Er trank Cola aus der Dose, ein etwa siebzigjähriger Mann mit Falten um die Augen und auf den Wangen. Er trug verblichene graue Arbeitskleidung und ging zwischen dem Erzählen immer wieder einmal hinaus, um Kunden in seiner Tankstelle an der Kansas Street zu bedienen.
»Na ja, Sie werden mich wahrscheinlich für verrückt halten«, sagte er, »aber ich könnte Ihnen noch etwas anderes erzählen, wenn Sie Ihr Karussell da mal anhalten.«
Ich schaltete meinen Kassettenrecorder aus und lächelte ihm zu.
Er lächelte zurück, aber es war kein frohes Lächeln. »Eines Abends spülte ich das Geschirr - es war im Spätherbst 1958, nachdem alles vorüber war. Meine Frau schlief oben. Betty war das einzige Kind gewesen, das Gott uns geschenkt hatte, und nach ihrer Ermordung schlief meine Frau sehr viel. Na ja, ich ließ also das Wasser ablaufen. Sie kennen ja das Geräusch, wenn ein Spülmittel mit drin ist - ein irgendwie undeutliches, saugendes Geräusch. Und als es fast verklungen war, hörte ich da unten meine Tochter. Ich hörte Betty irgendwo da unten in den Leitungsrohren. Sie lachte. Sie lachte dort unten im Dunkeln. Nur klang es für meine Ohren mehr wie ein Hilferuf. Sie schrie und lachte da unten in den Rohren. Das war das einzige Mal, daß ich irgend so was gehört habe. Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet. Aber... ich glaube es nicht.«
Er sah mich an, und ich erwiderte seinen Blick. Durch die schmutzigen Fenster der Tankstelle drang helles Sonnenlicht, aber mir war kalt, eiskalt.
»Glauben Sie, daß ich Ihnen einen Bären aufbinden will?« fragte der alte Mann, der 1957 etwa 45 Jahre alt gewesen sein muß, der alte Mann, dem Gott nur eine einzige Tochter geschenkt hatte. Sie hieß Betty Ripsom, und sie wurde kurz nach Weihnachten jenes Jahres in einem Straßengraben an der Outer Jackson Street aufgefunden - mit weit aufgeschlitztem Leib.
»Nein«, erwiderte ich ernst. »Das glaube ich keineswegs.«
Vielleicht hätte er mir noch mehr erzählt, aber ein lautes Klingeln unterbrach uns - draußen war wieder ein Auto zum Tanken vorgefahren. Mr. Ripsom stand auf und schlurfte hinaus.
Ich habe Albert Carson etwa einen Monat vor seinem Tod zum letzten Mal gesehen. Der Zustand seines Kehlkopfes hatte sich verschlimmert. Er konnte nur noch flüstern. »Ich nehme an, Sie wollen eine Geschichte von Derry schreiben, stimmt's?«
»Ich habe mit dieser Idee gespielt«, sagte ich, aber ich glaube, ich wußte damals schon, daß etwas anderes in der Luft lag. Ich hatte das unerklärliche, aber sehr starke Gefühl, ich müßte den Dingen auf den Grund gehen. Vielleicht wird ein Eichhörnchen im Herbst von einem ähnlichen Gefühl dazu veranlaßt, sich Nußvorräte anzulegen. Ich hatte das Gefühl, hilflos in irgendeine verrückte Maschinerie geraten zu sein, mich von der Strömung einfach tragen lassen zu müssen, wenn ich nicht ertrinken wollte.
»Sie werden zwanzig Jahre dazu brauchen, und das Höchste, was sie erhoffen können, ist, daß Ihr Werk ein klein wenig besser als Bullingers wird«, flüsterte er. »Lassen Sie es lieber bleiben, Mike. Kein Mensch würde Ihr Buch lesen. Kein Mensch würde es lesen wollen. Wissen Sie, daß Bullinger Selbstmord begangen hat?«
Ich wußte es schon seit einiger Zeit.
»Wissen Sie über den Zyklus Bescheid?«
Ich starrte ihn verblüfft an.
»O ja, ich kenne ihn«, flüsterte Carson. »Alle 26 oder 27 Jahre. Auch Bullinger kannte diesen Zyklus. Von den Alten wissen sehr viele darüber Bescheid, auch wenn sie es um nichts in der Welt zugeben würden. Lassen Sie es bleiben, Mike.«
»Ich kann nicht«, sagte ich.
»Dann seien Sie auf der Hut«, krächzte er. »Seien Sie auf der Hut.« Und plötzlich hatte dieser sterbende alte Mann die riesigen, schreckensweit aufgerissenen Augen eines Bundes.
Derry. Meine Heimatstadt. Nach der gleichnamigen Grafschaft in Irland benannt. Derry. Ich kam im hiesigen Community Hospital zur Welt; ich bin hier zur Schule gegangen, habe die hiesige Junior High School besucht. Danach die High School. Anschließend war ich auf der University of Maine ->gleich hier um die Ecke<, wie man hier sagt - und dann kehrte ich hierher zurück, in die Stadtbücherei. Nichts Besonderes. Ein Kleinstadtleben.
Im Jahre 1876 fand eine Gruppe von Holzfällern eine andere Gruppe, die im Winter in einem Lager am oberen Kenduskeag eingeschneit worden war. Neun Männer, alle in Stücke gehackt. Köpfe lagen herum... und Arme... und ein - zwei Füße...
