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»Du verdienst den Tod, weil du mich umgebracht hast«, flüsterte George. Er war jetzt nahe... ganz nahe. Bill schloß die Augen. Es stimmte.

Dann flammte plötzlich ein gelbes Licht auf, und er sah, daß Richie ein Streichholz hochhielt. »Bekämpf Es, Bill!« schrie Richie. »Um Gottes willen, bekämpf Es!«

Was macht ihr denn hier? Er sah sie fassungslos an. Sie waren also doch nicht weggerannt. Wie war das nur möglich? Wie konnte das sein, nachdem sie doch gesehen hatten, auf welch gemeine, hinterhältige Weise er seinen eigenen Bruder umgebracht hatte?

»Bekämpf Es!« schrie nun auch Beverly. »O Bill, du mußt Es bekämpfen! Dieses Monster kannst nur du bekämpfen! Bitte, um Gottes willen...«

George war jetzt weniger als fünf Fuß entfernt. Er streckte Bill plötzlich die Zunge heraus. Sie war schwarz, und weiße Pilze wucherten darauf. Bill schrie wieder auf.

»Töte Es, Bill!« rief Eddie. »Das ist nicht dein Bruder! Töte Es, solange Es klein ist. töte es jetzt gleich!«

George richtete den Blick seiner leuchtend silbrigen Augen für einen Moment auf Eddie, und Eddie taumelte rückwärts und prallte gegen die Wand,, so als hätte ihm jemand einen heftigen Stoß versetzt. Bill stand da wie hypnotisiert und beobachtete, wie sein Bruder auf ihn zukam; da war George wieder, nach all den vielen Jahren, George stand am Ende von allem, wie er auch am Anfang gestanden hatte, o ja, und er hörte das leise Knistern von Georges gelbem Regenmantel bei jeder Bewegung, er hörte das Klirren der Schnallen, mit denen der Mantel vorne geschlossen wurde, und er nahm einen Geruch wie den vermodernder nasser Blätter wahr, so als bestünde

Georges Körper unter dem Regenmantel aus nassem schwarzem Herbstlaub, als wären die Füße in Georges Gummistiefeln Blätter-Füße - ja, ein Blätter-Mensch, das war es, das war George, er war ein verfaultes Bailongesicht und ein Körper aus welken Blättern, wie sie manchmal nach heftigen Regenfällen die Gullys verstopfen. Alles war in Ordnung. George würde ihn umbringen, er würde seine Schuld endlich sühnen können.

(und der Schrecken wird weitergehen, es wird immer neue tote Kindergeben, und der Mann auf der Veranda hatte Bev gehört, wie sie um Hilfe schrie, und hatte seine Zeitung gefaltet und war ins Haus gegangen)

Wie von Ferne hörte er Beverly kreischen.

(immer neue Tote noch mehr Tote im finstern Föhrenwald)

»Bill, bitte, Bill...«

(da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz furchtlos kalt)

»Wir werden gemeinsam nach meinem Boot suchen«, sagte George. Dicker, gelber, klebriger Eiter floß ihm über die Wangen wie Tränen. Er streckte seine weiße gekrümmte Hand nach Bill aus. Wasser tropfte von ihr herab. Er legte den Kopf zur Seite und bleckte seine Fangzähne.

(sogar noch gegen Geister, gegen Geister, gegen Geister)

»Wir werden es finden«, sagte George, und nun roch Bill seinen Atem, und es war ein Geruch wie der überfahrener Tiere, die mit heraushängenden Eingeweiden um Mitternacht in Blutlachen auf dem Highway liegen. Als George den Mund weit aufriß, konnte Bill sehen, daß dort drinnen Gewürm herumkroch. »Es ist immer noch irgendwo hier unten, alles schwimmt hier unten, alles schwimmt und schwebt, und auch wir werden schwimmen und schweben, Bill, wir alle werden schweben...«

Georges fischbauchweiße Hand packte Bill an der Kehle.

(SOGARNOCH GEGEN GEISTER, GEGEN GEISTER, GEGEN GEISTER. ..)

Georges verzerrtes Gesicht schoß auf Bills Kehle zu.

».. .schweben...«

»Im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister!« brüllte Bill plötzlich. Seine Stimme war sehr tief und hörte sich überhaupt nicht wie seine eigene Stimme an, und Richie fiel blitzartig ein, daß Bill nur in seiner eigenen Stimme stotterte: wenn er so tat, als wäre er jemand anderer, stotterte er nie.

George stieß ein Zischen aus, wich etwas zurück und hielt sich abwehrend die Hand vors Gesicht.

