliches ist im Gange. Ich habe das Gefühl, als würde alles zerfallen. Warum? Was stimmt nicht?

Dave Gardener, der im Oktober 1957 George Denbroughs verstümmelte Leiche entdeckt hatte, öffnete genau um 5 Uhr seine Augen und dachte, noch bevor er auf die Uhr auf der Kommode schaute: Die Uhr von Grace Church hat nicht geschlagen... was ist los? Er verspürte große undefinierbare Angst. Dave hatte es in all den Jahren zu finanziellem Wohlstand gebracht; 1965 hatte er das >Shoe-Boat< gekauft, und inzwischen gab es ein zweites >Shoe-Boat< im Einkaufszentrum von Derry und ein drittes in Bangor. Plötz-lieh schienen all diese Dinge, für die er sein Leben lang gearbeitet hatte, in Gefahr zu sein. Wodurch? fragte er sich, während er seine schlafende Frau betrachtete. Wodurch? Warum bist du auf einmal so verdammt ängstlich, nur weil diese Uhr nicht geschlagen hat? Aber er wußte darauf keine Antwort.

Er stand auf und ging zum Fenster, wobei er seine Pyjamahose hochzog. Wolken jagten von Westen her über den Himmel, und Daves Unruhe nahm zu. Zum erstenmal seit sehr langer Zeit dachte er an jene Schreie, die ihn vor über 27 Jahren auf seine Veranda hatten stürzen lassen, dachte er an jene zuckende Kindergestalt im gelben Regenmantel. Er betrachtete die heranziehenden Wolkenmassen und dachte: Wir sind in Gefahr. Wir alle. Ganz Derry.

Polizeichef Andrew Rademacher, der aufrichtig davon überzeugt war, sein Bestes getan zu haben, um die neue Serie von Kindermorden in Derry aufzuklären, stand auf der Veranda seines Hauses, die Daumen unter seinen Gürtel geschoben, blickte zu den Wolken empor und verspürte die gleiche Unruhe. Etwas zieht sich zusammen. Sieht ganz nach einem heftigen Wolkenbruch aus. Aber das ist noch lange nicht alles. Er schauderte... und während er noch auf der Veranda stand und der Duft des Specks, den seine Frau briet, ihm in die Nase stieg, fielen die ersten schweren Regentropfen auf den Gehweg vor seinem hübschen Haus in der Reynolds Street, und irgendwo am Horizont über dem Bassey Park donnerte es.

Rademacher schauderte wieder.

9. George

Bill hielt das Streichholz hoch... und stieß einen langen, zittrigen, verzweifelten Schrei aus.

Georgie schwankte durch den Tunnel auf ihn zu, in seinem blutbefleckten gelben Regenmantel. Ein Ärmel baumelte an ihm schlaff und nutzlos herunter. Georgies Gesicht war schneeweiß, und seine Augen funkelten silbrig. Er starrte Bill in die Augen.

»Mein Boot!« Georges verlorene, verdammte Stimme hallte laut durch den Tunnel. »Ich kann es nicht finden, Bill, ich habe überall danach gesucht, und ich kann es nicht finden, und jetzt bin ich tot, und es ist deine Schuld, deine Schuld, DEINE SCHULD. ..«

»G-G-G-Georgie!« kreischte Bill am Rande des Wahnsinns.

George stolperte taumelnd auf ihn zu, und nun erhob er seinen einzigen Arm gegen Bill, die weiße Hand zur Klaue gekrümmt. Die Fingernägel waren lang, schmutzig und krallenartig.

»Deine Schuld!« flüsterte George grinsend. Er hatte jetzt richtige Fangzähne, die sich langsam öffneten und schlössen wie die Zähne einer Bärenfalle. »Du hast mich rausgeschickt, und es ist alles... deine... Schuld!«

»N-N-Nein, Georgie!« schrie Bill. »N-Nein. Ich w-w-w-wußte nicht...«

»Ich bringe dich um!« rief George, und eine Mischung hundeartiger Laute kam aus seinem Mund mit den Fangzähnen: Jaulen, Kläffen, Heulen. Eine Art Gelächter. Bill konnte ihn jetzt riechen, nahm den Verwesungsgestank

seines Bruders George wahr. Es war ein Kellergestank, feucht und intensiv, irgendwie vital - der Geruch eines schrecklichen Monsters mit gelben Augen, das in der Ecke hockt und nur darauf lauert, einem kleinen Jungen die Eingeweide aus dem Leib zu reißen.

Georges Zähne schnappten zusammen, mit einem Geräusch wie das aneinanderschlagender Billardkugeln. Gelber Eiter begann aus seinen Augen zu sickern und ihm über die Wangen zu rinnen... und dann ging das Streichholz aus.

Bill spürte, wie seine Freunde verschwanden - sie rannten weg, natürlich rannten sie weg und ließen ihn allein. Sie distanzierten sich von ihm, sie wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben, so wie auch seine Eltern ihn geschnitten hatten, weil Georgie recht hatte: alles war seine Schuld gewesen. Bald würde diese einzige Hand ihn an der Kehle packen, bald würden diese Fangzähne ihn zerfleischen, und das würde richtig sein: Er hatte Georgie in den Tod getrieben, und er hatte sein ganzes Leben als Erwachsener damit verbracht, über den Schrecken dieses Verrats zu schreiben - oh, er hatte dieses Thema in verschiedenster Weise abgehandelt, es immer neu verkleidet, ihm immer wieder ein neues Gesicht gegeben - so wie Es für ihn und seine Freunde immer wieder neue Gesichter, neue Masken und Verkleidungen aufgesetzt hatte - aber im Grunde genommen hatte es immer nur George gegeben, der mit seinem paraffinüberzogenen Papierboot in den nachlassenden Regen hinausrannte. Und nun hatte endlich die Stunde der Sühne geschlagen.