Im Jahre 1849 vergiftete John Markson seine ganze Familie und verschlang dann selbst einen ganzen weißen Knollenblätterpilz. Er muß furchtbare Todesqualen gelitten haben. Der Stadtpolizist, der ihn fand, schrieb in seinem ersten Bericht, er habe geglaubt, die Leiche grinse ihn an; er schrieb von >Marksons fürchterlichem weißen Lächeln<. Es stellte sich dann heraus, daß dieses >weiße Lächeln< darauf zurückzuführen war, daß Markson den ganzen Mund voll Knollenblätterpilz hatte; er hatte noch weitergegessen, als die Wirkung schon eingetreten war und er sich in Todeskrämpfen gewunden hatte.
Am Osternachmittag des Jahres 1903 veranstalteten die Eigentümer der Kitchner-Eisenhütte eine Ostereiersuche für >alle braven Kinder von Derry<. Gefährliche Teile der Eisenhütte wurden abgeschlossen und über 500 mit bunten Bändern geschmückte Schokoladeneier im übrigen Gebäude versteckt. Bullingers Darstellung zufolge waren mindestens soviel Kinder gekommen wie Eier versteckt waren, und sie rannten fröhlich lachend und schreiend durch die sonntäglich stille Eisenhütte und fanden die bunten Eier in den Schreibtischschubladen der Vorarbeiter, zwischen den großen rostigen Zähnen der Getrieberäder, in tiefen Gußformen im zweiten Stockwerk, die auf den alten Fotos aussehen wie Kuchenformen aus der Küche eines Riesen. Drei Generationen von Kitchners waren anwesend, um dem fröhlichen Treiben zuzuschauen und Preise zu verteilen. Genau um Viertel nach drei an jenem Nachmittag explodierte die Eisenhütte. Über hundert Personen, darunter 88 Kinder, kamen ums Leben. Am nächsten Tag, als die ganze Stadt von der Tragödie noch wie gelähmt war, fand eine Frau den Kopf eines neunjährigen Jungen, Robert Dohay, in ihrem Apfelbaum hinter dem Haus. Der Kopf hatte Schokolade an den Zähnen und Blut an den Haaren. Neun Kinder und ein Erwachsener wurden nie gefunden. Die Ursache der Tragödie - der schlimmsten in Derrys Geschichte, sogar noch schlimmer als das Feuer im >Black Spot< 1930 - wurde nie geklärt. Alle vier Kessel der Eisenhütte waren verschlossen gewesen.
Die Mordrate in Derry ist sechsmal so hoch wie in jeder anderen Stadt Neuenglands vergleichbarer Größe. Nicht zwei- oder dreimal so hoch. Nein - sechsmal. Pro Jahr verschwinden durchschnittlich 40 bis 60 Kinder, die nie gefunden werden. Bei den meisten handelt es sich um Teenager, und die offizielle Version lautet, daß sie von Zuhause weglaufen. Vielleicht sind wirklich einige Ausreißer darunter. Einige.
Und in den Jahren 1930 und 1958 war die Rate viel höher. 1930 verschwanden laut Polizeiakten 170 Kinder. Das ist ohne weiteres verständlich, erklärte mir der jetzige Polizeichef, als ich ihm die Statistik zeigte. Es war die Zeit der Depression. Die meisten hatten es vermutlich einfach satt, ständig Kartoffelsuppe zu essen oder hungrig ins Bett zu gehen; sie haben sich aus dem Staub gemacht, auf der Suche nach etwas Besserem.
1958 verschwanden 127 Kinder im Alter von drei bis 19 Jahren. Gab es 1958 auch eine Depression, fragte ich Polizeichef Rademacher. Nein, sagte er, aber die Leute ziehen eben sehr oft um, Hanion. Und nicht immer informieren sie die Polizei. Und Kinder laufen nun mal leicht von zu Hause fort. Sie bekommen Krach mit ihren Eltern, weil sie zu spät nach Hause gekommen sind - und schon sind sie auf und davon.
Ich zeigte Rademacher das Foto von Chad Löwe, das im April 1958 in den >Derry News< veröffentlicht worden war. Glauben Sie, daß dieser Junge auch nach einem Krach mit seinen Eltern weggelaufen ist? Er war gerade dreieinhalb Jahre alt, als er verschwand!
Rademacher warf mir einen bösen Blick zu und sagte, es sei zwar sehr nett gewesen, mit mir zu plaudern, er habe aber sehr viel zu tun. Ich ging.
Heimsuchung - unangenehmer Besuch, Plage...
Heimsuchen - in feindlicher Absicht aufsuchen, überfallen...
Heimgesucht werden - von Seuchen, von bösen Geistern...
Das Albrecht-Mädchen. Der Johnson-Junge.
Noch ein Kind, und ich werde anrufen; aber erst, wenn es unbedingt sein muß. In der Zwischenzeit habe ich meine Vermutungen, meinen gestörten Schlaf und meine Erinnerungen. Diese verdammten Erinnerungen ... Und ich habe dieses Notizbuch, das ich benutze wie ein Löwendompteur seine Peitsche und seinen Stuhl. Ich sitze da, und meine Hand zittert so stark, daß ich kaum schreiben kann, ich sitze in der leeren Bücherei, wenn sie geschlossen ist, ich sitze da, lausche auf die leisen Geräusche in den dunklen Bücherregalen und beobachte die Schatten, um sicher zu sein, daß sie sich nicht bewegen, nicht verändern.
Ich sitze neben dem Telefon.
Ich lege meine freie Hand auf den Hörer... berühre die Löcher in der Wählscheibe... dieser Apparat könnte in Windeseile die Verbindung zu meinen alten Freunden herstellen.
Wir sind gemeinsam in die Tiefe gestiegen.
Wir sind gemeinsam in die Dunkelheit hinabgestiegen.
Würden wir aus dieser Dunkelheit wieder herauskommen, wenn wir ein zweites Mal hinabstiegen?
Ich glaube kaum.
Ich bete zu Gott, daß ich sie nicht anrufen muß.
Ich bete zu Gott.