»Das ist es!« rief Richie. »Du hast Es getroffen, Bill! Weiter so! Mach weiter! Bring Es zur Strecke!«

»Im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, der ficht ganz furchtlos kalt sogar noch gegen Geister!« donnerte Bill und ging auf das Ge-orge-Wesen zu. »Du bist aber nicht einmal ein Geist! Du bist nicht Georges Geist! George weiß, daß ich seinen Tod nicht wollte! Meine Eltern hatten unrecht! Sie haben es mich büßen lassen, und das war falsch] Hörst du mich?«

Das George-Wesen drehte sich abrupt um und begann wie eine Ratte zu quieken. Es zerlief unter dem gelben Regenmantel. Der Regenmantel selbst schien in gelben Klecksen zu zerlaufen. Er verlor seine Form, löste sich allmählich auf.

»Im finstern Föhrenwald, da wohnt ein wahrer Meister, du Hundesohn!« brüllte

Bill Denbrough, »der ficht ganz furchtlos kalt sogar noch gegen die verdammten, verfluchten Geister...!« Er sprang auf Es zu, und seine Finger gruben sich in den gelben Regenmantel, der kein Regenmantel mehr war. Was er zu pak-ken bekam, fühlte sich wie ein warmer Rahmbonbon an, der ihm zwischen den Fingern zerschmolz. Dann schrie Richie auf, weil das flackernde Streichholz ihm die Finger verbrannt hatte, und sie wurden wieder von Dunkelheit umhüllt.

Bill spürte, wie ihm etwas in die Kehle stieg, etwas Heißes und Erstickendes, etwas so Schmerzhaftes wie Brennesseln. Er ließ sich auf den Boden fallen, zog seine Knie bis ans Kinn hoch und hoffte, daß das den Schmerz lindern würde; er war jetzt dankbar für die Dunkelheit, dankbar, daß die anderen seine Qual nicht sehen konnten.

Er hörte, daß sich ein Laut seiner Kehle entrang - ein hohes, zitterndes Stöhnen. Dann ein zweites, ein drittes. »George!« rief er. »George, es tut mir leid! Ich wollte wirklich nicht, daß dir etwas Schlimmes zustößt!«

Vielleicht gab es noch mehr zu sagen, aber er konnte es nicht sagen. Er brach in lautes Schluchzen aus, auf dem Rücken liegend, einen Arm über die Augen gelegt; er erinnerte sich an das Boot, erinnerte sich an das Klopfen des Regens gegen die Fensterscheiben, erinnerte sich an die Arzneimittel und die Taschentücher auf dem Nachttisch, an sein leichtes Kopfweh und Fieber, aber am besten erinnerte er sich an George, an George und an all den Schmerz, den zu bewältigen und zu artikulieren ihm niemand geholfen hatte; und er erinnerte sich an seine Schuldgefühle, die niemand hinter dem Symptom seines immer schlimmer werdenden Stotterns erkannt hatte, er erinnerte sich an die Einsamkeit und an die Angst und an die Gewissensbisse. Das alles war jetzt in diesem Feuerball des Schmerzes in seiner Brust und Kehle, in diesen Brennesseln, die letztlich alle nichts anderes waren als Variationen eines einzigen Bildes, das sich mit grausamer Eindringlichkeit in sein Gedächtnis eingebrannt hatte - sein Bruder Georgie im gelben Regenmantel mit Kapuze.

»Georgie, es tut mir leid!« rief er wieder durch seine Tränen hindurch. Sein herzzerreißendes Schluchzen stieg aus tiefster Seele auf. »Es tut mir leid, es tut mir leid, bitte, es tut mir ja so LEID. ..«

Und dann waren sie um ihn herum, seine Freunde, und niemand zündete ein Streichholz an, und jemand hielt ihn in den Armen, er wußte nicht wer, vielleicht Beverly, vielleicht auch Ben oder Richie. Sie waren bei ihm, und für diese kurze Zeit kam die Dunkelheit ihm tröstlich vor.

10. Derry 5.30 Uhr

Gegen 5.30 Uhr morgens regnete es stark. Die Meteorologen der Rundfunksender in Bangor brachten ihre gelinde Überraschung und ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, daß ihre Wettervorhersagen vom Vortag die Leute zum Pläneschmieden für Picknicks und Partys im Freien und Ausflüge verleitet hatten, die jetzt abgesagt werden müßten; sie waren gezwungen, wieder einmal zuzugeben, daß sie das Wetter doch nicht so im Griff hatten, wie sie manchmal gern glauben wollten. Zu ihrer Rechtfertigung wiesen sie darauf hin, daß die Wetterzonen sich im Penobscot Valley manchmal mit verblüffender Schnelligkeit verändern konnten.